Eine neue Energie

Deutschlandradio Kultur, 2007-06-05, Moderation: Frank Meyer

Moderne Kunst ist Chinas jüngste Boom-Industrie. Auf internationalen Ausstellungen wie der Biennale in Venedig ist sie gefragt. Bei Auktionshäusern wie Sotheby's und Christie's erzielt sie Rekordpreise. Und auf die Documenta in Kassel hat der Star Ai Weiwei 1001 Chinesen eingeladen, um ihre Begegnungen mit der fremden Kultur zu dokumentieren.

Deutschlandradio Kultur sprach darüber mit der Kunstkritikerin Ulrike Münter. Lesen Sie hier einen Ausschnitt aus dem Gespräch:

Meyer: Die FAZ hat dazu geschrieben, der Kunstmarkt hungere nach einer neuen Energie. Ein solches Kraftfeld vermuten viele in Chinas jüngster Geschichte. Sehen Sie das ähnlich, ist das ein Hintergrund für den Boom der chinesischen Kunst?

Münter: Kunst muss erst einmal gut sein, Qualität liefern, muss spannend sein, dass der Markt darauf reagiert. Da hat die chinesische Gegenwartskunst einiges zu bieten. Diese Sprengkraft, diese Energie, zum Teil auch Aggressivität der Kunst der Nach Mao Ära ist nicht losgelöst vom historischen Kontext denkbar. Die chinesischen Künstler, die in den 1950er und 1960er Jahren geboren sind, haben die Kulturrevolution erlebt. Als sie 20 oder 30 waren, öffnet sich das China, neue Möglichkeiten und Freiräume taten sich auf. Diese Zeit war von einer riesigen Aufbruchsstimmung geprägt. Diese Kunst hat natürlich eine besondere Energie. Dann gibt es die Energie der ganz jungen Künstler, die in diesen China-Boom hineingeboren wurden und sich mit unangestrengter Souveränität sowohl in der chinesischen, als auch in der westlichen Wertesphäre bewegen. Natürlich resultiert daraus eine gänzlich andere Kunst.

(...)

Meyer: Bei der Documenta in Kassel wird der derzeitige Top-Star der chinesischen Kunst dabei sein - der Künstler Ai Weiwei. Was wird er in Kassel zeigen?

Münter: Was wir in Kassel zu sehen bekommen, könnte uns, glaube ich, Ai Weiwei auch nicht sagen. Er lädt 1001 Chinesen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und verschiedenen Alters nach Kassel ein. Sie werden in Gruppen von zirka 200 Leuten dort eintreffen. Die erste Gruppe kommt am 13. Juni nach Kassel. Diese Leute werden in einem alten und für den Zweck umgebauten Fabrik leben. Zurzeit ist man gerade dabei, die letzten Vorbereitungen zu treffen. Was diese Leute dann in Kassel machen, ist nicht im Detail durchgeplant. Das ist eine Performance, die sehr offen gestaltet ist. Wir werden die Leute nur teilweise erkennen. Es gibt eine bestimmte Kleidung, von Ai Weiwei entworfen, die sie, wenn sie wollen, tragen können. Es wird Requisiten geben. Letztlich geht es um die Begegnung zwischen verschiedenen Kulturen. Ai Weiwei hat Dokumentarfilmer engagiert, um festzuhalten, was bei dieser Begegnung passiert

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