Chen Ke. Magisches Schauen

Chen Ke. Paintings 2003-2009, hg. v. Christoph Noe, Cordelia Steiner, Kehrer Verlag Heidelberg, 2009-07

Alice begann sich recht zu langweilen, wie sie neben ihrer Schwester am Ufer saß und nichts zu tun hatte: ein-, zweimal hatte sie in das Buch gespäht, das ihre Schwester las, aber es waren keine Bilder noch Unterhaltungen darin, „und wozu“, dachte Alice, „ist ein Buch ohne Bilder und Unterhaltungen nütze?" (Lewis Carroll: Alices Abenteuer im Wunderland, 1865)

Die Ausgangssituation für Alices Reise in fantastische Traumwelten ist Langeweile, positiv formuliert: Muße. Wenn die in Peking lebende Künstlerin Chen Ke (*1978) zurückblickt in ihre Kindheit, so beschreibt sie einen solchen Zustand der ziellosen Imagination mit retrospektiver Sehnsucht. Bis heute ist die Erinnerung an diese Zeit eine Inspirationsquelle für Chen Kes Kunstschaffen. Alices Abenteuer im Wunderland von Lewis Carroll ist eingewebt in diese Erinnerungslandschaften:

„Meine Mutter arbeitete in einem Buchladen. Sie schenkte mir eine Serie von 15 Comic-Heften mit bekannten westlichen Märchen und fantastischen Geschichten berühmter westlicher Schriftsteller. Eines davon war Alice im Wunderland. Mit diesen Bild-Geschichten lernte ich lesen. Alices Abenteuer stimmten mich optimistisch in Bezug auf meine eigene Zukunft. Ich freute mich auf all die Erlebnisse, die vor mir lagen. Und dann gefiel mir der Schluss: Aufwachen, und alles ist ein Traum. Bis heute mag ich Comics, weil Bild und Wort zusammenwirken. Einige meiner Arbeiten tun das auch.“

Generationen und Ländergrenzen übergreifend ließen sich Literaten wie z. B. Oscar Wilde, Filmemacher (z. B. Jean-Luc Godard), Theaterregisseure und Künstler (z. B. Sigmar Polke) von Lewis Carrolls imaginären Reisebeschreibung inspirieren. Die Adaptionen reichen von der konkreten Handlungsübernahme bis hin zu motivischen Parallelen. Bei Chen Ke ist die psychische Verfasstheit ihrer Protagonistinnen der auffälligste qualitative Sprung. An die Stelle der schlagfertigen Heroine Alice treten melancholische Kindsfrauen. Was sie verbindet, ist die Fähigkeit des ‚magischen Schauens’.

Das Eigenleben der Dinge

Bürstennadelköpfe lächeln, Fingerspitzen sind zu Tränen gerührt und grüne Flammen steigen aus Tischen oder gar der eigenen Hand auf: Bereits in Chen Kes 2003 bis 2005 entstandenen Bildern folgt der Betrachter dem fantastischen Szenario, das sich vor dem inneren Auge der Künstlerin abspielt. Zuweilen führen Alltagsgegenstände ein Eigenleben, der Bildraum wird von Möbelstücken oder anderen Dingen gänzlich in Besitz genommen. Die immer wieder auftauchenden Mädchengestalten scheinen eher unbeteiligte Betrachter dieser Metamorphosen zu sein als Akteure. Sie wirken abwesend, verschließen die Augen vor der Außenwelt oder blicken verträumt und ziellos in eine nicht näher definierte Umgebung. Wohlig flauschig versinkt der Kopf der Kindsfrau von Little F- Thorn (2005) in einer Federboa. In Little B. - Candy (2005) werden die eigenen Haare – mit weichem und flächig aufgetragenem Pinselstrich modelliert – zum schützenden Vorhang. Die reale Außenwelt in ihrer Komplexität scheint keiner näheren Betrachtung wert zu sein.

