Gabriele Heidecker | Messespiegelungen ( en | cn )

in: Art Affairs. Gabriele Heidecker, Hatje Cantz Verlag, 2007

Was unterscheidet die Arbeit eines Messefotografen von dem Projekt der Installationskünstlerin und Fotografin Gabriele Heidecker? Hunderte von Fotos haben sich in gut einem halben Jahrzehnt angesammelt. Nach Messen und Jahrgängen sortiert, schreiben sie gleich mehrere Kapitel in der Geschichte des Phänomens Kunstmesse. Doch nicht die informativ-dokumentarische Komponente ist vorrangiges Ziel der nun abgeschlossenen Arbeit: Bei den in Basel, Köln, Paris, Madrid, Berlin, Miami und Peking aufgenommenen Bildern handelt es sich vielmehr um atmosphärische Bestandsaufnahmen. Entstanden sind Messeporträts, die versuchen, die jeweils spezifischen Korrespondenzen von Ort, Kunstwerken und den die Szene bevölkernden Protagonisten aufzuspüren.

Verbindendes Moment dieser Fotografien ist die Distanz zum abgelichteten Gegenüber. Mit dem Teleobjektiv zoomt Gabriele Heidecker die anvisierte Situation heran, sucht nach einem angemessenen Schärfegrad oder akzeptiert in der Flüchtigkeit einer festzuhaltenden Bewe­gung, eines kurzen Moments, einer nur Sekunden dauernden Konstellation von Raum, Person und Kunstwerk die Unschärfe, das Verschwimmen der Konturen, sodass der konkrete Bildgegenstand bis hin zur abstrakten Farbkomposition aufgelöst wird. So sehen wir zum Beispiel in der Miami-2005er-Serie eine Frau im schwarzen Kostüm und mit einem roten, um den Hals geschwungenen Tuch auf einem schwarz-weißen Sitzmöbel (Abb. 104). Wer sie kennt, erkennt sie vielleicht; relevant ist dieser Aha-Effekt nicht. Es sind ihre grazile Haltung und ihr versonnener Blick, die an Edward Hoppers melan­cholische Städter denken lassen. Anders als bei Hopper verliert der Raum hier allerdings – wie durch einen Nebelschleier verhangen – seine Konturen, löst sich die Grenze zwischen Person und Umgebung auf. Fotos wie dieses erlangen eine geradezu malerische Qualität.

Bühnenstücke mit bleibenden und wechselnden Darstellern

Mehr als fünf Jahre sind im Hochgeschwindigkeitszug Gegenwartskunst eine halbe Ewigkeit. Auch in den Gesichtern derer, die seit Jahren oder gar Jahrzehnten das kräftezehrende Prozedere der minutiösen Planung und der tagelangen Präsenz durchleben, hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Gerade die in relativer Nahaufnahme abgelichteten Gesichter von Autoritäten der Nachkriegskunstszene – zum Beispiel von Harald Szeemann (Abb. 13) oder Annely Juda – zeigen Linien, die auf der Stirn und um die Augen wie mit einem Zeichenstift eingeschrieben sind.

Wie unterschiedlich der Einzelne mit dem unleugbaren Stressfaktor der Kunstpräsentation und des Kunstkaufs umgeht, wird ebenfalls ersichtlich. Einige Galeristen zeigen – in Pose – disziplinierte Präsenz, andere wenden sich schlicht vom Publikum ab, blättern entspannt in der Zeitung (Abb. 33) oder räkeln sich ungeniert in ihren Kojen, als handelte es sich bei diesen Raum-in-Raum-Kon­struktionen um ihr erweitertes Wohnzimmer. Da die meisten Fotos unbemerkt von den fokussierten Personen entstanden sind, zeigen sie die vermeintlich Unbeob­achteten zum Beispiel in Momenten konzentrierter Kommunikation oder mit vor Erschöpfung entglittenen Gesichtszügen.

Die Dramaturgie der Ausstellungskoje

Die Vogelperspektive auf das labyrinthisch anmutende Gewirr von Trennwänden und Zwischenräumen der Art Basel Miami Beach 2005 erinnert an die berühmte Szene aus Wim Wenders’ Der Himmel über Berlin, in der die Engel aus dem oberen Stockwerk der Berliner Staatsbibliothek auf das Treiben im Erdgeschoss schauen. In den Art Affairs ist es der Blick der Fotografin, der sich – und dies passiert nur sehr selten – aus dem Strom der Messebesucher löst. Aus dem die Wahrnehmung überfordernden Gemenge von Menschen und Kunstwerken herausgezogen, wird das Skelett der Messearchitektur in seiner nüchternen Zweckmäßigkeit sichtbar. Innerhalb dieser mehr oder weniger hermetisch abgetrennten Sphären wirken die unterschiedlichsten ästhe­tischen Kräfte, hängen eventuell konzeptuell konträre Werke Rücken an Rücken an ein und derselben Wand oder in einer Blickachse.

