Tobias Zielony. Woanders, aber ähnlich ( en )

IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2012-10

Den in Berlin lebenden Fotografen und Filmemacher Tobias Zielony (*1973) zieht es für seine Projekte bis heute an Orte, welche die dort Lebenden eher verlassen wollen.

„Warum haben Jugendliche in Marseille, Bristol oder Halle-Neustadt dieselben Jogginganzüge an?“, fragt sich Tobias Zielony bereits 2001 in seiner Abschlussarbeit im Fachbereich Dokumentarfotografie an der University of Wales, Newport. Im Einverständnis mit den Menschen vor der Kamera – ohne Scheinwerfer oder Blitz und oftmals bei Nacht – entstehen Bilder, die nicht werten oder anklagen, sondern von respektvoll distanziertem Interesse zeugen. Für seine Fotoserie Vele (2009/2010) reist Zielony in die berühmt-berüchtigte Wohnsiedlung Vele di Scampia (Die Segel von Scampia) im Norden Neapels, die von der mafiaähnlichen Verbrecherorganisation Camorra kontrolliert wird. Nicht nur die Gesichter der Jugendlichen sprechen für sich. Die Architektur des in den 1970er-Jahren mit heroischen Zielen gebauten und nie fertiggestellten Gebäudekomplexes ist zum Inbegriff des italienischen Drogenhandels geworden.

Unübersehbar sind die reportageartigen Züge in Tobias Zielonys Fotoserien. Mit einer analogen Kleinbildkamera, seltener im Mittelformat oder auf Diafilm aufgenommen, zeigen seine Bilder triste Landschaften und marode Architektur. Die dort porträtierten Jugendlichen haben ihr Umfeld lange inhaliert. Und genau in dieser Wechselwirkung wird die Haltung des Fotografen sichtbar. Es geht ihm nicht um das schnelle, unbemerkte Foto, das jemanden in einer heiklen oder entblößenden Situation zeigt. Gerade im Wissen seiner Protagonisten, dass sie fotografiert werden, sieht Zielony die Qualität seiner Bilder.

Die von ihm aufgenommenen jungen Menschen erlangen einen Zeitzeugenstatus und dieses Bewusstsein genießen sie durchaus. „Die Leute haben sozusagen darauf gewartet, dass jemand kommt, der sich für sie interessiert“, beschreibt Zielony die Sehnsucht der Jugendlichen, wahrgenommen zu werden (Interview mit Marcus Woeller, Stylemag.net, November 2008). Seine Entscheidung gegen die Arbeit als Reportagefotograf begründet er mit dem Schlagzeileninteresse der Medien. Sein Ziel, sich genau dieser Eindeutigkeit zu entziehen, sei damit unvereinbar.

Ob in einer heruntergekommenen polnischen Wohnsiedlung in Zgora (2008) oder im kalifornischen Niemandsland Trona (2008), die von Zielony Porträtierten zelebrieren ihre Jugendkultur durchaus ähnlich. Dem Phänomen der Jogginghose ist der Fotograf bereits am Ende seines Studiums auf der Spur. Die übergroßen Hosen und T-Shirts bestimmter Marken oder andere Modeerscheinungen tauchen in Bildern auf, die an weit entfernt liegenden Orten aufgenommen wurden. Diesbezüglich ist man sich einig, ohne sich zu kennen. Eine ästhetische Verbundenheit, die dem Zeitalter der globalen Medienkommunikation zu verdanken ist, nicht aber der bewussten Solidarität. Die von Armut, chronischer Langeweile oder Drogenkonsum gezeichneten Gesichter machen die ebenfalls global anzutreffende Perspektivlosigkeit dieser Generation sichtbar.

Ins Zentrum des organisierten Verbrechens begibt sich Zielony für sein Fotoprojekt Vele. Einst galt der nahe Neapel gelegene Gebäudekomplex Vele di Scampia als eines der bedeutendsten Bauwerke des sozialen Wohnungsbaus. Zwischen 1962 und 1975 nach Plänen des Architekten Francesco di Salvo errichtet, wurden drei der sieben Gebäude bereits zwischen 1997 und 2003 wieder abgerissen. Die standardisierte Serienproduktion von Wohnungen, die im Sinne des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier Wohnkomfort und Wirtschaftlichkeit vereinen sollte, gilt heute als Problemviertel und Drogenumschlagplatz. Eine wichtige Rolle spielt dabei die mafiaähnlich strukturierte Camorra.

Internationale Aufmerksamkeit erlangte Vele di Scampia durch den Film Gomorrah (2008) von Matteo Garrone. Zielony beginnt seine Recherchen ein Jahr vor Erscheinen des Films. „Wenn man sich dahin begibt, ist es, als würde man einen anderen Raum betreten“, erzählt er im Gespräch mit Isabell Gössele (SWR.de, September 2011). Er habe Leute an seiner Seite gebraucht, die aus der Siedlung kommen. Die dort entstandenen Fotos zeigen labyrinthische Brückengänge bei Nacht (Structure, 2010), Treppen, die scheinbar ins Nirgendwo führen (Stairs 2, 2010), und Wohntürme, die Etage für Etage eine Mischung aus Resignation und Aggression stapeln. Das Geisterstadtambiente der mehrheitlich leerstehenden, in Beton gegossenen und dem Verfall anheimgegebenen Wohnmodule wirkt umso bedrohlicher, weil einzelne Lichter verraten, dass hier sehr wohl Menschen leben. Dies bestätigen die wenigen Porträtfotos der in Vele di Scampia lebenden Jugendlichen.

Parallel zur analogen Vele-Fotoserie nimmt Zielony bei Nacht mit einer digitalen Spiegelreflexkamera 7000 Einzelbilder auf und montiert sie zu dem neunminütigen Animationsfilm Le Vele di Scampia (2009). In stakkatohaftem Rhythmus führt er den Ausstellungsbesucher durch die trostlosen Gänge des architektonischen Ungetüms oder zeigt es aus der Distanz. Gleichzeitig fasziniert die an frühere Stummfilme erinnernde Ästhetik von Le Vele di Scampia. Das Gefühl, in eine Parallelwelt abzutauchen, verstärkt Tobias Zielony, indem er während der Filmpräsentation das Licht im Ausstellungsraum löscht. Nach neun Minuten ist der Albtraum vorbei und das Licht holt in die Wirklichkeit zurück; insbesondere die Gesichter der Jugendlichen am Schluss des Films bleiben aber nachhaltig in Erinnerung.


IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner