Landkarten des Lebens

Magazin Deutschland, 2010-3-8

Der Sinologe und Schriftsteller Tilman Spengler und die kultivierte Optik des Fremden

Bestimmte Berufe bringen bestimmte Empfindlichkeiten mit sich. Wer sich wie Tilman Spengler entscheidet, in seine Essays, Reportagen, Erzählungen und Romane auch seine persönlichen Erlebnisse einzubringen, möchte darauf nicht unbedingt angesprochen werden. Fragt man ihn dennoch z. B. nach seinen Beweggründen sich der Sinologie zuzuwenden, so bekommt man – die Tonlage räumt jeden Zweifel aus – eine Anekdote erzählt, nicht aber ‚die wahre Geschichte’: „Mütterlicherseits stamme ich aus einer Missionarsfamilie. Meine Familie väterlicherseits exportierte fragwürdige Heilsgüter nach China und schleppte viel guten Tee aus China ab.“ Höflich den Weg der ironischen Distanznahme wählend, wird sehr schnell deutlich, dass diese Fährte nicht weiterführt.

Seit den 1980er Jahren ist Tilman Spengler immer wieder in China unterwegs. Im einst vom Kohlebergbau geprägten Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, lebt und arbeitet er nun am Starnberger See in Bayern, hat einen Zweitwohnsitz in Berlin und ein drittes Domizil in Spanien. Als Grundvoraussetzung seines Schreibens betont er die nötige räumliche und sinnliche Distanz zum Ort des Geschehens. „Zu große Nähe stört mich sogar,“ resümiert er. „Erst muss sich eine Melodie formuliert haben. Das Erlebte muss zur Geschichte geworden sein, bevor man sie aufschreiben kann.“

Die Tonlagen seiner Bücher wechseln radikal von Genre zu Genre. So schafft der an der Biographie des Malers Giuseppe Castiglione angelehnte Roman Der Maler von Peking (1993) eine ungebrochene Nähe zu den Protagonisten der Handlung. In seiner jüngst erschienenen Essaysammlung Sind sie öfter hier (2009) erzählt Spengler mit anekdotischer Leichtigkeit von Begebenheiten in Ost und West. Für die im November 2009 gestartete, wöchentlich ausgestrahlte Fernsehsendung Klassiker der Weltliteratur wiederum tritt seine Person hinter den Auftrag zurück u. a. Homers Ilias, Wolfram von Eschenbachs Parzival, die orientalische Geschichtensammlung 1001 Nacht, das indische Ramayana und den chinesischen Traum der Roten Kammer gleichberechtigt im Wissensschatz der Zuschauer und -hörer zu verankern.

Der Autor als Vermittler zwischen den Welten

Wird in Deutschland über China diskutiert, sei es im Fernsehen, Radio oder in der Presse, so gehört Tilman Spengler regelmäßig zu den geladenen Experten. Gerade während der Frankfurter Buchmesse, dessen Gastland im Oktober 2009 China war, begleitete Tilman Spengler einige der chinesischen Autoren bei Ihren Lesungen oder übernahm die Moderatorenrolle. Wie ernst er dabei seine Vermittlerrolle nimmt, macht der schmerzliche Unterton seiner Stimme deutlich, wenn er die chinesischen Gäste mit unreflektierten Allgemeinplätzen konfrontiert sieht.

Um eurozentristischen Verkürzungen in Bezug auf China entgegenzuwirken, wählt er für seine Texte Handlungskonstellationen, in denen die Protagonisten und die sie umgebende Lebenswirklichkeit in all ihrer Ambivalenz aufscheinen können. Ist es im Maler von Peking der italienische Missionar, den seine Faszination für die chinesische Kultur dazu bewegt, seiner Heimat den Rücken zu kehren und bis zu seinem Tod in Peking zu bleiben, so spielt der Essay Alle glückliche Familie (in: Das Glück liegt draußen vor der Stadt, 2002) in einem Hamburger China-Restaurant. Erzählt wird hier aus der Perspektive von in Deutschland lebenden Chinesen.