In Anorexia (2005) ändert sich die Bildkonstellation. Zwei Reisschalen werden zu feindlich beäugten Gegenspielern einer kraftlos Trotzenden. Was die hier gezeigte Heroine und ihre Genossinnen aus dieser Schaffensphase vereint, ist ihre an Kopffüßler erinnernde Statur. Anscheinend erschöpft sich die Funktion ihrer Körper darin, den überdimensionierten Kopf zu tragen. Der Kontakt mit der Lebenswirklichkeit ist hier kein physischer und zwischenmenschlicher, sondern eher ein imaginärer Akt. In Bildern wie diesen charakterisiert Chen Ke Alltäglichkeit eher als belastendes Übel denn als freudiges Erlebnis. Sensitive Nervs (2006) visualisiert den bevorzugten Gegenentwurf: blindes Erspüren und ein geistiger Tastsinn übernehmen die Aufgabe von Augen und Händen. Filigrane Wellenformationen erobern den Bühnenraum des Lebens.

Vom Bildraum zur Landschaft

Meist allein, ab und zu aber auch mit einem Zwillings-Doppel setzt Chen Ke ihre Heldinnen bis 2006 der Verlassenheit des ungestalteten Bildraums aus. In Say Good-Buy to a Bird with Tears (2006) kommt es erstmals zu einer Bildhandlung im näherungsweise aktivischen Sinne. Eine Bühnensituation suggerierend, schwimmt ein Mädchen in braunem Gewässer, ein Vogel sitzt auf einem abgestorbenen Baum. Hier deutet sich bereits an, was in den nächsten Jahren zu einer Obsession der Künstlerin wird: die Faszination für morbide Landschaften.

Zunächst reduziert Chen Ke Landschaft auf zwei Faktoren: Atmosphäre im Sinne von dunkel-verhangener Flächengestaltung und vereinzelten, bereits abgestorbenen Bäumen. Handlungsträger sind neben den Mädchengestalten nun gehäuft Tiere oder fantastische Mischwesen. Die Szenen sind eindeutig als Traumsequenzen gekennzeichnet. Dream (2007) konturiert diesen Werkhorizont nicht nur im Titel; ein harlekineske geweißtes Gesicht sprengt die Bildfläche und lässt lediglich Raum für eine Baumkontur.

Bis 2008 bleibt die Landschaft bloßer Hintergrund. Um so überraschender wirkt deshalb The Meaning of Traveling (2008). Mit einer neuen künstlerischen Handschrift lasiert Chen Ke eine formal stark abstrahierte Hügellandschaft mit Bäumen und Blumen auf einem mit Rosen bedruckten Dekostoff. Das Querformat erinnert an eine chinesische Bildrolle. A Mooth Run (2008) argumentiert mit einer ähnlichen Formensprache, hier ist es ein die Bildfläche dominierendes leuchtendes Rot, das kaum mehr mit der früheren, dunklen Farbpalette der Künstlerin in Verbindung gebracht werden kann. Ein inhaltlicher und formästhetischer Umbruch ist unübersehbar. Die Außenwelt, wenn auch weiterhin als Traumlandschaft charakterisiert, erfährt eine deutliche Aufwertung.

Is It Time to Do Something? (2008) macht die interkulturellen Einflussbereiche von Chen Kes Kunstschaffen sichtbar. Die mit semitransparenter Lasur auf die Leinwand gemalten Bergformationen evozieren die buckligen Steinmassive einer klassischen chinesischen Landschaft. Vor diesem Hintergrund gewinnen auch die Leerstellen in Chen Kes neuen Arbeiten eine konkrete Bedeutungsdimension.

Wirken diese Bilder mit ihrem zum Teil ungestalteten oder nur mit skizzenhaften Linien versehenen Leinwänden und Dekostoffen zunächst unfertig, so wird bei näherer Betrachtung ersichtlich, dass die Künstlerin bewusst ein wichtiges Stilmerkmal der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei einsetzt: die Leere als potentielle Fülle, die freie Fläche als Reflexionsraum für den Betrachter. Aber auch ihrer Vorliebe für Caspar David Friedrich bleibt Chen Ke treu. Im Bildmittelgrund ragen einige der für Friedrich typischen abgestorbenen Bäume geradezu in die chinesische Berglandschaft hinein. In Is It Time to Do Something? stehen die romantischen Vergänglichkeitsträger allerdings auf einer Wiese mit bunten, kugelförmigen Blumen, wodurch auch das Comic-Genre Einzug in diese für Chen Kes Œuvre ungewöhnlich lebendige Szenerie genommen hat.

