Josef Hoflehner. Stille Dramatik ( en )

IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2012-10

Eine meditative Ruhe geht von den schwarz-weißen Langzeitbelichtungen des österreichischen Autodidakten Josef Hoflehner (*1955) aus. Mit konzentrierter Sicherheit sucht er die Perspektive, den Moment und das Licht aus, um seit Langem verlassene Orte, neblige Landschaften, aber auch internationale Metropolen ins Bild zu bannen.

Schwarz-weiß ließe ihm mehr Raum zur Interpretation und Abstraktion, begründet Josef Hoflehner seine Entscheidung gegen die Farbfotografie. Dass sich sein Blick nicht von den Eigenarten der aufgesuchten Orte irritieren lässt, bestätigen die ästhetischen Kontinuitäten in seinen Arbeiten: emporsteigende oder ornamentale Formen, beschleunigende Schluchten, immer wieder das Linienspiel von Bäumen und, nicht zu übersehen, Wasserflächen und Himmel.

Bis zum Südpol bringen ihn seine Reisen. Im antarktischen Sommer 2001/2002 kampiert Hoflehner am Basislager der Forscher Robert Falcon Scott und Ernest Shackleton. Im Jahr 1901 waren diese von einer heute noch erhaltenen massiven Holzhütte aus zu ihrer Expedition gestartet. Hoflehners in Langzeitbelichtung und ohne künstliche Ausleuchtung entstandenen Fotos erwecken den Eindruck, als könnten die Polarforscher jeden Moment zurückkehren. Dinge des Alltags wie Schuhe, Blechkonserven und sogar eine Zahnbürste entziehen sich – durch den Dauerfrost konserviert – der Vergänglichkeit.

Dass Hoflehner vorrangig an der visuellen Qualität eines Ortes und weniger an seiner Funktion für den Menschen interessiert ist, bezeugen unter anderem seine China-Fotos. Zwischen 2006 und 2009 bereist er die karg besiedelten Bergregionen von Yunnan und Anhui, aber auch die Metropolen Peking, Shanghai, Hongkong und Chongqing. Die imposante Architektur der Verbotenen Stadt beispielsweise wird von Hoflehner im Bildmittel- oder gar Hintergrund angesiedelt. Zunächst gleitet das Auge über eine verschneite Freifläche oder – in einem anderen Bild – über einen geschwungenen Flusslauf. Auch die Große Mauer ist eher als eine sich windende Linie in der atemberaubenden Weite der Berglandschaft in Szene gesetzt, denn als architektonisches Meisterwerk.

Gleich einer Hommage an die chinesische Landschaftsmalerei wirken die Berg- und Wasserformationen, die 2008 bei Josef Hoflehners Aufenthalt am legendären Fluss Li im südchinesischen Guangxi entstanden sind. In Nebel gehüllt ragen die rundbuckligen Massive aus den glasklaren und ruhigen Gewässern. Bäume und Büsche fügen sich in die weichen Konturen. Schon die chinesischen Meisterwerke früherer Dynastien zeigen genau diese Harmonie der Natur. Die Zeit steht still.


IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner