Ute L. Ludwig: Vom Farbkörper zum Schatten-Schnitt

Galerie Seitz & Partner, 2009-05

Was bleibt, wenn eine zerknitterte Plastiktüte zur schwebenden Farbfläche und ein japanischer Kriegerhelm zum verschlungenen Liniengebilde wird? Nicht den Gegenstand an sich fokussiert die Künstlerin Ute L. Ludwig in ihrer Malerei, Fotografie und den jüngst entstandenen Schatten-Schnitten; vielmehr sind es Flächen-, Farb- und Lichtwerte, Volumen, Wölbungen und Faltungen. Die Dreidimensionalität der Dinge wird in die Fläche gebannt, der Fläche wiederum eine skulpturale Aura verliehen.

Bereits in den bis 2000 entstandenen Bildern zeigt sich das vorrangig grafische Interesse der Künstlerin. Farbflächen werden so auf der Leinwand angeordnet, dass das Verhältnis von Vorder –und Hintergrund zu einem nicht eindeutig zu bestimmenden optischen Vexierspiel gerät. In den zwischen 2000 und 2002 entstandenen Fotoübermalungen und Fotocollagen ist es der Bildträger Büttenpapier, der zu einer entschleunigenden Betrachtung führt.

Zu einer regelrechten Obsession der Künstlerin avancieren vor diesem Hintergrund zerknitterte Plastiktüten. In Büschen oder Händen von Passanten gesichtet, fotografiert Ute L. Ludwig sie ab 2003 wie vorgefunden bzw. als Stillleben arrangiert mit einer analogen Kamera oder verfremdet sie zu abstrakten Fotocollagen. Nicht die Verortung des ins Bild aufgenommenen Wirklichkeitsausschnitts wird anvisiert, sondern die zweck- und kontextenthobene Flächenwirkung. Hochglänzend entwickelt, bestechen kleinste Bilddetails in ihrer ästhetischen Eigenmächtigkeit. An die Stelle einer zentalperspektivischen Dominanz tritt die Perspektive der Farbe.

„Ich möchte die erzählerische Dimension der Fotografie weitestgehend ausblenden. Grund für diese Vorentscheidung ist eine Skepsis gegenüber der alltäglichen Bildmacht. Wir sehen etwas und sobald wir wissen, was es ist, sind wir fertig damit. Indem ich ein eindeutiges Bildzentrum vermeide, relativiere ich eine perspektivische Blickführung.“ (Ute L. Ludwig)

Die je nach Größe und Material mit dem Messer oder dem Laserschneider gefertigten Schatten-Schnitte radikalisieren die bis 2007 eingesetzte künstlerische Formensprache und verabschieden die Wirkung der Farbe. Im Computer bearbeitete Zeichnungen übersetzt die Künstlerin Schnitt für Schnitt in schwarzen Buchbinderkarton. Zwischen zwei Glasscheiben und auf einer Schattenfugenleiste befestigt schweben die zweidimensionalen Objekte im Bildraum. Verstärkt wird die so erreichte Tiefenwirkung durch die besondere Beschaffenheit der Pappe: ein schwarze und eine weiße Papierschicht auf Ober- und Unterseite umschließen einen cremefarbenen Kern.

Während diese Schatten-Schnitte eindeutig die Handschrift des von der Künstlerin geführten Messers tragen und materialbedingt kleinformatig angelegt sind, erlangen die in Forex und mit Lasercut-Verfahren großflächig umgesetzten Zeichnungen eine stark skulpturale Wirkung. An die Stelle der Messerspuren im Karton tritt distanzierte Technik, was diese Schnitte ästhetisch neu definiert. Die genaue Übertragung der Linien und Kanten verweist aber weiterhin auf die Vorlage.

Thematisch bleibt Ute L. Ludwig zunächst bei den computerbearbeiteten Zeichnungen der Plastiktüten. Binnenreliefs, Volumen und Linienführung der Fotos abstrahiert sie, bis höchst reduzierte und von organischen Schwüngen und zackigen Knicken gezeichnete schwarze Figuren entstehen. In der zweiten Serie sind es japanische Kriegerhelme, die in die entdinglichte Zweidimensionalität überführt werden. In einzelnen Arbeiten kombiniert die Künstlerin beide Strukturformationen.

„In japanischen Holzschnitten der Edo-Zeit fand ich ein Verhältnis von Flächigkeit und abstrahierter Räumlichkeit, von Wölbungen und Faltungen, Themen, die mich schon bei den Plastiktüten faszinierten. Kabuto (japanische Kriegerhelme) bilden die Vorlage für die zweite Serie der Schatten-Schnitte. Wie schon bei meinen früheren Arbeiten ist es nicht der Kontext und die Funktion, die mich interessieren, vielmehr ist es die Dynamik der sich windenden Formen. Dieser Aspekt beherrscht auch meine aktuellen Schnitte, denen Fotos von sich überlagernden Ästen zugrunde liegen.“

Der Schatten-Schnitt relativiert das Verhältnis von künstlerisch geschaffenem Körper und Leerstelle. Unwillkürlich tritt die geformte schwarze Fläche wirkungsästhetisch zurück, der freigelegte Bildraum oder die Wand, auf der der Schnitt schwebt, werden zur imaginären Gestalt. Die Hierarchie von Objekt und werktragendem Untergrund ist aufgehoben.


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Ute L. Ludwig