Kräftefelder. Mathilde ter Heijnes Ausstellung Red, Black, Silver and White

Galerie Arndt & Partner, Berlin-Zürich, 2009-02-28 - 2009-04-16

2007 besuchte Mathilde ter Heijne den matriarchalen Volksstamm der Mosuo in der südchinesischen Provinz Yunnan. Die Ausstellung Red, Black, Silver and White führt den Ausstellungsbesucher in den Nachbau eines traditionellen Mosuo-Wohnhauses. Ein Comic, das den Besuch in China dokumentiert, läßt die archaische Lebensform als eine durchaus attraktive, wenngleich nahezu flächendeckend von der Zivilisation ausgeschlagene Alternative zum patriarchalen Rollenverständnis aufscheinen.

Dem Konzept einer Ehe auf Lebenszeit können die Mosuo wenig abgewinnen, wirken eher befremdet über eine solche Vorstellung. Ihnen scheint es nach wie vor gut zu gehen mit der seit Generationen praktizierten Form der „visiting marriage“. Den Mosuo-Männern kommt bei diesem Ritual die Rolle des nächtlichen Besuchers zu, der um Einlass bitten, ihn aber nicht einfordern kann. Die aus diesen Beziehungen entstehenden Kinder verbleiben im Familienverbund der Frau, die dazugehörigen Männer übernehmen eine Onkel-Funktion. Bereits in ihren früheren Projekten lotete die Konzeptkünstlerin Mathilde ter Heijne verschiedene Dimensionen des Weiblichen aus. Studien über die kaum noch gelebte gesellschaftliche Organisationsform des Matriarchats veranlassten sie zu einer Forschungsreise in das südchinesische Dorf Lijazui.

Eine starke spirituelle Grundhaltung prägt bis heute das Leben der Mosuo. Durch die offizielle chinesische Schulpolitik, den wachsenden Einfluss der Medien und die rücksichts- bis geschmacklose chinesische Tourismusbranche, die in der Gier nach allem Exotischen sogar Prostitution im Mosuo-Stil anbietet, ist absehbar, dass der Wunsch nach einem Zusammenleben à la bürgerliche Kleinfamilie zunächst in die Köpfe der Kinder und dann in die Lebensideale der Heranwachsenden einziehen wird. Aus westlicher Sicht und vor dem Hintergrund grassierender Scheidungsraten erscheint die seit Urzeiten von den Mosuo gepflegte Form der Liebesbeziehung mit beidseitig akzeptierter Verfallszeit höchst modern.

Für Mosuo Fireplace Goddess kaufte Mathilde ter Heijne ein 200 Jahre altes Zumu-Holzhaus und stellte es als „Bote dieser aussterbenden Lebensform“ (Mathilde ter Heijne) im Pekinger Ausstellungsraum Currents aus. Eine Rekonstruktion des Hauses samt Alltagsutensilien – von besonderer Bedeutung ist die Feuerstelle, an der die Familie mit den Geistern der Ahnen in Kontakt tritt – wurde zum Handlungsort des Theaterstücks Von denen die überleben (Schauspielhaus Zürich, Herbst 2008). Der Journalist Erwin Koch belebte die Kulisse mit einem mörderischen Ehedrama aus der Schweizer Provinz. Ein härterer Kontrast zum lustbetonten und vergleichsweise harmonischen Zusammenleben von Mann und Frau bei den Mosuo ist kaum denkbar.

In der Ausstellung Red, Black, Silver and White bei Arndt & Partner sind es nun u. a. die ‚Stimmen des Ursprungsortes’ (Segnung des Hauses durch einen Schamanen) und ein Dokumentarfilm der vor Ort entstand, die die Distanz zu dieser höchst fremdartigen Lebensform aufheben sollen.

„Ich möchte den Begriff des Matriarchats von seinem negativen Beigeschmack befreien. Es geht nicht um die Umkehrung eines Machtprinzips. Das griechische Wort „arche“ bedeutete ja nicht nur Herrschaft, sondern auch Anfang. Die Mosuo zeigen, dass eine solche Dominanz des Weiblichen nicht notwendig zum Leidwesen der Männer ausfallen muss.“

Spätestens seit Gaston Bachelards Poetik des Raumes (1957) ist das Haus mit seinen Kammern und Winkeln als Imaginationsreservoire Thema von Literatur und Philosophie. Bei den Mosuo meint das Wort Yidu selbstredend nicht nur das Haus im Sinne einer Behausung; es umfasst die Hausgemeinschaft und erfüllt als Heim, Herd und Haushalt eine kulturelle und soziale Funktion. Mosuo Fireplace Goddess lädt ein in das Kräftefeld des Yidu.


Pressetext, englisch (PDF)

Nadine Dinter