Rolf Zscharnack: Lichtspuren

Rolf Zscharnack - Photography/ART, 2010-02

„Nicht das, was ich fotografiere bewegt sich, sondern ich bewege mich. Ich male Bilder mit meiner Kamera..“ (Rolf Zscharnack)

Metropolen bei Nacht. Der Geräuschpegel sinkt, Menschen und Autos sind nicht länger Teil eines unablässigen Stroms, sondern werden zu singulären Erscheinungen. Die Pulsfrequenz großer Städte nehmen nun lediglich diejenigen wahr, die nicht den Schlaf suchen, sondern künstliche Lichtquellen dem Tageslicht vorziehen. In seiner 2009 begonnen Fotoserie Fast City arbeitet Rolf Zscharnack mit der Kombination aus Kameraschwenk und Langzeitbelichtung, er fotografiert aus dem fahrenden Auto, aus der Bewegung oder Drehung heraus. Die Lichter der Stadt, Leuchtreklamen oder beleuchtete Häuserfronten werden zu abstrakten Lichtspuren. Menschen verflüchtigen sich zu schattenhaften Erscheinungen. Der konkrete Ort erlangt den Status einer Kulisse, einer Kulisse für ein Schauspiel, dass sich so, wie es in Fast City sichtbar wird, nie ereignet hat. Das Foto avanciert zu einer visualisierten Lichtvision.

„Bei der Fast City-Serie belichte ich die Gegenstände und Gebäude, nicht die Menschen. Sie verschwinden in der Unschärfe, sind wie ausgelöscht, weil sie keine eigene Leuchtkraft haben. Durch die Geschwindigkeit der Kamerabewegung ist auf dem Foto oftmals nicht mehr erkennbar, wo es entstand.“

Abstrakte Natur und körperloser Tanz

In erdigen Brauntönen oder mineralischem Schwarz-Silbrig-Grau muten die großformatigen Detailaufnahmen der Abstract, Monochrom-Serie (2008) archaisch an. Holzmaserungen erscheinen als in ihrer Kraft erstarrte Wellenformationen, Baumrinde wird so in Szene gesetzt, dass der Betrachter sich im schrägen Sturzflug in ein zerklüftetes Felsenmassiv zu stürzen wähnt.

In Abstract, Color (2008) gleicht die Nahaufnahme eines Kaktus einem Flammenmeer, Lavasteine werden von leuchtend roter Flüssigkeit umspült. Die als Detail ins Bild aufgenommenen natürlichen Oberflächen, aber auch Steinkanten oder Mauerrisse, erlangen durch ihre Nachcoloration in grell-künstlicher Farbscala einen nahezu futuristischen Charakter.

„In dieser Serie habe ich nach abstrakten Strukturen gesucht, die als solche erst im Detail sichtbar werden. Die fertigen Bilder hatte ich bereits vor dem Fotografieren vor meinem inneren Auge. Wichtig ist mir die Energie, die durch die dynamischen Linien und Bewegungen, aber auch durch die Bewegungsunschärfe entsteht.“

Dance (2009) betitelt Rolf Zscharnack eine Folge von Fotografien, in denen zwar der tanzende Mensch fokussiert wird; wie bereits bei der Abstract-Serie löst sich das fotografisch geschaffene Bild allerdings vom anvisierten Gegenstand und erlangt ein Eigenleben. Im Gegensatz zur gestochenen Schärfe, mit der üblicherweise Tänzer in Bewegung gezeigt werden, erweist die Dance-Serie die Hommage nicht dem/der Akteur/in, sondern der Kraft, dem Ausdruck und der Dramatik des Tanzes.

Wenn der Mensch die Bühne verlässt: die Farben der Nacht

Zwischen 1937 und 1946 fotografierte László Moholy-Nagy den nächtlichen Verkehr in Chicago. Ohne Titel (Night-Time Traffic) zeigt das Licht der Autos als Linie, Punkt, Staccato oder in fließenden Konturen. Moholy-Nagy agiert bei diesem Projekt von einem festen Standpunkt aus, ist somit der ruhende Pol, der die metropolitane Dynamik im Bild still stellt. In Fast City ist es der Fotograf Rolf Zscharnack, der das Tempo vorgibt und damit das entstehende Bild inszeniert.

„Die ersten Fotos der Fast City-Serie entstanden, als ich nachts in Berlin mit dem Auto unterwegs war. Die Stadt ist dann wie ausgestorben, kaum Verkehr, wunderschön. Es sind flüchtige Eindrücke, die wie ein Bilderschweif an mir vorbeiziehen. Ich spüre, in welchem Moment ich ein Bild festhalten und wie schnell ich die Kamera bewegen muss, damit die Atmosphäre der erlebten Situation im Bild sichtbar wird.“

Während Rolf Zscharnack die den Abstracts zugrunde liegenden Aufnahmen farblich nachbearbeitet und dadurch verfremdet, setzt er in Fast City auf die je spezifischen ‚Farben der Stadt’. Dass jede Stadt ihre eigene Licht-Dramaturgie hat, macht bereits der Vergleich der in Berlin und Miami entstanden Fotos nachvollziehbar. Seine Fortsetzung findet das Fast City-Projekt in Hamburg, New York und Schanghai.


Rolf Zscharnack