Das Bild diktiert, nicht ich.
Aktuelle Arbeiten von Stehn Raupach ( en )

Galerie Caprice Horn, Berlin 2008-12-05 – 2009-01-15

Millionenfach mit stumpfen Pinseln und in einer von Schwarz, Weiß und Grautönen dominierten Farbpalette auf die Leinwand getupft, erreicht Stehn Raupach (geb. 1965 in Frankfurt/Main), dass seine künstlerische Handschrift nahezu hinter dem Charakter eines Computerprints verschwindet.

Die seit 2007 entstandenen Arbeiten markieren eine deutliche Zäsur. Erzählt wird hier nichts mehr. Konturen verflüssigen sich, Bildflächen erscheinen als rhythmischer Vibrationsraum. Vorlage der Malerei sind bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Fotografien. Die Malerei wird zur ausführenden Technik, die Bildmacht gibt der Künstler an die Computertechnik ab. Kreativer Akt ist nicht die Produktion, sondern die Selektion. Ziel sei der eliminierte Strich, so Raupach, die zur Fläche gewordene Linie.

„Für die Vorlagen meiner Bilder entscheide ich mich instinktiv. Sie müssen mir den Auftrag geben, sie zu malen. Die Farbe ist dann eher Mittel zum Zweck, Werkzeug auf dem Weg zum Ergebnis, das Eintauchen in eine Formel. Die Sinnlichkeit liegt innen, im Entwerfen, in der Entscheidung, welchem Bild ich meine Lebenszeit widme. Ich komponiere und interpretiere nicht beim Malen, sondern davor. Das Malen selbst ist eine Höhle der Konzentration für mich.“ (Stehn Raupach)

Wer versucht, eine Fährte auszumachen zwischen den ab 2003 entstandenen Bildern und den in der Ausstellung gezeigten, muss scheitern. „Da ist kein Weg“, bestätigt Raupach, „es ist ein Springen.“ In seinem ersten Bild o. T. (12/2003) sind es weniger die Einschusslöcher in der Seitentür eines weißen Mercedes, die irritieren, als vielmehr die mit einem breiten Pinselquast über das darüber liegende Fenster geschobene Farbmasse. Ausgewischtes Leben? Auch in den neuen Arbeiten sind es existentielle Themen, die der Künstler anschneidet, allerdings formästhetisch stark abstrahiert. Mount Everest ü 9000 (10/2007) z. B. verrät dem Betrachter nur noch atmosphärisch vermittelt, dass die Vorlage eine dem Künstler zufällig in die Hände gefallende Fotografie von Bergsteigern auf dem Himalayagipfel zeigt. „Das ist der Blick in mich und durch die Bergsteiger vermittelt,“ so Raupach, „ich stelle mir vor, was es in mir auslösen würde, auf der Bergspitze zu stehen.“ Die Nachbearbeitung am Computer verflüssigte – produktionsästhetisch auf schlüssige Weise – die Personen auf dem Foto bis zur gänzlichen Konturlosigkeit. Auch der Berg und die ihn umgebende Landschaft werden nicht etwa als erkennbare Wirklichkeit gezeigt, sondern als erlebte Erkenntnis.

Den Rhythmus der auf die Leinwand stoßenden Pinselborsten vergleicht Raupach mit Musik, die ihn beim Malen in den Bann ziehe. Tagesfüllend und über mehrere Wochen an einem Werk arbeitend, beschreibt er sich selbst als „Maschine, der vom Bild diktiert wird, was zu tun ist“. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten machen deutlich, dass der Künstler thematisch unberechenbar ist: Die Motive fänden ihn, nicht umgekehrt. Die überbelichtete Straßenlaterne von Kein Wort (7/2008) gleicht einer Halluzination, bei Frieda (9/2008) ist es der Kopf eines Säuglings, der übermächtig den Bildraum zum Pulsschlag werden lässt. Anspielend auf Gerhard Richters Kerze (1983) und Nam June Paiks One Candle (1989) visualisiert o. T. (11/2008) die Atmosphäre kurz nach dem Verlöschen einer Kerze: Kein Lichtschein mehr, aber auch noch kein aufsteigender Qualm, nur ein kurzer Moment vor der völligen Dunkelheit.

Ein klassischer Topos der Fotografie und der Malerei ist der sich ins eigene Werk spiegelnde Künstler. Die erst kurz vor der Ausstellung entstandene Arbeit K Ich (11/2008) zeigt konzentriert, dass Raupachs suchender und reflexiver Blick dabei den Umweg über ihm fremde Bilder und deren technische Verfremdung nimmt: so wirft ihm die Betrachtung einer monochrom schwarzen Arbeit eines ihm unbekannten Künstler unerwartet die Konturen seines Selbst zurück. Die technische Nachbearbeitung und der Akt des Malens machen aus diesem Erlebnis eine Selbstbefragung.


Galerie Caprice Horn, Berlin

Stehn Raupach