Darren Almond. Zeitspuren ( en )

IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2012-10

Es bedarf einer extremen Langzeitbelichtung, um die gestochen scharfen Konturen von Bäumen und Bergen zu erreichen, denn die einzige Lichtquelle für die Fotos der Fullmoon-Serie (seit 1999) ist der Mond.

Für seine Naturimpressionen begibt sich der britische Konzept- und Fotokünstler Darren Almond (*1971) bis heute an die Orte traditioneller Landschaftsmaler und scheut dabei keine Entfernung. So führt ihn die Jugenderinnerung an ein chinesisches Tuschebild bis in die abgeschiedene Gegend des legendären Huang-Shan-Gebirges. Weniger beschauliche Dimensionen von Stille prägen die Installation Bus Stop (1999) oder seine Fotoserie Night + Fog (2007). Almonds Skulpturen, Installationen, Filme, Fotos und Arbeiten auf Papier führen den Betrachter oftmals an entlegene Orte, etwa ins verschneite Sibirien, ins tibetische Hochland (In the Between, 2006) oder in einen indonesischen Vulkan (Bearing, 2007). Gleichzeitig schafft er eine teils direkte, teils atmosphärisch vermittelte Verbindung zu den dort lebenden Menschen.

Darren Almond macht vergehende Zeit sichtbar, indem er in seiner Installation Meantime (2000) überdimensionierte Uhren zeigt. In der Fotoserie Fullmoon lässt er den Betrachter vergehende Zeit durch die Ästhetik der Langzeitbelichtung spüren. Sein Film Bearing macht uns gar zum visuellen Leidensgefährten eines indonesischen Arbeiters, der in einem Vulkan Schwefel abbaut. Der ihn umgebende Lärm, die geröteten Augen und sein durchdringendes Husten dehnen Zeit zur Qual. Die Fotoserie Night + Fog verfolgt inhaltlich eine ähnliche Spur, das künstlerische Resultat ist allerdings ein gänzlich anderes. Diesmal begibt sich Almond ins verschneite sibirische Norilsk und nach Monchegorsk im Nordwesten Russlands. Die Inhaftierten der dortigen Gulags hatte man zum Nickelabbau in die Minen geschickt. Geblieben sind abgestorbene Baumstümpfe, die aus verseuchtem Boden ragen. Der Schnee gibt der Szenerie die Anmut eines abstrakten Bildes.

Wesentlich stiller und vermittelter führt Almonds Installation Bus Stop an einen Ort, der zum Inbegriff der Unmenschlichkeit wurde. Ausrangierte Bushaltestellen aus dem polnischen Oświęcim, dem früheren Auschwitz, werden zu beredten Zeitzeugnissen. Kritzeleien und Relikte der Beschädigung auf den ehemaligen Wartebänken entwickeln eine beklemmende Eigendynamik. Vergangene Zeit und Resonanzzeit scheinen gleichzeitig auf.

Eine persönliche Erinnerung führt Almond 2008 nach China. „Für mich war diese Reise eine Art Rückkehr“, erklärt der Künstler im Gespräch. „Als ich 14 oder 15 war, stand ich im New Yorker Metropolitan Museum of Art plötzlich vor einer dieser hochformatigen Bildrollen mit einer Tuschezeichnung des legendären Huang-Shan-Gebirges. Ich konnte nicht glauben, dass es eine solche Landschaft wirklich gibt!“

Als Almond den seit Jahrhunderten von chinesischen Landschaftsmalern mit Tusche ins Bild meditierten Gelben Berg (Huang Shan) erreicht hatte, hieß seine erste Aufgabe: Warten. „Warten musste ich bei den Aufnahmen aber nicht nur auf Schnee, sondern auch auf die wenigen Momente, in denen der Nebel die Bergformationen und die filigranen Äste der Bäume freigab.“ Wesentlich sanfter als die dort entstandenen Bilder (Fullmoon@Huangshan – Infrared, 2009) wirken Almonds Aufnahmen aus dem im Südosten Chinas liegenden Guilin (Fullmoon@Guilin, 2009). Die chinesischen Schriftzeichen des Namens bedeuten „Stadt des Duftblütenwalds“ und beziehen sich auf die große Anzahl von Osmanthusbäumen. Das harmonische Zusammenspiel von Bergen und Flüssen oder Seen prädestinierten Guilin und die Huang-Shan-Region von jeher zum Idealtypus des Genres „shan shui hua“ (wörtlich übersetzt „Berge-Wasser-Malerei“), d. h. der chinesischen Landschaftsmalerei.

Dass Almond Zeit als Kontinuum begreift, in das sich alles Vergangene einschreibt, verbindet ihn mit der asiatischen Auffassung von Zeit. Es verwundert also nicht, dass ihn seine Projekte immer wieder nach Asien führen. In seiner Drei-Kanal-Videoinstallation In the Between ist es der Einschnitt modernster Technik in unberührte Natur und das Leben der Menschen am Beispiel des Hochgeschwindigkeitszuges, der China mit Tibet verbindet. Auf den sechs Projektionsflächen von Sometimes Still (2010) beteiligt uns Darren Almond an den Übungen und Prüfungen eines japanischen Tendai-Mönches auf seinem Weg zum Buddha-Status. Wir folgen ihm ins ungewisse Dunkel, durch einen nächtlichen Wald, in den anbrechenden Tag oder schauen über seine Schulter ins offene Feuer. Momente folgen auf Momente. Es herrscht absolute Gegenwärtigkeit.


Nadine Dinter

IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner