Wir dürfen nicht anfangen mit der Wahrheit zu spielen.
Über Aufklärung und Repression im Dialog mit China

Deutschlandradio Kultur, 2011-04-12

Die Festnahme von Ai Weiwei wirft die chinesische Kunstszene und die Hoffnung auf eine Liberalisierung zurück. Ulrike Münter, eine Kennerin der dortigen Gegenwartskunst, im Gespräch mit Britta Bürger.

Britta Bürger: Ausgehend von der aktuellen Debatte um den Künstler Ai Weiwei, der direkt nach der Eröffnung der großen deutschen Ausstellung der Kunst der Aufklärung in Peking verschleppt worden ist, wollen wir mit der Kunsthistorikerin und Journalistin Ulrike Münter über Aufklärung und Repression in China sprechen, darüber, wie in China über Kultur ein Dialog gelingen könnte. Herzlich willkommen, Frau Münter!

„Free Ai Weiwei“ steht auf dem T-Shirt von Bianca Jagger und auf einer Fassade der Londoner Tate Modern steht der Aufruf „Release Ai Weiwei“. In China dagegen soll sich derzeit kaum noch jemand trauen, den Namen in den Mund zu nehmen. – Wie erleben Sie das in diesen Tagen, Frau Münter, in Kontakt mit Kollegen in China? Gibt es derzeit überhaupt noch Möglichkeiten zum offenen Austausch über den verschleppten Ai Weiwei?

Ulrike Münter: Vielen Dank für Ihre Einladung! Ich möchte betonen, dass ich mich nicht als Kritikerin der Ausstellung an sich verstehe. Ich habe mich sehr gefreut, als ich vor zwei Jahren gehört habe, dass dieses Projekt zustande kommt. Was mich von Anfang an mit Besorgnis erfüllt hat, war der Ort. Kunstwerke aus der Zeit der europäischen Aufklärung in China zu zeigen, ist eine spannende Idee und trifft dort auf großes Interesse. Es aber an diesem Ort zu versuchen, das habe ich von Anfang an als heikel empfunden. Die Geschehnisse der letzten Tage bestätigen diese Befürchtungen.

Britta Bürger: Wie verläuft der Austausch mit Kollegen in China im Moment, wenn Sie z. B. per Internet kommunizieren? Können Sie den Namen Ai Weiwei unproblematisch benutzen?

Ulrike Münter: Von meiner Seite aus ist das natürlich möglich, aber ich überlege mittlerweile, ob ich das besser nicht tue, wenn ich mit chinesischen Kollegen kommuniziere. Wenn ich E-Mails aus China bekomme, wenn ich sehe, wie auf Facebook kommuniziert wird, da wird der Name nicht mehr ausgeschrieben. Es wird AWW geschrieben o. ä., Versionen eben, die noch nicht zensiert werden.

Britta Bürger: Inwiefern liegen andere Initiativen des Dialogs derzeit ebenfalls brach?

Ulrike Münter: Speziell die Dialoge und Salons zur Ausstellung werden von der deutschen Stiftung Mercator organisiert. Während die Dialoge in Absprache mit den chinesischen Kollegen des Nationalmuseums entstanden, stammt das Konzept der Salons von einem unabhängigen Expertenteam. Da wird dann z. B. über das kulturelle Gedächtnis der Kunst debattiert oder über Gesellschaftskritik in der Kunst. Das ist in diesem Rahmen durchaus möglich.

Britta Bürger: Darauf werden wir gleich noch mal zurückkommen. Die Kunst der Aufklärung ist ja mittlerweile ein Politikum, allerdings eben in einer ganz anderen Weise, als man sich das gewünscht hatte. Ein Argument der Befürworter dieser Ausstellung ist ja, dass es sinnvoll sei, die Chinesen an die Geschichte und Werte der europäischen Aufklärung heranzuführen. Mit dem interkulturellen Austausch zu diesem Thema haben Sie sich bereits befasst. Brauchen die Chinesen Ihrer Ansicht nach überhaupt noch Nachhilfe zur Epoche der Aufklärung?

Ulrike Münter: Das ist auf jeden Fall ein Missverständnis. Zunächst sollte man fragen, wer in Deutschland mit der europäischen Aufklärung vertraut ist? Wenn es eine diesbezügliche Umfrage gäbe, dann verfügten wahrscheinlich gerade einmal die Leute, die zumindest das Abitur haben oder sich im Studium mit dem Thema beschäftigen, über das entsprechende Wissen. In China ist das ähnlich, wenn auch die Zeitgeschehnisse im Detail anders vermittelt werden. Bemerkenswert ist, dass es in China auffallend viele Studenten und Wissenschaftler gibt, die sich für die Philosophie und Literatur des 18. Jahrhunderts interessieren! Zunehmend häufig finden z. B. Konferenzen zu den Schriften von Immanuel Kant in China statt, von dem ja auch die wichtige Schrift Was ist Aufklärung? stammt. Hier treffen chinesische und internationale Wissenschaftler zusammen, um zu debattieren. Es gibt also ein fundiertes Wissen über diese Zeit bei chinesischen Intellektuellen.

Britta Bürger: Findet das auch Niederschlag in der chinesischen Protestkultur?

Ulrike Münter: Ja. Und das ist das, was mich enttäuscht hat in der Medienberichterstattung zur Kunst der Aufklärung. Denn darüber wurde bisher nicht berichtet. Nach den Protesten auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 z.B. bezogen sich chinesische Künstler konkret auf Kunstwerke aus der Zeit der Aufklärung. Über diesen Umweg übten sie Kritik an den Zuständen im eigenen Land.

