?> Wei Guangqing. Pop Art ‚made in china‘ | Ulrike Münter

Wei Guangqing. Pop Art ‚made in china‘

FOCUS ASIA. Einblicke in die Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2011-10

Mit der Performance The Plan of Suicide (1988) sicherte sich Wei Guangqing (*1963) seinen Platz in der Geschichte der chinesischen Avantgarde. Nur wenige Jahre später startete er seine in Öl auf Leinwand und im Pop-Art-Stil gemalte Serie Red Wall. Dass chinesische Künstler nach dem Ende der Kulturrevolution einerseits zu extremen Ausdrucksformen greifen und sich gleichzeitig der Pop Art zuwenden, wird verständlich, wenn man auf die Entstehungsbedingungen der westlichen Pop Art zurückblickt. „Pop ist ein Wiedereintritt in die Welt“, bringt Robert Indiana die Intention der Künstler nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf den Punkt.

Es gibt wohl kaum ein deutlicheres „Nein“ zu jedweder Form der Kontinuität als die in Erwägung gezogene Selbsttötung. In seiner Performance The Plan of Suicide (1988) legt sich Wei Guangqing in der chinesischen Trauerfarbe Weiß gekleidet auf ein rotes Kreuz. Die Aufforderung des Künstlers an andere, sich ebenfalls in diese Versuchsanordnung zu begeben, betont die lebensbejahende Komponente der Performance: Denn wer mit ganzer Kraft für ein selbstbestimmtes Leben eintritt, wählt im Falle der Verweigerung dieser Freiheit im extremsten Falle eher den Tod als ein Leben in Unfreiheit.

Im Westen waren es die traumatisierenden Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der anschließende wirtschaftliche Aufschwung – genauer der damit einhergehende Konsumismus –, die Künstler im Rahmen der Pop-Art-Bewegung zu einer stark abstrahierenden Formensprache übergehen ließen. Die im Alltag zunehmend dominanter werdende Werbeästhetik übernehmen sie in die Kunst. In China weckten das Ende der Kulturrevolution und die rasante Modernisierung ein ähnliches Bedürfnis. Mit seiner 1992 gestarteten und zumeist in Öl auf Leinwand gemalten Serie Red Wall gehört Wei Guangqing zu den Wegbereitern der chinesischen Pop Art.

In Red Wall – Coca Cola (1998) wird ein Werbelogo des amerikanischen Softdrink-Exportschlagers Coca-Cola mit der Darstellung einer nackten und lasziv schmachtenden chinesischen Schönheit kombiniert. Dieses Arrangement überlagert eine in traditionell chinesischem Stil gemalte Zeichnung, die dem literarischen Erotik-Klassiker Jin Ping Mei, (geschrieben am Ende der Ming Dynastie im 16. Jahrhundert) entnommen wurde. Am unteren Bildrand erstreckt sich die für die Serie symptomatische rote Mauer mit dem Schriftzug „China“. Kopulierende Frösche sind patchworkartig darüber geblendet. ‚Die Welt ist aus den Fugen’ könnte man diese eklektizistische Szenerie zusammenfassen und damit gleichzeitig den Zusammenprall verschiedenster östlicher und westlicher, traditioneller und gegenwärtiger Wertesphären im zeitgenössischen China beschreiben.

Szenen aus dem bereits angesprochenen Roman-Klassiker erscheinen in Wei Guangqings gleichnamigem Bild Jin Ping Mei No. 16 (2005) als Innenleben einer formal abstrahierten Teekanne. Diese wiederum bildet das Zentrum eines Farbfeld-Nummern-Bildes, gemalt im Stil des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Robert Indiana. Dieser Akt der Aneignung eines fremden Kunststils steht stellvertretend für den Balanceakt vieler Künstler der chinesischen Avantgarde. So galt es nach der Öffnung des Landes einerseits, sich international zu verorten, andererseits sollte dabei die Suche nach einem authentischen künstlerischen Ausdruck nicht aus dem Blick geraten.

Die 2008 begonnene Serie In Inscription fokussiert die jüngste Vergangenheit Chinas, die Zeit der Kulturrevolution. In bekannter Wahrhol-Manier multipliziert Wei Guangqing zunächst eine für die damalige Propaganda typische Szene mit kraftvoll zupackenden Arbeitern und Arbeiterinnen. Den Verfemdungseffekt steigert er zudem durch eine moderne Farbigkeit. Gleichzeitig durchdringen die in China allseits bekannten und für ihre Qualität geschätzten Kalligrafien von Mao Zedong die gesamte Bildfläche und geben der abstrahierten Darstellung einen stark appelativen Charakter. „Kampf für den Sozialismus“ fordern die Schriftzeichen in In Inscription No.1 (2008). Der Zeitensprung mag für junge Betrachter ein vorrangig ästhetischer sein. Für Chinesen allerdings, die diese zur Pop Art stilisierten Zeitzeugnisse noch aus ihrem Ursprungskontext kennen, ist dieser Transfer wohl nur schwer nachzuvollziehen.


FOCUS ASIA: Einblicke in die Sammlung Wemhöner