Angriffslust mit glühenden Fingerspitzen. Nadine Rennert im Georg Kolbe Museum

Berliner Zeitung, 2008-12

Nein, der Junggeselle (2006) wird Die kluge Else (2007) wohl kaum aus ihrer misslichen Lage befreien. Schwerfällig und zum Berg verhärtet hockt er da, der letzte Funke Tatendrang leuchtet tief in seinem Inneren verborgen. Wer in diesen Tagen das Georg Kolbe Museum betritt, wird schräg beäugt und um Hilfe angerufen – lautlos –, und das schon im ersten Raum! Eine gestrandete Fallschirmspringerin löst sich in fließenden Stoffmassen auf, ein Ungeborenes in Tarnkleidung stemmt sich mit aller Kraft in die Höhe und strahlt den Schein der Zukunft an die Wand.

Bereits bei der Vernissage führte die Solo-Ausstellung der in Berlin lebenden Künstlerin Nadine Rennert (geb. 1965) zu starken Reaktionen bei den Besuchern. Eine gewisse Irritation war spürbar. „Unheimlich“, raunt ein junger Mann. Zwei ältere Damen versuchen sich an das Grimmsche Märchen vom Mädchen ohne Hände zu erinnern: „Sie hat doch aber am Ende die Hände wiederbekommen, oder?“ Ein Herr weist auf die Gebrauchsspuren des Matratzenstoffes hin, aus dem die im wahrsten Sinne des Wortes handlungsunfähige Frauengestalt genäht ist. Schaurig-schön, denn anstelle der Hände wachsen leuchtend rote Rosenblüten aus ihren Armstümpfen.

Dem Staub ein Gegengewicht heißen zwei der gezeigten Arbeiten und auch die Ausstellung selbst. In einem Roman von Thomas Mann wäre sie auf dieses zukunftsträchtige Motto gestoßen, erzählt Nadine Rennert beim Rundgang. Das Felsmassiv des Jünglings sei inspiriert durch eine Szene aus Amos Oz’ Von Liebe und Finsternis. Bei der Skulptur I drink your flower (2005) stand am Anfang der Bericht eines Folteropfers, dann erinnerte sich die Künstlerin an das Märchen vom Mädchen ohne Hände. „Die Ideen und Bilder zu meinen Arbeiten“, so Rennert, „entwickeln sich nicht selten im Halbschlaf. Manchmal ist es auch nur ein Satz wie z. B. ‚Bin ich’s, oder bin ich’s nicht?’ im Märchen Die kluge Else, der mich fesselt. Dann beginnt die Suche nach Möglichkeiten, wie sich diese Ideen umsetzen lassen.“ Diese Entstehungsgeschichte bleibt zumeist unsichtbar, manchmal gibt der Werktitel einen Fingerzeig. Die Deutungshoheit liegt beim Betrachter. So ließe sich Dem Staub ein Gegengewicht auch so verstehen, dass das vom Staub Befreite, das zuvor unter ihm Ruhende, sichtbar wird. Die Skulptur Selbdritt (2008) z. B. stellt die nicht immer angenehme Frage, inwiefern das eigene Leben durch die Generationen übergreifende Wirkmacht der Familie beeinflusst wird.

Schon hier wird deutlich, mit welcher Suggestivkraft die Skulpturen von Nadine Rennert Erzählungen anstoßen, eine linear lesbare Handlung aber verweigern.

Was alle ihre Arbeiten auszeichnet, ist eine ‚Aura des Materials’. Ein pelzig-grauer Flaum bedeckt die Körper einiger Figuren, verletzlich und unwiederbringlich gezeichnet vom Leben. In Flucht auf der Stelle (2006/07) stehen die bloßen und schmutzigen Füße in krassem Gegensatz zur mit Spitze überzogenen Bewegungsstudie. Inwendiges Warten (2005) verzichtet gänzlich auf die Anwesenheit der Figuren. Zwei in Leim getränkte schwarze Mantelhüllen belauern einander, ihre Fingerspitzen leuchten vor Angriffslust. Wer hier siegen bzw. ob es überhaupt zum Kampf kommen wird, ist offen.

Der Leiter des Hamburger Bahnhofs, Eugen Blume, unternahm in seinem Katalogbeitrag und auch in seiner Eröffnungsrede den Versuch, Nadine Rennerts Werke zu kategorisieren. Wohin dieses Unterfangen selbst den Kenner der Gegenwartskunst führt, macht das von ihm aufgespannte Koordinatensystem deutlich; es reicht von literarischen Querverweisen auf E. T. A. Hoffmann und Franz Kafka über Oskar Kokoschka und seine als Puppe verewigte Geliebte bis hin zu Stanley Kubrick. Dem Staub ein Gegengewicht ist in diesem Sinne eine laute Ausstellung, der Lärm der Stimmen findet freilich im Kopf des Besuchers statt.

Nadine Rennert hatte gleich in mehrfacher Hinsicht Glück. So förderte das Künstlerinnenprogramm der Berliner Senatskanzlei die Ausstellung und den gestalterisch äußerst gelungenen Katalog. Auch ist Ausstellungsleiter Marc Wellmann sichtlich begeistert von der Kunst-Gesellschaft, die ihn nun bis Anfang Februar umgeben wird. Und nicht zuletzt: die vom launischen Winterlicht durchfluteten Räume des Kolbe Museums!


Erstveröffentlichung: Berliner Zeitung

Georg Kolbe Museum

Nadine Rennert