„Ich nehme mit den Köchen aus Hunan, dem Chefkoch aus Taiwan, dem Restaurantbesitzer von der Insel Hinan und den kantonesischen Gästen die Einheitsvorstellung von China auseinander“, erläutert Spengler die Intention dieser Geschichte. „Jeder trägt hier sein Unglück auf eine andere Weise.“

Dass sich Tilman Spengler nicht auf den China-Kenner festlegen lässt, zeigt derzeit mit aller Deutlichkeit seine Fernsehsendung Klassiker der Weltliteratur. Länder, Zeiten und literarische Gattungen übergreifend, wird hier mit souveräner Geste ein Bildungsideal der Goethezeit im 21. Jahrhundert wiederbelebt, nämlich das des Universalgelehrten. In Bezug auf China ist nach dem Traum der Roten Kammer u. a. eine Sendung zu Gedichten der Tangzeit geplant und – das betont Spengler mit Nachdruck – Lu Xun soll generell vorgestellt werden, nicht nur einzelne Schriften.

„Bei Lu Xuns Werken stockt mir heute noch der Atem,“ begeistert er sich. „Diese Souveränität, sich auf keine Seite zu schlagen! Und es gibt auch nicht viele Autoren, über deren Humor man noch 100 Jahre später lachen kann.“ Die ungeheure Neugier von Lu Xun sei einzigartig, schwärmt Spengler. „An Lu Xun lässt sich exemplarisch die Modernität Chinas in den 1920er Jahren vor Augen führen. An dieser Modernität festzuhalten, das ist mein Credo.“

Im Gespräch mit Tilman Spengler wird deutlich, dass sein Verhältnis zu China auch geprägt ist durch die Liebe zur chinesischen Literatur und Kultur. Sie wiederum ist ihm Teil der Weltliteratur, in der er sich intellektuell beheimatet fühlt. „China ist für mich nie mein ganzes Leben gewesen“, beschreibt er sein Nähe-Distanz-Verhältnis. „Und ich hatte nie den Eindruck, dass es das werden würde. Solch eine intervallartige Beziehung, kann aber durchaus sehr leidenschaftlich sein. China ist eine Landkarte auf der ich mich bewege.“ Den besonderen Reiz dieser „Landkarte“ mache u. a. das „andere Lebenstempo“ aus, erzählt er. „China ist für mich ein Ort mit ziemlich hoher Verdichtung in sehr vielen Lebensbereichen. Die Vorfreude auf diese Reisen ist immer sehr speziell. Was ich besonders mag, ist z. B. die Musikalität des Pekinger Dialektes.“

Meine Gesellschaft: Ein autobiografisches Puzzle

Am nächsten kommt man dem Menschen Tilman Spengler wohl in seinem ‚Selbstporträt in 62 Kapiteln’. Unter dem Titel Meine Gesellschaft. Kursbuch eines Unfertigen (2002) lässt er sein Leben episodisch Revue passieren. In großen Zeitsprüngen nimmt Spengler den Leser mit auf seine Reisen, die ihn u. a. in seiner Funktion als Journalist, nach Albanien, Kroatien, Indien, Japan und China führten. Er lässt aber auch Teil haben an seinen Kindheitserinnerungen im Deutschland der Nachkriegszeit. Mit ungeschützter Offenheit erfahren wir von schmerzlichen Verlusterfahrungen, die seine Familie erlitten hat, aber auch von dem ungebrochenen Lebenswillen und der Leidenschaft mit der er und die Menschen, die ihn umgeben, sich dem neuen Zeitgeist zuwenden.

„Ich entwerfe das Bild eines Menschen, der sich bemüht hat, einen gewissen Vorbildcharakter zu erfüllen“, heißt es auf den ersten Seiten. „Unsere Gesellschaft geht in vielerlei Hinsicht schlampig mit Leitbildern um. Das wird durch diese Schrift gewiß nicht besser, doch sie unternimmt zumindest einen Versuch.“ Vielleicht ist es gerade die kultivierte Optik des Fremden – auch in Bezug auf das Eigene – die sich als roter Faden durch die Bücher, Texte und anderen Tätigkeitsbereiche von Tilman Spengler zieht.


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