Kunst mit Stimme, schmelzendes Eis und tränenförmiges Glück

Berliner Zeitung, 2010-10-12

Die Galeristin Tanja Wagner eröffnet ihre Galerie mit einem zweifachen Veto

Noch bevor ihre Galerieräume renoviert waren, verschaffte ihr ein glücklicher Zufall die Chance, die Künstlerin Mariechen Danz auf dem Art Forum zu präsentieren. Nun wählte die aktuelle Ausgabe des Kunstmagazins Monopol gerade sie für das Titelcover der Kunstherbst-Beilage. Höhenflug? Sie würde lieber über ihre Künstlerinnen sprechen und über die Ausstellung, winkt Tanja Wagner ab.

Immer wieder hätten ihre Kollegen über den Mangel an aussagekräftiger Kunst von Frauen geklagt. „Ich dachte, das kann doch gar nicht sein“ erzählt Tanja Wagner im Gespräch kurz vor der Vernissage. „Und dann habe ich angefangen zu suchen – und zwar speziell nach überzeugenden weiblichen Positionen meiner Generation.“ Als dann vor gut zwei Jahren die Idee aufkam, eine eigene Galerie zu eröffnen, war schnell klar, das dieser Ort die Möglichkeit bieten soll, jene Schieflage zu korrigieren. Im neuen Kunstquartier rund um die Potsdamer Straße und unter dem sprechenden Titel „Die Tür geht nach innen auf“ startete Tanja Wagner am letzten Samstag mit einer Gruppenschau der von ihr vertretenen Künstlerinnen.

Auf 110 Quadratmetern ‚White Qube’ und in den Räumen eines ehemaligen Skatklubs, traf sich am Samstag, trotz Dauerregen und weitläufiger Marathon-Straßensperren, die Berliner Künstler- und Kunstbetriebs-Prominenz in der Pohlstraße 64. Neben ihrer Blitzkarriere bei Max Hetzler ist es sicherlich auch der fast stoisch wirkende Idealismus von Tanja Wagner, der ihr den Start als Galeristin erleichtert. „Eine Kollegin wies mich auf die hohen Erwartungen hin, die man an mein Projekt knüpft,“ erzählt sie. „Was soll ich sagen, ich tue, was ich für richtig halte, der Rest wird sich zeigen.“ Im Gespräch wird sehr schnell deutlich, dass die Galeristin neben der Entscheidung, mit einem Frauenprogramm zu eröffnen, auch konzeptuell weiß, was sie will: „Es gibt ein großes Bedürfnis nach Sichtbarem und Sagbarem in der Kunst. In der Kulturwissenschaft nennt man dieses neue Phänomen ‚Metamoderne’.“ Mit Nachdruck konkretisiert sie auch gleich, was das meint: „Mir ist wichtig, dass der erste Schritt vom Kunstwerk ausgeht. Die Kunst soll einladen.“

Mit den fünf von ihr exklusiv vertretenden Künstlerinnen verfügt Tanja Wagner über ein noch überschaubares, aber internationales und multimediales Repertoire, das jenseits aseptischer Technikverliebtheit nahbare Kunst verspricht. So empfangen den Galeriebesucher derzeit die fein säuberlich auf einem weißen Sockel drapierten Babyjäckchen von Šejla Kamerić (*1976 in Sarajevo). Sofort ins Auge stechen im wahrsten Sinne des Wortes die tränenförmigen goldenen Anstecknadeln auf der Herzseite der Kleidungsstücke. Im arabischen Raum beglückwünsche man die Eltern eines Neugeborenen mit diesem traditionellen Geschenk, erklärt Tanja Wagner. Und Glück ohne Tränen gäbe es nicht, so die Message von Mashallah – God Bless Tears (2010).

Paula Doepfner (*1980 in Berlin), Meisterschülerin von Rebecca Horn, ist bereits durch ihre Ausstellung und Performance Im Schlaf ohne Schlaf (2009) in der Berliner St. Johannes Evangelist-Kirche bekannt. Äste und persönliche Aufzeichnungen friert sie in Eisblöcke ein. Naturgemäß gibt das Eis sie bei Raumtemperatur bald wieder frei. Begleitet wird diese materialisierte Poesie durch traumwandlerisch feine Tuschezeichnungen.

Höhepunkt der Vernissage ist die Performance von Mariechen Danz (*1980 in Dublin). Gemalte innere Organe kleben nicht nur auf Ihrem Kostüm, sondern auch tattooartig auf ihrer Haut. Murmelnd betritt sie den Raum, begrüßt ihr Publikum mit den Worten „I brought my body with me!“ und verteilt Organ-Attrappen aus Plastik, dann singt sie mit tiefer Stimme. Das sei nur eine Kostprobe, so Tanja Wagner. Weitere Arbeiten von Mariechen Danz zeigt sie auf dem art forum und im Mai findet eine Soloschau der Künstlerin in der Galerie statt.


Galerie Tanja Wagner, Pohlstraße 64 (Tiergarten). Bis 13. November, Mi - Sa 11-18 Uhr

Galerie Tanja Wagner

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