Isaac Julien. Fremde Heimat

FOCUS ASIA. Einblicke in die Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2011-10

Im Jahr 2004 wurden 23 chinesische Muschelsucher im nordenglischen Morecambe Bay von der Flut überrascht und ertranken. Für seine 9-Kanal-Video-Installation Ten Thousand Waves (2010) begibt sich der in London lebende Künstler und Filmemacher Isaac Julien (*1960) auf die Reise in die Heimat der chinesischen Migranten. In der folgenden vierjährigen Planungs- und Produktionszeit entsteht ein filmischer Essay, der in Chinas Gegenwart, aber auch in die Mythen und künstlerischen Traditionen des Landes führt.

Dass Isaac Julien die Tragödie von Morecambe Bay zum Anlass nimmt, gleich über mehrere Jahre immer wieder nach China zu reisen, zeigt seine Nähe zum Schicksal der Opfer. In London geboren, kamen Juliens Eltern aus der Karibik nach England. Bereits in früheren Filmen greift er Fragen der kulturellen und sexuellen Identität auf. So porträtierte er beispielsweise in Young Soul Rebels (1991) eine Gruppe von Jugendlichen, deren Eltern nach Großbritannien immigrierten.

Ten Thousand Waves schickt den Ausstellungsbesucher auf eine imaginäre Reise. Sich zwischen neun Projektionsflächen bewegend, entwickelt die Installation einen Sog aus Bildern realer Orte in China, aber auch virtueller Szenen. Der Künstler gewährt ein Erlebnis, dass mehrere Sinne zugleich anspricht, indem er Kalligrafien des Künstlers Gong Fagen einblendet und Passagen aus Wang Pings Gedicht Small Boats zitiert, das eigens für dieses Projekt entstand.

Der Tod der 23 Chinesen fern der Heimat wird in Ten Thousand Waves zum Sinnbild für die Folgekosten der Migration in eine fremde Kultur. Isaac Julien thematisiert das Schicksal dieser Menschen nicht nur auf der faktischen, sondern auch auf einer metaphorischen Ebene. So integriert er beispielweise das Volksmärchen der daoistischen Schutzgöttin Mazu in die Installation. Gespielt von der international bekannten Schauspielerin Maggie Cheung, schwebt Mazu in einer Szene der Installation über den Männern, die ihre Heimat Fujian verlassen wollen und warnt sie. Das diesbezügliche Filmstill betitelt Julien mit Ishan Island, und verweist damit auf die gleichnamige rettende Insel aus dem Märchen.

Während einige Filmsequenzen im gegenwärtigen Shanghai angesiedelt sind, blicken andere in die 1920er- und 1930er-Jahre zurück. Ästhetisch unverkennbar ist hier Isaac Juliens Kooperation mit dem Filmemacher Yang Fudong, der in seinen eigenen Filmen ebenfalls mit historischen Rückverweisen arbeitet. Melancholisch und der Realität entrückt, sitzt in dem Filmstill Glass House, Prism (2010) eine junge Frau – gespielt von der Schauspielerin Zhao Tao – in einem Café. Julien spielt hier auf den berühmten 1934 in Shanghai gedrehten Stummfilm The Goddess von Wu Yongggang (1907–1982) an, der das Schicksal einer aus finanzieller Not zur Prostitution gezwungenen Chinesin schildert. Die farblichen Überblendungen geben der Szene einen artifiziellen und zeitlosen Charakter.

Mit spürbarem Entdeckergeist führt Ten Thousand Waves in verschiedene Sphären der chinesischen Kultur. Isaac Juliens Entscheidung mit chinesischen Künstlern, Poeten, Musikern und Schauspielern zusammenzuarbeiten, schützt das Projekt vor der Gefahr einer exotisierenden Außenperspektive.


FOCUS ASIA: Einblicke in die Sammlung Wemhöner

Ten Thousand Waves