Michael Najjar. Reale Virtualität

FOCUS ASIA. Einblicke in die Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2011-10

Wenn der Fotokünstler Michael Najjar (*1966) seine Arbeiten als Hybridfotografien bezeichnet, so geht es ihm bei dieser Kategorisierung nicht nur um eine Abgrenzung gegenüber der klassischen Fotografie, sondern auch um ein erweitertes Verständnis des Mediums. Analoge, digitale und computergenerierte Bildelemente werden kombiniert und zum Teil so stark verfremdet, dass kaum noch Rückbezüge zum real Gesehenen möglich sind. Palimpsestartig ineinander geschichtete Aufnahmen von Megacitys in der Serie netropolis (2003–2006) haben die Beschränkungen der menschlichen Wahrnehmung bereits zurückgelassen. Einen Blick in die bereits gegenwärtige Zukunft gewährt high altitude (2008–2010). So entsprechen die Konturen von Bergformationen den Verlaufskurven von Börsenindizes.

Für die großformatigen Stadtlandschaften von netropolis bestieg Michael Najjar das jeweils höchste Gebäude der Städte Berlin, Peking, Dubai, Hongkong, London, Los Angeles, Mexiko City, New York, Paris, São Paulo, Shanghai und Tokyo. Nachdem der Künstler die analog fotografierten, vogelperspektivischen Stadtansichten aller vier Himmelsrichtungen digitalisierte und bearbeitete, ließ er sie mittels eines selbstprogrammierten Algorithmus schichtartig zu einem Bild verschmelzen. netropolis macht reale Raum- und Zeitintervalle im Modus des Gleichzeitigen sichtbar.

Gleich Eiskristallen, die im schwarzen Nichts des Weltalls schweben, zeigen die Fotografien jin mao I–III (2007) analog und mit Langzeitbelichtung aufgenommene und anschließend digital bearbeitete Gebäudesegmente des Shanghaier Jin Mao Towers. Von 1994 bis 1998 gebaut, galt der 420,5 Meter hohe und 88 Etagen umfassende Wolkenkratzer als das höchste Gebäude in China. Im Jahr 2008 musste dieser Titel an das in unmittelbarer Nachbarschaft befindliche Shanghai World Financial Center mit 492 Metern und 101 Etagen abgegeben werden. Mittlerweile nimmt der von amerikanischen Architekten entworfene Jin Mao Tower auf der Weltrangliste gerade einmal Platz 10 ein. Was sich an diesem Beispiel veranschaulichen lässt, ist die Relativität von Superlativen. In schwindelerregendem Tempo werden Meilensteine des Menschenmöglichen zurückgelassen. Der Schritt von der Fiktionalität zur Realität ist nur noch ein gradueller.

Als Grenz-, aber auch Überwältigungserfahrung der persönlichen Art bestieg Michael Najjar im Januar 2009 in Begleitung eines Freundes und eines Versorgungsteams den 6962 Meter hohen Aconcagua in Argentinien, den höchsten Berg des amerikanischen Kontinents. Die während dieser dreiwöchigen Tour entstandenen Bilder von erhabenen Gesteins- und Schneelandschaften bilden die Grundlage der Fotoserie high altitude. Unter Titeln wie nasdaq_80-09, msci_80-09 oder hang seng_80-09 entspricht die Kontur der virtuell geschaffenen Bergketten exakt der Entwicklung bestimmter Börsenindizes. Indem Michael Najjar unsichtbare Datenströme rematerialisiert, kontextualisiert und analogisiert er die erhabene und nicht von Menschenhand geschaffene Natur mit einer vom Menschen iniziierten, aber keinesfalls bis ins Letzte kontrollierbaren Macht, der Macht des Finanzmarktes.


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