Mit einer geradezu quirligen Erzählhaltung knüpft diese Arbeit – aber auch Look after Yourself, when I’m Away (2008) und nicht zuletzt Alice (2008) – energetisch an die Vitalität an Carrolls Alice im Wunderland an. Eifrige Betriebsamkeit, materialästhetische Experimentierfreude, ineinander geblendete Motive und ein verschachtelter Bildaufbau geben diesen Werken eine neue Pulsfrequenz. Alles ist in Bewegung. In Chen Kes Alice folgt die Titelheldin – wie bei Carroll – dem weißen Kaninchen, weitere Figuren sind angedeutet. Von zweien sehen wir gerade noch die Beine, da sie fliegend dem Bild entschwinden.

Eine detaillierte Innenraumansicht und die besagte Berglandschaft gehen fließend ineinander über. Dass in Werken dieser Schaffensperiode sloganartige Phrasen wie „It is Time to Open“ oder Werktitel wie Game over nicht nur in chinesischer Sprache, sondern auch in Englisch auf die Leinwand oder den Dekostoff gestickt sind, zeigt einmal mehr die Horizonterweiterung der Künstlerin. Chen Ke ist sich dieser vollzogenen thematischen und ästhetischen Wende durchaus bewusst: „Diese neuen Arbeiten sind für mich wie ein Tagebuch. Es sind nicht mehr einfach zu lesende Bilderzählungen und es geht auch nicht mehr nur um den Blick nach innen. Die Kunst ist für mich wie eine Expedition und ich weiß nicht, wohin sie mich führen wird.“

Die Stofflichkeit der Erinnerung

Is It Time to Do Something?, diese im Werktitel gestellte Frage kann im Blick auf die bereits 2007 erkennbare intentionale Veränderung in Chen Kes Werk eindeutig mit Ja beantwortet werden. Die Künstlerin hat ihren imaginären Kokon – vergleiche dazu Cocoon (2006) – abgelegt. Erinnerungsarbeit ist spätestens seit dem Skulpturen-Ensemble Quartet (2007) zum Akt geworden, der nicht nur im einsamen Schonraum des Ateliers stattfindet. Möbelstücke und andere Alltagsgegenstände werden bei diesen Arbeiten zum Bildträger. Der mediale Sprung ist durchaus werkimmanent motiviert.

„Einige Gegenstände gehörten schon zum Hausstand meiner Familie, als ich ein Kind war“, erzählt Chen Ke. „Manche habe ich aber auch mit meiner Mutter auf dem Flohmarkt gekauft, weil sie Gegenständen ähnlich sind, die wir früher besaßen. Sie erzählen Geschichten aus meiner Vergangenheit, die Malerei fügt Bildgeschichten hinzu.“

Chen Kes Kunst wird hier im wahrsten Sinne des Wortes raumgreifend und wechselt von der zweiten in die dritte Dimension. Den ersten Schritt in die Plastizität hatte sie bereits in Bildern wie Pirate (2007) oder Korchagin (2007) vollzogen, indem sie Modellierpaste auf die Leinwand auftrug, um auf dieser erhöhten, im Bildraum schwebenden Fläche ihre Szenen anzusiedeln. Farbschichten über Farbschichten, craqueléartig aufbrechend oder in Tuschemanier zerfließend, lassen selbst wenige Zentimeter große Bildflächen ein Eigenleben gewinnen.

