Abgerutscht beim Annäherungsversuch

Berliner Zeitung, 2010-06-29

Zum ersten Mal in Deutschland: zeitgenössische Kunst aus Saudi-Arabien

Nach der rauschenden Ausstellungseröffnung von Grey Borders / Grey Frontiers. Edge of Arabia erwartet den Besucher des geschichtsträchtigen Soho House Berlin nun eine indifferente Mischung aus Orient und Okzident.

Schöne Frauen in exotischen Kleidern ließen das Schleierthema vergessen. Longdrinks – wenn auch alkoholfrei - und exquisite Canapés stimmten den Vernissagebesucher äußerst wohlwollend. Da fiel die Aufmerksamkeit nicht so sehr auf den Baustellencharakter des Eingangsbereichs und die improvisierte Holztreppe, die die Ausstellungsräume mit der Innenhofterrasse verbindet. Wer nun das Foyer des imposanten Eckhauses an der Torstrasse 1 betritt, den trifft die Ernüchterung von Schein und Sein ungeschönt. Exklusive Läden und Restaurants sollten eigentlich im Juni diesen Jahres im Untergeschoss eröffnen. Luxus-Lofts, Sauna und Spa sollen sich in den oberen Etagen verbergen. Doch bisher verströmt einzig die nur für Clubmitglieder zugängliche Bar mit Swimmingpool auf dem Dach Soho-Flair. Unübersehbar hingegen ist die Geldmangel-Tristesse, die dem luxusdampferartigen Zeugnis einer Architektur der sogenannten „Neuen Sachlichkeit“ seinen Charme ausgehaucht hat. Gleichzeitig zollen die Investoren ihrer Verantwortung gegenüber der Geschichte des Hauses bisher wenig spürbaren Respekt. Als architektonischer Erinnerungsträger erzählt das einstige Kaufhaus Jonas wenig Glamouröses, angefangen bei der Enteignung der jüdischen Besitzer Hermann Gollhuber und Hugo Halle durch die Nazis bis hin zum Politbüro der SED (siehe Berliner Zeitung, 29.04.2010).

Nicht genug der Interessenskollisionen. Zusammen mit dem Kurator Rami Farook wählte eine von britischen und saudi-arabischen Künstlern gegründete Initiative genau diesen Ort für eine ihrer international tourenden Ausstellungen. Auch wenn es dem Besucher gelingt, die räumliche Umgebung auszublenden, so geben ihm die elf Künstler und Künstlerinnen von „Edge of Arabia“ wenig Chancen, sich einer Kunstszene anzunähern, die nach dem Ende des China- und Indien-Booms den exotikhungrigen Blick anzieht. Banale Konversationsstücke, die die Werke in Gruppen einteilen, verärgern. „Es ist, was es ist“, heißt es da. „Besitze nichts, besitze etwas, teile alles KONTRA die heutige Lage der Welt“. Kein Kommentar! Unter dem Titel „Identität Kontra Identitätskonfusion“ zeigt der Kurzfilm von Faisal Samra jemanden im Kampf mit einem Gewandtuch. Sami Al-Turki lässt seinen Filmprotagonisten sinnlos mit einer Eisenstange auf etwas einschlagen. Auch das „Mädchenzimmer“ (The Girls Room, 2009) von Hala Ali verlangt keine großen intellektuellen Anstrengungen. Mit phosphoreszierenden Lettern schreibt sie ihr Frauen-Manifest an die Wand einer Blackbox. Verlischt das Licht, leuchten Wortanteile wie „he“, „his“, „man“ und „men“ auf. Feminismus light.

Die Ausstellung scheitert gleich in zweifacher Hinsicht. Einerseits gleitet der Besucher an den fast durchgängig glatten Oberflächen von Flachbildschirmen, Filminstallationen und hochglänzenden Fotoarbeiten ab, andererseits eröffnet die schlagwortartige Gesellschaftskritik keine Chance, sich einer fremden Kultur mit Entdeckergeist zu nähern. Dass interkulturelle Vermittlung mit den Mitteln der Kunst möglich ist, zeigte z. B. die chinesische Avantgarde in den 1980er und 1990er Jahren. Denkt man an Indien, so tauchen u. a. die intuitiv erfahrbaren Installationen von Anish Kapoor vor dem inneren Auge auf. Gerade in diesen Tagen führt die iranische Künstlerin Shirin Neshat mit ihrem Film „Women Without Men“ den Kinobesucher nach Theheran im Sommer 1953. Vier Frauen mit höchst unterschiedlichen Lebensläufen treffen in einem verwunschenen Garten zusammen. Das Fremde wird in diesen Arbeiten zum Imaginationsraum, den man beschreiten möchte. Uns für Saudi-Arabien zu begeistern, bleibt noch zu leisten.


Soho House Berlin, Torstr.1 (Mitte), Bis 18. Juli, Di-So 11-18 Uhr.

Berliner Zeitung