Chen Xiaoyun. Über Äste laufen und die Zeit erspüren ( en )

IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2012-10

Wenn für einen Moment die Imagination den Willen bestimmt und wir erkennen, dass nicht einmal unser Tod von nachhaltiger Bedeutung ist, dann wird ein herabfallender Ast zum Auftrag an die eigene Sprache. Inspiriert durch die experimentelle Kunstszene im südwestlich von Shanghai gelegenen Hangzhou und den dort agierenden chinesischen Videokünstlern, bricht Chen Xiaoyun (*1971) sein Malereistudium ab, um von nun an ebenfalls im Medium Film zu arbeiten. Mittlerweile lebt er in Peking. Seine Videos und inszenierten Fotoarbeiten setzen sowohl auf metaphorisch aufgeladene Bilder als auch auf die Wirkmacht der Poesie.

In der Geschichte der chinesischen Videokunst nimmt Hangzhou bereits Ende der 1980er-Jahre eine Sonderstellung ein. Damals führt der Avantgardekünstler Zhang Peili in seinen Videos beispielsweise die Absurdität politischer Autorität vor Augen, indem er ein Huhn wiederholt einfängt, waschen und wieder laufen lässt (Hygiene No. 3, 1991).

Die Künstler der Post-Mao-Ära wie Yang Fudong, Qiu Zhijie und Yang Zhenzhong knüpfen medial an diese Tradition an und organisieren in Eigenregie – ebenfalls in Hangzhou – die ersten Ausstellungen zur Videokunst. So folgt etwa 1996 die 1st China Video Art, die auch Chen Xiaoyun begeistert und zum Kauf einer Videokamera animiert. An die Stelle offensichtlicher Kritik an den gegenwärtigen politischen Verhältnissen tritt in seinen Kurzfilmen und Fotografien der Aspekt der Selbstreflexion, was das Aufzeigen gesellschaftspolitischer Missverhältnisse aber keinesfalls ausschließt.

Dass wiederholt trockenes Geäst in seinen mit Freunden umgesetzten Szenen auftaucht, habe einen persönlichen Grund, erzählt der Künstler im Interview: „Im Spätherbst und Winter laufe ich jeden Tag über die von den Bäumen herabgefallenen Äste und fühle ihre Existenz. Indem ich sie in den unterschiedlichsten Kontexten einsetze, bilden sie eine Art narrativen roten Faden. Die Äste werden zur Sprache, einer Sprache der Dinge.“ Diese „Sprache der Dinge“ tritt in eine dialogische Wechselwirkung mit Chen Xiaoyuns Werktiteln.

Visuell konkret knüpft z. B. die Fotografie Give my Future to a Snake (2012) an das zuvor beschriebene Erlebnis an. Von der Wade abwärts sehen wir Füße, die bedachtsam einen verzweigten Ast abtasten. Der Titel hingegen überführt diese faktische Handlung auf eine lebensphilosophische und metaphorisch offene Ebene. „Mit einem trockenen Ast assoziiere ich das Leben in seinem letzten Stadium. Gleichzeitig erlangt der Ast erst in diesem Moment seine Unabhängigkeit vom Baum“, so der Künstler.

In Give My Future to a Snake und anderen Arbeiten findet Chen Xiaoyuns intensive Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Zeit“ ihren Niederschlag. Ja, insbesondere nicht-lineare Erzählstrukturen und das Ineinanderblenden verschiedener Zeitebenen interessierten ihn, betont er. In stilistischer Hinsicht seien es die Aphorismen chinesischer Klassiker, an denen er sich orientiere, in theoretischer eher westliche Autoren und Bücher wie etwa Martin Heideggers Sein und Zeit, Fernando Pessoas Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Kurt Vonneguts Zeitbeben und Jean Baudrillards Cool Memories. Die Nähe zur fragmentarisch assoziativen Sprache von Pessoas Zufallsbuch meines Nachsinnens – wie der portugiesische Autor selbst sein Hauptwerk nannte – wird bei Titeln wie It’s like Wandering in a Virtual Sense and Moving in Conceptual Barycentre, He Says a Short Trip in Fantasy Let Volitive Concession Lose a Moment of Calmness (2012) deutlich. Auch der chinesische Originaltitel bietet keine zusätzlichen Anhaltspunkte zum Verständnis. Und so wird der Betrachter der dazugehörigen Fotografie im nachsinnenden Schwenk zwischen Bild und Text auf eine Reise ins Reich der eigenen Vorstellungskraft geschickt. Was dort Schwerezentrum und um dieses kreisender Körper ist, wird nicht vom Künstler definiert.

Die Anfang 2012 entstandenen Fotos zeigt Chen Xiaoyun erstmalig in der Einzelausstellung „Zhuiku Tablet“ Annotations (Aufzeichnungen der gefallenen Äste, ShanghART Gallery, Peking, 25. März bis 2. Mai 2012). Grundlage sei ein von ihm erfundener Text, erklärt der Künstler. „Ich versuche darin, mir die Ausdruckslogik der klassischen chinesischen Literatur anzueignen. Die Fotos selbst haben den Status visueller Schriftzeichen. Wenn ein Bild fertig ist, werden die Titel zu Anmerkungen.“ Wie schwer der Gedanke auszuhalten ist, dass nicht einmal der eigene Tod es wert ist, erinnert zu werden, überführt Chen Xiaoyun in eine einfache Geste: Er biegt den trockenen Ast, bis er splitternd bricht (Time Offers a Travel, You Become a Killer on the Road, No Death in Any Form Is Memorable, 2012).


IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2012-10