Bettina Pousttchi. Weltzeit, Erlebniszeit und Erinnerungszeit

FOCUS ASIA. Einblicke in die Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2011-10

Wenn wir die Welt vor unserem Fenster durch eine locker geschlossene Jalousie beobachten, erscheint uns alles Dahinterliegende, als wäre es in Streifen geschnitten. Seit 2003 arbeitet die deutsch-iranische Künstlerin Bettina Pousttchi (*1971) in ihren Fotoserien wiederholt mit Horizontalrasterungen, die sie durch digitale Nachbearbeitung über die festgehaltenen Szenen legt. Reale Geschehnisse werden so zum Gesehenen, der Akt des Beobachtens zum Indikator für die vergehende Zeit. In ihrer 2008 begonnenen und noch unabgeschlossenen Fotoserie World Time Clock wird die Zeit an sich zum fotografisch inszenierten Gegenstand.

Trotz vehementer Proteste – insbesondere von Berlins Kreativen – begann im Februar 2006 der sukzessive Abriss einer der Architektur-Ikonen der DDR, des Palasts der Republik. Bis Dezember 2008 dauerte der destruktive Kraftakt gegen das äußerst massiv gebaute Relikt der sogenannten Volksrepublik. Als letzter Abgesang auf diesen geschichtsträchtigen Ort fand im Dezember 2005 die von Berliner Künstlern und Kuratoren in kürzester Zeit organisierte Ausstellung 36x27x10 statt, die innerhalb von elf Tagen 10 000 Besucher anzog. In ihrer monumentalen Fotoinstallation Echo (2009/2010) lässt die in Berlin lebende Künstlerin Bettina Pousttchi das unwiederbringlich Zerstörte als materialisierte Erinnerung auferstehen. Mithilfe von 970 auf Affichenpapier gedruckten Einzelmotiven, die sie auf den Außenflächen der Temporären Kunsthalle zu einer Gesamtfläche von 1694 Quadratmetern zusammenfügt, entsteht, unweit des einstigen Palasts, sein sichtbares Echo.

Auch die bisher noch unabgeschlossene Fotoserie World Time Clock startet in der Wahlheimat von Bettina Pousttchi. Inspiriert durch die 1969 fertiggestellte Urania-Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz bereist die Künstlerin die 24 Zeitzonen der Welt und fotografiert dort zumindest eine öffentliche Uhr. Wie die Ansicht der Uhren aus Basel, New York, Istanbul, London und Shanghai in der Ausstellung World Time (Buchmann Galerie, Berlin, Sommer 2010) zeigt, entstehen die Fotos immer zur annähernd gleichen Zeit, und zwar wenige Minuten vor 2 beziehungsweise 14 Uhr. Über das Medium der Fotografie vermittelt, suggeriert Bettina Pousttchi durch diesen Kunstgriff eine imaginäre globale Gleichzeitigkeit.

Offenbarte bereits die Installation Echo Bettina Pousttchis Obsession für historische Transitorte, so bestätigt die 2008 entstandene Fotoarbeit Shanghai Time diese Tendenz. In der chinesischen Hafenmetropole wählt die Künstlerin eine Uhr, die sich auf dem Dach eines Gebäudes aus der Kolonialzeit am Bund, der Shanghaier Uferpromenade, befindet. Heute tummeln sich hier gleichermaßen zahlungskräftige chinesische und internationale Besucher in Edel-Boutiquen, Galerien und Clubs. Dass diese Gebäude einst als Überlegenheitsgeste der britischen Besetzer gebaut wurden, erhöht eher noch ihr Prestige, als dass es störend wirke.

Wie bereits in den Fotoserien Starker Staat (2003) und Take Off (2005) arbeitet Bettina Pousttchi auch in der Fotoserie World Time Clock mit digitalen Horizontalrasterungen. Für jede Serie variiert sie die Breite und Regelmäßigkeit der Streifen und gibt den Bildern dadurch einen bestimmten Rhythmus. Als „cinematografische Sequenzen“ bezeichnet die Künstlerin die einzelnen Fotos, was ihren erzählerischen Charakter unterstreicht. Während aber die beiden früheren Serien einen zu lokalisierenden Handlungsort (Polizeieinsatz auf einer Straße, Flughafen Berlin Tempelhof) und dort agierende Menschen zeigen, gleicht World Time Clock einem nahezu abstrakten Statement zur eigenen künstlerischen Arbeitsweise.


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