In Quartet ergießt sich die zähe Masse nun über der Rückenlehne eines gepolsterten Stuhles oder über Korpus und Tasten eines Spielzeugklaviers. Selbst die kleinsten Flächen bevölkert die Künstlerin mit ihren Mädchengestalten oder melancholischen Landschaften. Auf einem winzigen Fleck steht ein verlassener Stuhl inmitten apokalyptisch anmutender Natur. Sogar in dieser minimalistischen Geste scheint konzentriert die für Chen Kes Werke dieser Zeit typische Grundstimmung auf: das Gefühl der Einsamkeit und Ausgesetztheit. Retrospektiv wird das Spannungsverhältnis von Aktion und Passivität deutlich. So hat sie in Bezug auf den Bildträger (Alltagsgegenstand) den rein virtuellen Bereich der Erinnerung verlassen. Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Kontext dem Dialog mit ihrer Mutter zu. Erlebnisse der Kindheit können im Austausch mit ihr wieder belebt und eventuell neu perspektiviert werden. Bei den derzeit entstehenden Arbeiten wird auch Chen Kes Vater aktiv. Er unterstützt sie bei der Papierherstellung. Die auf Möbel und das geschöpfte Papier gemalten Traumsequenzen werden somit in der faktischen und zwischenmenschlichen Alltagswirklichkeit verortet.

Lebensgefühl: Kunstschaffen

Eine besondere Aura prägt das Bild If I’m Not Working, I Lose Confidence and the Feeling of Security (2008). Schon der Titel artikuliert die existenzielle Dimension des Kunstschaffens für Chen Ke. Wir sehen eine junge Frau an einer Werkbank. Im Vergleich mit den Mädchengestalten der früheren Arbeiten erscheint sie älter. Konzentriert ist ihr Blick auf eine Tischkreissäge gerichtet, während sie mit der linken Hand im Begriff ist, einen nicht genau zu definierenden Gegenstand auf das Sägeblatt zu senken. Schon die zarte weibliche Gestalt erscheint in Proportion zur wuchtigen Werkbank als klein und beschützenswürdig. Übermächtig dominiert das Dunkel des Bildgrundes die recht klein und im Bildzentrum angelegte Szene. Die spotartige Beleuchtung in Rembrandt-Manier lädt sie noch zusätzlich dramatisch auf. Doch was zunächst als blutrot flackernde Fläche erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als dickflüssige Farblasur auf Dekostoff. Engelgleich schweben unzählige Mädchen im düster überschatteten Wolkenreich. In stärkstem Widerspruch dazu steht die in sich ruhende Ausstrahlung der Handelnden.

Bereits in früheren Arbeiten verstand es Chen Ke, Bildhintergrund und Handlung kontrapunktisch zu inszenieren und somit eine flirrende Atmosphäre zu erzeugen. 2006 erreichte sie diese Stimmung durch eine vordergründige Braundominanz der Fläche. Bei näherem Hinsehen jedoch schillern wasserpfützenähnlich verschiedenste Farben in dieser dunklen Tristesse. 2007 beginnen die bereits angesprochenen physikalischen Materialinteraktionen. Farben und Lasuren zerfließen, brechen auf, vermischen sich. Modelliermasse lässt den Malgrund uneben werden. Geschöpftes Papier macht ihn saugfähig, aufgestickte Perlen verleihen ihm einen spielerischen Charakter. 2008 wählt Chen Ke Dekostoffe als Maluntergrund. Es sind Motivdrucke, die es so schon in ihren Kindertagen gab, erzählt sie. Die zeitliche Distanz zum unwiederbringlich Vergangenen wird – wie in If I’m Not Working, I Lose Confidence and the Feeling of Security z. B. – durch eine Farblasur suggeriert, die die Atmosphäre des Bildes neu definiert. Ein Kontinuum bei all dem Wandel ist die samtige Zartheit, mit der Chen Ke die Gesichter ihrer Heldinnen modelliert.

Kunstschaffen ist für Chen Ke eine sich retrospektiv der Gegenwart vergewissernde Lebenshaltung, die Erinnerung ein bis dato unerschöpflicher Bildspender.


In: Chen Ke. Paintings 2003-2009
Herausgeber: Christoph Noe, Cordelia Steiner
Autoren: Britta v. Campenhausen, Li Xiu, Ulrike Münter
Künstler: Chen Ke
Festeinband
21,5 x 25,5 cm
148 Seiten
85 Farbabb.
Englisch/Chinesisch
Lieferbar
ISBN 978-3-86828-071-5
28 Euro
2009

Kehrer Verlag

The Ministry of Art

Vom 19. Juni - 18. Juli 2009 zeigt der Kunstverein Viernheim die Ausstellung: Another me in the world. Arbeiten der jungen chinesischen Künstlerin Chen Ke