Erinnerungslücken oder ‚You always win’ in Namibia

Kerstin Weichsel, Visual Poetry 2010-2

Als „Visuelle Poesie“ charakterisiert die in Berlin lebende Künstlerin Kerstin Weichsel ihre Installationen, Interventionen und Fotoserien.

Kerstin Weichsel setzt auf die ‚Sprache der Dinge’. Miniatur-Szenarien vereinen Gegenstände und Bildmaterial aus den unterschiedlichsten Kontexten. Unverändert oder im Format verfremdet werden sie ins Arrangement aufgenommen. In der souveränen Koexistenz verschiedener Sprachen entspinnt sich vor dem Auge des Betrachters und unter Titeln wie POTERE NERO, LA BORSA O LA VITA oder WE WILL HONORE THE BRAVE ein spannungsgeladener Diskurs darüber, in welcher Art und Weise bestimmte Bilder aus Werbung und Medienberichterstattung in unserem Bildgedächtnis verankert werden. Besondere Aufmerksamkeit widmet Kerstin Weichsel den zwangsläufig entstehenden Erinnerungslücken . Welche Informationen werden aus- bzw. überblendet, wenn z. B. in der Dokumentation politischer Ereignisse immer wieder die gleichen Bilder eingesetzt werden?

Memory Leaks/Remains.

Seit nunmehr fast 10 Jahren arbeitet Kerstin Weichsel an dem Projekt Memory Leaks/Remains. Als „Speicherleck“ oder „Speicherloch“ (engl. memory leak) werden „Fehler in einem Computerprogramm bezeichnet, die es ermöglichen, dass ein laufender Prozess einen Speicherbereich belegt, diesen jedoch im Zuge der Ausführung weder freigeben noch nutzen kann“ (Wikipedia). Kerstin Weichsel verwendet diese Begrifflichkeit und ihren Bedeutungshorizont, um die Leitfragen ihrer künstlerischen Arbeit zu charakterisieren: Wie verändert sich die Erinnerung des Einzelnen an ein konkretes Ereignis in einem mediendominierten Zeitalter? Welche Bilder überdauern im kollektiven Gedächtnis? Inwiefern sind Entscheidungen, die wir treffen unsere Entscheidungen oder eher ein „gehorsames Formationsschwimmen in einem Schwarm von Memmingen“ (1)? Diesbezügliche Recherchethemen der Künstlerin waren zum Beispiel die Medienberichterstattung zum Irakkrieg oder zum Brand in einer Gletscherbahn im österreichischen Kaprun (2000).

„Wir speichern die Bilder ab, die uns die Medien zu einem Ereignis anbieten. Sie sind das, was wir später mit dem Ereignis verbinden und die wir für die Realität halten. Was geht dabei aber alles verloren? Mich interessieren die Wissensreste und Trümmerlandschaften unserer Erinnerung.“

Ihre Skepsis gegenüber dem Medium Fotografie entwickelte Kerstin Weichsel bereits während ihrer Ausbildung zur Modedesignerin an der Central St. Martin’s School of Art in London. Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Trends entstehen, sensibilisierte die Künstlerin für das Verhältnis von Originalität, Authentizität und Mainstream. Als Stylistin gestaltete sie Installationen für Werbe- und PR Kampagnen, für redaktionelle Beiträge und für freie Produktionen. Wie trügerisch real inszenierte Fotografien wirken können, erfuhr sie hier aus der Perspektive der Produzentin. Die durch diese Tätigkeit geschärfte Optik führte dazu, dass ihr vermeintlich dokumentarische Fotografien in Informationsmedien wie Zeitung, Fernsehen und Internet nicht selten als „zu schön um wahr zu sein“ erscheinen. So sehen wir im Kontext des Geiseldramas von Beslan (Nordossetien/Russland, 2004) eine weinende Mutter, die auf ihrem rechten Arm ein Kleinkind trägt. Neben ihr im Bildhintergrund hängt ein goldgründiges Reliquienbild, das Maria mit dem Jesuskind zeigt – es thront auf ihrem rechten Arm. In anderen Pressefotos verweist Kerstin Weichsel auf perspektivische Ungereimtheiten, die sie an Fotomontagen erinnern. Diese und andere Beobachtungen finden Ihren künstlerisch reflektierenden Nachklang in den Objektarrangements der Künstlerin.