Indem Gabriele Heidecker wiederholt dasjenige einfängt, das sich rechts und links von einer Sichtbarriere befindet, kommt im Rahmen eines Bildes zusammen, was nicht zusammen gehört. „Was passiert an den Schnittstellen zwischen den Kojen?”, fragt die Künstlerin. Bei einem Foto der ARCO Madrid 2007 zum Beispiel erlangt diese unfreiwillige Korrespondenz den Charakter einer dramatischen Inszenierung in zwei Akten (Abb. 128). Während im linken, verschatteten Bilddrittel zwei junge Frauen in Schwarz den amüsierten Blick auf den Laptop-Bildschirm richten, hockt auf der lichtdurchfluteten rechten Seite der Kojentrennung das weiße, wächserne Toten­geschöpf von Yin Zhaoyang auf einem Tisch. Hier werden Geschichten fotografisch inszeniert, die ihre Regisseurin nicht kennen.

Kunstspiegelungen

Spiegel, spiegelnde Fenster, Glasvitrinen, die Glasscheiben gerahmter Bilder, Bildschirme und die unzähligen reflektierenden, glatten Oberflächen von Kunstwerken – sei es Metall, Stein oder Plexiglas: Eine Kunstmesse wird durch die Dichte all dieser Komponenten zum wahren Spiegelkabinett. Wenn es ein Grundmotiv gibt, das Gabriele Heidecker während der Jahre nicht aus den Augen verloren hat, dann ist es das Sich-ineinander-Spiegeln von Mensch, Raum und Kunstwerk.

Es finden sich Szenarien, die nicht besser arrangiert sein könnten, aber dennoch dem Zufall zu verdanken sind. So erinnert das in Paris 2002 fotografierte schlanke Frauenbein in Netzstrumpf und hochhackigem Schuh, das elegant lässig aus einem Sessel mit spiegelnder Seitenfront lugt, an eine Werbung für hochpreisige Strumpf- oder Schuhmode. Am Boden liegt die Tasche der Unbekannten, deren Inhalt unbeachtet herausgerutscht ist, spiegelt sich das verführerische Knie in der auf Hochglanz polierten Oberfläche eines am Boden liegenden Objekts.

Bilder, in denen sich Menschen in Kunstwerken und Kunstwerke in Kunstwerken spiegeln, erreichen eine beson­dere ästhetische Eigendynamik, die sie zu einer neuen installativen Arbeit werden lassen. So wird die Foto­arbeit Pietà von Rauf Mamedov zur Spiegelfläche des foto­grafisch festgehaltenen Jünglings mit lockiger Haarpracht von Viktor Kirillov (Abb. 80). Ineinander gespiegelt wacht er mit ernster Miene – einem Schutzengel gleich – über die in mittelalterlicher Tracht Diskutierenden mit Downsyndrom.

Die Nähe der Messebilder zu den Installationen der Künstlerin Gabriele Heidecker wird hier besonders augenscheinlich. Sind es allerdings bei dem bespiegelnden Wandelgang von Virtual Way (2002) oder der quadratisch angelegten Installation mit spiegelnden Glasflächen von Virtual Place (2004) künstlich geschaffene Situationen, in denen reale Personen zum integrativen Teil eines optischen Verwirrspiels werden, so findet Gabriele Heidecker diese Reflexionen, Verzerrungen, Überlagerungen und so weiter auf den Messen schlicht vor. Ihr Blick für die choreografische Meisterschaft des Zufalls ist bei der Art Affairs-Serie die künstlerische Intervention.

Überhitzung und Endzeitstimmung

Damien Hirsts mit 8601 Diamanten besetzter Totenschädel For the Love of God, Kaufpreis 75 Millionen Euro, macht einmal mehr deutlich: Die Kunstwelt überbietet sich immer wieder selbst. Kein Tabu, das nicht schon gebrochen, kein Preis, der nicht bezahlbar wäre.

Waren der Tod und seine Gesellen schon seit der Antike inspirierendes Thema der schreibenden und bildenden Zunft, so tauchen auch in den Fotos von Gabriele Heidecker wiederholt Kunstwerke in Form von christlichen Kreuzen, Totenschädeln und Skeletten auf (Abb. 134). Vom Ende im doppelten Sinne erzählt das Foto einer im Sarg liegenden, rosa gekleideten alten Dame von Angela Strassheim, das beim Abbau der Messe ungewollt zum Teil eines Memento-mori-Stilllebens wird: Gestapelte Stühle, zum Auf­bruch bereitgelegte Kleidung und ein Ziehkoffer stehen am Boden vor der gerahmten Fotografie.

Ein weiteres, witziges Beispiel ist Yin Zhaoyangs goldfarbenes Totengeschöpf, das sich wie verängstigt zusammenkauert und die Augen erschrocken aufreißt (Abb. 121). In aberkomischer Korrespondenz erwischt die Kamera genau den Moment, in dem eine Mitarbeiterin der Galerie und ein ihr gegenüber in der Koje sitzender Herr – in gleicher Blickrichtung wie die Skulptur – erstaunt die Augen auf etwas richten, das jenseits des Bildausschnitts liegt.

