Alexandra Ranner. In die Stille hinein ( en )

IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2012-10

Zur Behausung im anheimelnden Sinne werden die von Alexandra Ranner (*1967) geschaffenen Orte nie. Und wenn ein vom Rumpf abgetrennter Kopf Johann Sebastian Bachs Kantante Ich habe genug (1727) singt, wer denkt da an das christliche Versprechen eines Lebens nach dem Tode? Trost ist anderswo. Alles, was wir in den begehbaren Großskulpturen, Raummodellen, Installationen, Videos und Fotografien der in Berlin lebenden Künstlerin sehen, hat naturgemäß nicht wirklich stattgefunden und wirkt doch so gar nicht fantastisch.

„Die Wirklichkeit wird durch Künstlichkeit, Erfindung und Übertreibung zugespitzt und verdichtet, dadurch intensiver erlebbar, so gesehen interessiert mich die Wahrheit nicht“ (Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 95, Heft 19, 3. Quartal 2011, Hamburg 2011). Bereits dieses Statement von Alexandra Ranner steckt das Koordinatensystem ab, in dem sie multimedial agiert. So gewährt in der Installation Ich habe genug (2005) das Fenster eines bungalowähnlichen Gehäuses den Blick auf ein schaurig-absurdes Szenario. Ein 15-minütiger Loop zeigt einen Männerkopf, der auf der Wasseroberfläche eines schmalen Flusses zu treiben scheint. Irrtum: Bei genauerem Hinsehen stellen wir fest, dass nicht das Wasser fließt, sondern eine künstlich angelegte und bis auf lautes Hubschrauberknattern, Vogelgezwitscher und Hundebellen unbelebte Landschaft am stehenden Gewässer vorüberzieht. Mit einnehmend schöner Bassstimme singt der Kopf Bachs Komposition, deren Textgrundlage die Todessehnsucht eines Unbekannten darstellt: „Welt, ich bleibe nicht mehr hier, hab ich doch kein Teil an dir, […].“ Der in dieser Kirchenkantate ungeduldig erwartete eigene Tod ist untrennbar verbunden mit der christlichen Vorstellung, das dem Tode folgende Leben werde eines bei Gott sein. „Mit Freuden sagt ich, Welt, zu dir: Ich habe genug.“

Ranners Installation Ich habe genug überführt ein heutzutage für immer weniger Menschen gültiges Transzendenzversprechen in den Kunstkontext. Zudem lässt sie es visuell mit einem christlich und mythologisch konnotierten Motiv verschmelzen: dem abgeschlagenen Kopf. Neben Assoziationen an Johannes den Täufer und den grobschlächtigen Feldherrn Holofernes ist es naheliegenderweise die Geschichte des Sängers und Dichters Orpheus, die Ranner im Bildgedächtnis des Ausstellungsbesuchers aufruft. Hatte ihn doch der Gott Dionysos zur Strafe für seinen Ungehorsam durch die Mänaden in Stücke reißen und in den Fluss Hebros werfen lassen. Sein Kopf, so heißt es, schwamm singend bis zum Meer. Bei Ranner hingegen wird eine 30 m lange Landschaft an einem Wasserbassin vorbeigezogen. Mit materialästhetischer Liebe zum Detail kreiert sie karge Endzeitstimmung. Gleichzeitig visualisiert ihr Bungalow-Imitat die Idee vom trauten Heim. Die Stimme des Sängers wirkt lange nach. Ich habe genug schickt den Betrachter in eine Zeitschleife. Alles bewegt sich. Halt gewährt nur die eigene Haltung und diese ist kulturell konnotiert.

Auch die Raummodelle und begehbaren Skulpturen, die Ranner seit 1999 schafft, setzen auf den Rezipienten als belebenden Akteur. Nur durch das Schaufenster des Ausstellungsraumes sichtbar, laden in Schlafzimmer I (1999) ein Spiegelschrank aus den 1950er-Jahren, ein für die Zeit typisches Doppelbett und ein Flokati den Betrachter zur retrospektiven Innenschau ein.

In den folgenden Jahren entstehen zunehmend subtiler angelegte Raumkonstruktionen, die – auch wenn sie faktisch existieren und durchschritten werden können – nur imaginär oder assoziativ zu erschließen sind. Immer wieder tauchen kunstvoll zerwühlte Betten auf. „Alle meine Betten haben einen Charakter“, erzählt die Künstlerin. In Studie zu Raum III (2010) beispielsweise blicken wir in ein nahezu leeres Zimmer mit Fensterfont. Diffus schummriges Licht und ein extrem welliger Teppich verbreiten eine eigenartige Atmosphäre. An der unverputzten Steinwand neben dem Fenster steht ein kastenartiges flaches Bett, auf dem weiße Bettwäsche zu einer ungewöhnlichen Form zusammengeschoben wurde. Die Aussicht verstärkt die traumartige Stimmung. In der Ferne ist ein gestrandetes Etwas auszumachen – vielleicht ein Holzhaus, das in sich zusammengesunken ist? Es scheint auf einem eckigen Untergrund im Wasser zu treiben. Das Wasser ist aber keines, das erkennen wir sofort. Es handelt sich wohl eher um eine Plane. Die Augen werden zwischen Bett und Treibgut hin- und hergezogen, weil beide in ihrer Bewegtheit korrespondieren. „Für mich hat dieses Bettzeug etwas Ephemeres, etwas Engelhaftes“, kommentiert Ranner und bestärkt mit dieser Beschreibung den Eindruck, dass ihre Arbeiten in eine Sphäre jenseits des pragmatisch Erfassbaren führen. Einer stillgestellten Handlung gleich, ist alles im Moment erstarrt. Was hier passierte oder passieren wird, geträumt oder erlebt wurde, wir bestimmen es selbst.

In feinsten Nuancierungen varriiert das Modell Raum III (2010) die vorgängige Studie. Hier nehmen wir nun deutlich ein gestrandetes Schiff wahr. Dieses Bettzeug erinnere sie eher an ein „lauerndes, geducktes Tier“, so Alexandra Ranner. Es sei gerade „die Ambivalenz von gleichzeitig aufscheinender Schönheit und Bedrohung“, die sie reize. In dieser Ambivalenz ihrer Kunstorte wird die Stille selbst zur Provokation. „Wenn jetzt nicht gleich a Ruh’ is“, durchbricht schlüssigerweise der männliche Protagonist in dem Video Silencio Súbito (2010) die nahezu geräuschlose Einsamkeit, die ihn umgibt. Es gibt wohl kaum etwas, das stärker zu innerem Aufruhr führt, als von außen auferlegtes Schweigen.


IM BLICK. Fotografie aus der Sammlung Wemhöner