Ein Beispiel ist die Rezeption von Jacques-Louis Davids Gemälde Der Tod des Marat. Bei David sehen wir den in seinem Blut badenden Marat. Diese Szene finden wir in Kunstwerken chinesischer Künstler wieder. Diesmal liegt aber z. B. ein Chinese in der Badewanne oder sie ist schlicht leer. Mao Xuhui nennt sein Bild Imitation of the Death of Marat by Jaques-Louis David. Der Fingerzeig ist klar.

Britta Bürger: Und wo konnte man solche Bilder sehen in China?

Ulrike Münter: Diese Bilder können Sie in China auf keinen Fall in einem öffentlichen Museum zeigen, solche Bilder werden in inoffiziellen Schauen gezeigt.

Britta Bürger: Aufklärung und Repression in China, über die Schwierigkeiten des interkulturellen Dialogs sprechen wir hier im Deutschlandradio Kultur mit der Kunsthistorikerin Ulrike Münter, einer Kennerin der chinesischen Kunstszene, die durch die Festnahme des Künstlers Ai Weiwei einmal mehr zurückgeworfen worden ist. Sie haben es schon angedeutet, begleitet wird die Ausstellung in Peking über das Jahr 2011 von dieser Diskussionsreihe der Stiftung Mercator. Gerade fanden die ersten zwei Salons statt und auch dort sollen die deutschen Redner es vermieden haben, in Sachen Ai Weiwei Klartext zu reden. Warum sind dann solche Veranstaltungen dennoch sinnvoll?

Ulrike Münter: Wenn man sich länger im deutsch-chinesischen oder international-chinesischen Dialog bewegt, versteht man irgendwann, dass manchmal ein paar Umwege hilfreich sind. So wie ich es gerade am Beispiel der chinesischen Künstler zeigen konnte. In den ersten Mercator-Dialogen wurde die Verhaftung von Ai Weiwei nicht angesprochen, aber es wurden seine Werke gezeigt. Bei einer Nietzsche-Konferenz in China wurde sogar ausdrücklich darum gebeten, den Namen des inhaftierten Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo nicht zu nennen. Was haben die Wissenschaftler gemacht: Sie haben Liu Xiaobo zitiert. Und genau so wurde bei den Mercator-Dialogen agiert. Das ist eine interkulturelle Strategie, weil ansonsten die Veranstaltungen sehr schnell beendet sein könnten.

Britta Bürger: Müsste der Dialog aber nicht überhaupt eher auf einer ganz anderen Ebene beginnen, von unten und nicht von oben? Niklas Maak hat das zum Beispiel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sehr deutlich formuliert mit der Frage, wem von vielen möglichen Adressaten in China streckt man die Hand aus? Man müsse, um einen kulturellen Dialog zu führen, nicht immer mit dem ganz großen Prunkwagen auf den offiziellen Magistralen einrollen. Wie sehen Sie das?

Ulrike Münter: Ja, da kann ich nur zustimmen. Ein chinesischer Kollege meinte gestern, dass die Grundlage dieses Ausstellungsprojektes eventuell ein begriffliches Mißverständnis war. Der chinesische Begriff für Aufklärung „qi meng“, heißt soviel wie „Licht ins Dunkel bringen“ und wird nicht zwangsläufig mit allen Errungenschaften der europäischen Aufklärung des 18. Jhds. zusammengedacht. Vielleicht hatten beide Seiten bereits zu Anfang der Zusammenarbeit eine anderen Ausstellung im Kopf. Am Ende mußten dann sehr viele Zugeständnisse gemacht werden, wie wir nun sehen.

Britta Bürger: Wie sinnvoll ist es, solche Großprojekte zu unterstützen? Die beiden ehemaligen Documenta-Leiter, Roger Buergel und Ruth Noack, die Ai Weiwei 2007 nach Kassel geholt haben, fordern heute in der FAZ ganz klar, dass die Ausstellung geschlossen werden soll und dass das Geld lieber in zum Beispiel das Goethe-Institut gesteckt werden sollte, das in China auf der Graswurzelebene, wie sie das nennen, arbeite, was deutlich mehr bewirken würde. Gibt es denn tatsächlich, Frau Münter, so viele andere Möglichkeiten für die Unterstützung kultureller Projekte in China von unten?

Ulrike Münter: Da gibt es zum Beispiel die Idee einer chinesischen Philosophin, die, in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und angeregt durch das Projekt Kunst der Aufklärung, Englischunterricht für Kinder von Wanderarbeitern geben möchte. Das ist Aufklärung von unten! Zudem wird von chinesischen Wissenschaftlern darüber diskutiert, welche Ideen der Aufklärung für das heuitige China wichtig sind. Von diesen Entwicklungen bekommen wir nur recht wenig mit.

Ich bin mittlerweile nicht mehr dafür, dass die Ausstellung abgebrochen wird. Als ich hörte, Tilmann Spengler habe kein Visum zur Einreise nach Peking bekommen, sah ich das noch anders. Jetzt kann man beobachten, wie viele chinesische Besucher wirklich mit großem Interesse in diese Ausstellung gehen. Wenn sie manchmal vielleicht auch irritiert oder hilflos vor eingen Exponaten stehen werden, trotzdem regt eine solche Schau die Auseinandersetzung mit dem Thema „Aufklärung“ an.

Ich würde mir wünschen, dass von deutscher Seite weniger eitel über diese Ausstellung kommuniziert wird. Was auf keinen Fall geht: Wir dürfen nicht anfangen, mit der Wahrheit zu spielen. Es wurde von chinesischer Seite Einfluss auf die Austellung genommen, und dazu müssen wir auch stehen.

Britta Bürger: Sagt die Kunsthistorikerin Ulrike Münter über die Schwierigkeiten und Chancen eines kulturellen Dialogs mit China. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Ulrike Münter: Vielen Dank!


Erstveröffentlichung: Deutschlandradio Kultur

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