?> Gonkar Gyatso. Die Kontur des Buddha | Ulrike Münter

Gonkar Gyatso. Die Kontur des Buddha ( en )

IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2012-10

Heimat und kulturelle Identität werden insbesondere für denjenigen zum Thema, der beides als gefährdet erlebt. Geboren 1961 in Tibets Hauptstadt, studiert Gonkar Gyatso zunächst in Peking traditionelle chinesische Tuschemalerei und kehrt dann nach Lhasa zurück. Über einen Aufenthalt im indischen Dharamsala führt ihn sein Weg nach London, wo er Freie Kunst studiert. Mittlerweile lebt und arbeitet Gyatso schwerpunktmäßig in New York, aber auch in London und Peking. Seine Skulpturen, Fotografien und Arbeiten auf Papier visualisieren diese Einfühlung in verschiedene Kulturräume nicht etwa als identitätsstiftend im singulären Sinne, vielmehr bleiben die unvereinbaren Gegensätze als solche sichtbar.

Als Gonkar Gyatso geboren wurde, befand sich der Dalai Lama bereits mit 100 000 geflohenen Tibetern im indischen Exil. Die Sinisierung Tibets prägte das Leben der Eltern und das des Künstlers. Auch wenn er sich ausdrücklich gegen die Titulierung seiner Kunst als politisch ausspricht, so bezeugt die vierteilige Fotoserie My Identity (2003) eine Vita, die er nur begrenzt frei wählte.

Während Gonkar Gyatso sich im ersten Bild von My Identity als traditionellen tibetischen Maler inszeniert, der eine Buddha-Devotionalie schafft, zeigt ihn das zweite als chinesischen Propagandamaler. Die dritte Szene ist in einer Wellblechhütte angesiedelt. Die indische Aufschrift auf einer Kiste und das Leinwandmotiv des Potala (offizielle Residenz und Regierungssitz des Dalai Lama in Lhasa) verweisen unmissverständlich auf das tibetische Exil in Dharamsala. Den Abschluss der Serie bildet der Blick in Gyatsos Gegenwart. Wir sehen ihn, wie er an einer stark abstrahierten Form eines Mandalas arbeitet.

Neben der unverkennbar autobiografischen Ebene stellt My Identity zudem den Bezug zu Tibets Vergangenheit her, indem sich der Künstler als Vorlage für seine Inszenierungen einer Fotografie aus dem Jahr 1937 bedient. Damals hatte der New Yorker Handelsreisende C. Suydam Cutting einen Maler des Dalai Lama bei der Arbeit porträtiert.

Inwiefern ist eine tibetische Identität in heutiger Zeit überhaupt noch vorstellbar? Der durch seine Präsentation auf der 53. Biennale di Venezia 2009 gezeigte vierteilige Siebdruck Shambala of the Modern Times (2009) gibt eine eher ernüchternde Antwort. Auch wenn aus der Weitsicht die Kontur eines Buddhas erstrahlt, so zeigt die nähere Betrachtung, dass die Innenfläche des Kopfes aus unlesbar gewordenen – weil zusammengefügten – chinesisch-tibetischen Schriftzeichen besteht. Poppige Sticker, Textschnipsel und Werbeslogans, kurz: Zeugnisse der globalisierten Medienwelt bilden die Aura der Heiligkeit und sprengen noch über diese hinaus in die Weite des Bildraumes. Boten Religion, Glaube und Tradition dem Menschen früher eine „Shambala“ (Schutzzone, Schutzaura), so sieht sich der moderne Mensch vor die Aufgabe gestellt, sich diesen Orientierungsrahmen individuell und immer wieder aufs Neue zu schaffen.


IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2012-10

Gonkar Gyatso