Sicherlich einer der stärksten Zufallstreffer der Art Affairs-Serie ist die Spiegelung der Lichtkastenarbeit des Künstlerduos PSJM in der hinter Glas gezeigten Fotografie von Aino Kannisto (Abb. 135). Im rechten Bilddrittel der Fotografie scheint es einer frontal aufgenommenen Frau mit langem, schwarzem Haar die Sprache verschlagen zu haben. Den Mund leicht geöffnet, starrt sie mit verblüffter Gebanntheit über eine schulterhohe Mauer. Im Glas – direkt vor ihren Augen! – leuchtet der Widerschein eines Totenkopfes, der von einem schwarzen Oval eingefasst wird. Einfach: schaurig-schön.

Ausblick Richtung China

Die Globalisierung des Kunstmarktes schreitet weiter voran. In den letzten Jahren ist beispielsweise China zu einem festen Akteur auf dem Gebiet der Gegenwartskunst geworden: 2006 fand erstmals – als zweite Pekinger Kunstmesse – die Art Beijing statt. Die hier entstandenen Aufnahmen von Gabriele Heidecker machen schnell deutlich: Der westlich geschulte Blick kann sich auf einige ästhetische Überraschungen gefasst machen. Im heutigen China herrscht die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Bei aller Klage über die manufakturartige Produktion einiger chinesischer Künstler – die oftmals blinde Kaufwut des Westens hat diesen Trend überhaupt erst befördert – ist nicht zu übersehen, welchen immensen ästhetischen und handwerklichen Reichtum die chinesische traditionelle Kunst noch den jüngsten Künstlern mit auf den Weg gibt. Man denke nur an die Landschaftsmalerei, die Kalli­grafie oder den Holzschnitt. Diesbezüglich setzt China Maßstäbe, die so manche westliche Kunsthochschule dem solipsistischen Streben nach Selbstverwirklichung von Professoren-Künstlern und Studenten geopfert hat. So lässt die junge Pekinger Künstlerin Huang Min mit unangestrengtem Pinselstrich eine realistisch gearbeitete Touristengruppe auf eine artifizielle Naturszenerie blicken. Noch im Detail sind Berge und Täler in der Technik der jahrtausendealten chinesischen Landschaftsmalerei gearbeitet (Abb. 127). Gabriele Heidecker integriert gleich noch die westliche Rezeptionsebene, indem sie auf ihrem Foto eine deutsch-chinesische Gesprächsrunde vor dem Gemälde präsentiert. Eine weitere „heideckersche Spiegelung” zeigt Wang Shugangs fegende buddhistische Mönche im Glas einer Eingangstür (Abb. 137). Hier bietet sich ein ganzes Spektrum von Bedeutungsebenen – von „Tradition und Moderne” bis zum Zusammenleben verschiedener Kulturen innerhalb einer Nation.

Spricht man vom westli­chen Blick auf China, denkt man unweigerlich an Uli Sigg, den ehemaligen Schwei­zer Botschafter in China und größten Sammler chinesischer Gegenwartskunst. Auf der Art Beijing 2006 sehen wir ihn vor einem Bild des Politpop-Vertreters Wang Guangyi (Abb. 138). Das revolutionäre Pathos gilt in diesem Werk nicht der Politik und auch nicht dem Konsum: In großen Lettern prangt das Wort „ART” über dem Kopf eines proletarischen Kämpfers.

Kein Element ist tiefer in der chinesischen Tradition verwurzelt als das Wasser. Seit Jahrtausenden versinnbildlicht es die wichtigsten Tugenden, aber auch Gefahren des Lebens: Es ist existenziell notwendig und erfrischend, ist flüssig und anschmiegsam, es höhlt den Stein durch kontinuierliches Gleichmaß, kann aber auch gewaltig und lebensbedrohlich sein. Gabriele Heidecker zeigt in einem ihrer Stillleben eine andere Art der kraftvollen Wellenbewegung. Unzählige rote Taschen mit Informationen zur Pekinger Kunstmesse Art Beijing liegen, einander überlappend, im Eingangsbereich auf dem Boden (Abb. 136). Im Namen der Kunst setzt der Energiestrom der chinesischen Künstler einen Dialog zwischen den Kulturen in Gang, fließen Besucherströme durch die Hallengänge, sorgt eine Flut von Galeristen und Sammlern aus aller Welt dafür, dass diese Kunst ihren festen Platz findet im internationalen Kunstgeschehen.


Erstveröffentlichung: Art Affairs. Gabriele Heidecker
Mit Texten von Jean-Christophe Ammann, Ulrike Münter, Marc Spiegler
Deutsch/Englisch/Französisch/Spanisch/Chinesisch
Hatje Cantz Verlag, 2007