Andreas Mühe. Von Sprungtürmen und anderen
Fallhöhen ( en )

IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2012-10

Auch wenn den in Berlin lebenden Fotografen Andreas Mühe (*1979) zunächst seine Porträts von Politikern wie z. B. Angela Merkel oder Helmut Kohl bekannt machten, zeigt spätestens seine Ausstellung in der Kunsthalle Rostock (2011), wem sein persönlicher Respekt gilt.

Im Frühjahr 2009 besuchten Andreas Mühe und sein Team das unter Denkmalschutz stehende Olympische Dorf nahe Berlin. Die ruinöse Schwimmhalle des einstigen nationalsozialistischen Vorzeigeprojekts wird zur Kulisse seiner inszenierten Fotografie Springer 1 (2009). Geboren im einstigen Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, spürt Mühe nicht nur in der Fotoserie Olympisches Dorf den Spuren der Geschichte nach. So begibt er sich für die Werkgruppe Obersalzberg (2010–2012) an den Ort, der einst Hitlers Feriendomizil und zweiter Regierungssitz war.

Es ist kurz vor zwölf auf der Uhr in der ehemals hochmodernen Schwimmhalle des Olympischen Dorfs im brandenburgischen Elstal. Mit einer blauen Anzughose bekleidet, steht ein junger Mann auf dem ramponierten Sprungturm. Für die Farbfotografie Springer 1 hält Andreas Mühe die Szene mit seiner analogen Großbildkamera und aus der Froschperspektive fest. Wasser ist keines im Becken. Putz bröckelt von der Decke. Der starre Blick des Mannes ist auf die Wand am anderen Ende der Halle gerichtet, an der die besagte Uhr hängt. Wir sehen sie allerdings erst in einer anderen Fotografie der Serie, in Mühes Schwimmhalle (2009).

Verließe der titelgebende Springer den Raum durch die hinter ihm liegende Tür, verschwände naturgemäß auch sein harter Schlagschatten. Die Schatten der Geschichte hingegen bleiben. Denn gaben sich die Nationalsozialisten während der Olympischen Sommerspiele 1936 nach außen hin weltoffen, so bauten sie doch zeitgleich am Konzentrationslager Sachsenhausen. Anschließend trainierte in der von Mühe fotografierten Schwimmhalle die Hitlerjugend. Zu DDR-Zeiten und noch bis 1992 ließen sich die sowjetischen Streitkräfte auf dem Gelände nieder, wovon noch einige Wandbilder zeugen.

Die Schauspielerin Sibel Kekilli ist die Madonna in Mühes erster Museumsausstellung (Kunsthalle Rostock, 2011). Durch eine Fensterfront der Ausstellungshalle fällt das gedämpfte Licht auf ihr großformatiges Porträt (Sibel, 2007). Blass geschminkt und in schwarzem Rollkragenpullover vor hellblauem Hintergrund, dominiert sie mit ihrem konzentrierten Blick den Raum, in dem neben sehr persönlichen Bildern des Künstlers Porträts von anderen Schauspielern, Politikern und Adligen hängen. Bekannt wurde Kekilli durch Fatih Akins Film Gegen die Wand (2004). Doch auch wer weder den Film noch die Lebensgeschichte der Autodidaktin mit türkischem Familienhintergrund kennt, spürt ihre Kraft und ihre Kampfbereitschaft im Namen der Selbstbestimmung.

Mit einer gänzlich anderen Intention setzt Mühe Angela Merkel in Unterm Baum (2008) in Szene. Im Profil aufgenommen, steht die Kanzlerin neben einem den Bildraum sprengenden knorrigen Laubbaum und blickt auf einen See zu ihren Füßen. Der größte Teil des Bildes zeigt Blattwerk, Wasser und Himmel. Eine der mächtigsten Frauen der derzeitigen internationalen Politik wirkt bar jeder Machtgeste privat. Mächtig ist die Natur.

Die Hängung von Mühes Ausstellung in Rostock markiert eine erste Zäsur in seinem Schaffen. Die Zeiten der Auftragsfotos, wie z. B. Mühe für Diekmann (2009), scheint vorbei. Das Foto, das Helmut Kohl, George Bush, Michail Gorbatschow und Kai Diekmann (Bild-Zeitung) vor den Resten der Berliner Mauer zeigt, präsentiert er in einem gesprungenen, ausgelaugt grauen Holzrahmen und stellt es gegen die Wand gelehnt in die Ecke neben eine Durchgangstür. Porträts von Politikern druckt Mühe auf Zeitungspapier und kleistert sie knittrig an die Ausstellungswand. Stapel von Altpapier stehen am Boden davor. Heute mächtig, morgen …

Miniaturhaft klein und unscheinbar präsentiert Mühe in Rostock seine Fotografie von Gerhard Richter und gibt ihr dadurch die Aura innerer Größe. Richter Walk (2005) hält den Meister der zeitgenössischen deutschen Malerei gehend im Profil fest. Durch die Technik der Langzeitbelichtung entsteht der Eindruck, dem Maler folge sein eigener Schatten. Nicht genug der anspielungsreichen Inszenierung; hinter Richter an der Wand hängt sein schattenhaft-ornamental anmutendes Bild Silikat (2003). Ausgangspunkt der gleichnamigen vierteiligen Serie ist der atomare Aufbau von Silikat, das 90 Prozent der Erdkrustenmaterie ausmacht. In fein abgestuften Grautönen überführt Richter die extrem vergrößerten und aneinandergereihten Elemente aus dem Nanobereich wiederholend und verschwommen ins Bild. Das Resultat erzeugt ein Schwindelgefühl beim Betrachter.

Nach eigenen Aussagen geht es Richter bei dieser Technik der malerischen Verwischung einer fotografischen Vorlage nicht um ein Misstrauen gegenüber der Realität. Vielmehr erteilt er jeglichem Modell der Welterklärung, das Anspruch auf eine überzeitliche Gültigkeit erhebt, eine Absage. Das, was klar scheint, wird verunklart, verschwimmt in seinen Konturen, wird suspekt. Mühe gelingt es mit der in aller Flüchtigkeit festgehaltenen Szene von Richter Walk, die moralische Grundhaltung des Künstlers im Medium der Fotografie sichtbar zu machen.

Man kommt kaum umhin, Andreas Mühes Vater zu erwähnen, den 2007 verstorbenen Schauspieler Ulrich Mühe (Das Leben der Anderen, 2006). Bemerkenswert ist diese Verbindung, da beide die deutsche Vergangenheit und die sie mitgestaltenden Persönlichkeiten keinesfalls schicksalsergeben respektieren. Hier schließt sich der Kreis zu Richter Walk, Springer 1 und zur Werkgruppe Obersalzberg. Vordergründig Naturidylle, offenbart der genauere Blick auf die miniaturhaft kleinen Männergestalten der letztgenannten Serie, dass es sich bei ihnen um urinierende Nazigrößen handelt. Die Künstlichkeit der Inszenierung unterstreicht den fiktionalen und theatralischen Charakter des Settings. Was hier als gespielte Vergangenheit präsentiert wird, ist nicht vorbei.


IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner

Sammlung Wemhöner