Schwarze Mächte und bluttriefende Handtaschen

Der Zweck heiligt die Mittel, heißt es im Volksmund. In der Werbung findet dieser Allgemeinplatz nur all zu oft seine Bestätigung. Den Finger in diese Wunde legend, inszeniert Kerstin Weichsel in der Serie Memory Leaks/Remains die Funde ihrer Recherchen. In Puppenstubenästhetik und unter dem Slogan POTERE NERO erzeugt das Zusammenspiel eines guten Dutzend von Gegenständen eine orwellesque Beklommenheit. Ursprünglich war „Black Power“ der Slogan der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner in den USA und stand für ein neues ‚schwarzes Selbstbewusstsein’. Kerstin Weichsel fand die italienische Variante der Kampfansage in dem Aufmachertitel der Zeitschrift INTERNAZIONALE (9/15 Februar 2007). Die dazugehörige Abbildung zeigt brennende Ölfelder und einen bewaffneten Mann. Der Textanreißer macht klar: es geht hier um den Golfkrieg. Eine für wahr höchst gewagte Bedeutungsverschiebung. Für die Objektarbeit POTERE NERO fotografierte Kerstin Weichsel das INTERNAZIONALE-Cover und verwendet es als Frontansicht ihrer Arbeit. Im Inneren des Ensembles reffen u. a. ein hochhackiger Lackschuh, Lichtschalter und Schuhcreme zusammen. Kohletabletten finden ihren Platz neben einem Warnschild, das auf die Gefahr radioaktiver Strahlung hinweist. Ein mit Wimpern bestückter Lampenschirm wacht über der Szenerie. Kerstin Weichsel dekliniert ein ganzes Wortfeld mit visuellen Mitteln. Ein Verfahren, das in den Medien als verstecktes Manöver der Manipulation eingesetzt wird, legt die Kunst sezierend frei.

In LA BORSA O LA VITA war es zunächst die Doppelbedeutung von borsa=Geldbörse und borsa=Aktienbörse, die Kerstin Weichsel auf einem Plakat in einem römischen Universitätsviertel ins Auge sprang. Passender Weise fordert der Plakattext zum Streik für und zur Demonstration gegen die Erhöhung der Lebenshaltungskosten in Italien auf. Die gleichnamige Arbeit nimmt den Titel nicht konkret auf, sondern spielt das Assoziationsfeld auf den verschiedenen Ebenen durch. Die auf Pappe aufgezogene Abbildung einer bluttriefende Handtasche hängt lässig an der linken Ecke einer Puppenstubenfront aus den Kindertagen der Künstlerin. Die Vorlage fand sich in einem Modemagazin. Im rechten Fenster lockt eine Lippenstiftwerbung mit einer Zunge, die im Begriff ist, das aus einem Mundwinkel sickernde Blut abzulecken. Hinter der Fassade steht ein gefülltes Champagnerglas vor einer Gruppe von Scheichs. Über allem prangt der Schriftzug der Postbank, die in einer Werbekampagne das „ich“ in Worten wie „möglich“ farblich hervorhebt. Ist alles, was möglich ist auch sinnvoll? Und wohin führt der von den arabischen Emiraten noch beschleunigte Superlativ-Rausch?

Ausblick: ‚You always win’ in Namibia

Eine neue Dimension gewinnt das Langzeitprojekt Memory Leaks/Remains in der während einer Reise zu den Hereros in Namibia entstandenen Fotoserie. Zunächst war es die über weite Strecken unberührte Natur, die Kerstin Weichsel faszinierte. Die in den traditionellen Herero-Trachten gekleideten Frauen unterstützen die ‚Exotik des Urwüchsigen’. Doch schon der nächste Supermarkt machte deutlich, dass die Produkt-Globalisierung auch hier angekommen war. Den Stolz der Herero-Hausfrau mobilisierend, lockt eine Packung Weichspüler mit dem Slogan COUNTRY PRIDE. Auf einem anderen Foto reiht sich VANISH-Fleckenlöser ein in die Waschutensilien des Alltags. Als Krönung der Absurdität lesen wir auf einer Plastiktüte, die zu den Füßen einer Frau steht das Versprechen YOU ALWAYS WIN. Makaber ist dieser Feldzug westlicher Werbeästhetik insbesondere, da im 19. Jahrhundert ausländische Missionare und Händler durch den Verkauf von Alkohol und Waffen an die Hereros zur Verschuldung und beinahe zur Ausrottung des Stammes beitrugen. Eine Fortsetzung fand dieses Ausbeutungsverhältnis unter europäischer Kolonialherrschaft am Ende des 19. Jahrhunderts, die letztlich im blutig niedergeschlagenen Aufstand der Hereros 1904 führte. Wer gewinnt hier gegen wen?

„Man sollte glauben, dass die Miniaturszenerien POTERE NERO oder LA BORSA O LA VITA bereits den Gipfel einer bedenklichen Entwicklung markieren. Auf meiner Namibia-Reise wurde ich eines Besseren belehrt. Wie eine Krake, ein Polyp oder ähnliches wird der letzte Flecken der Erde mit den vermeintlichen Errungenschaften der westlichen Zivilisation unterwandert. Was bei uns eine lange Entwicklung hat, stülpt man den Menschen in der sogenannten Dritten Welt als Endresultat über. Deswegen gehören für mich die beiden Projekte – so unterschiedlich sie auf den ersten Blick wirken mögen – zusammen. Ich schiebe den Betrachter gedanklich in die Lücke zwischen den zwei Welten.“


1 Diese und die folgenden Zitate: Interview mit Kerstin Weichsel am 3. Februar 2010 in Berlin

Kerstin Weichsel