Eine Blüte am Hut

Berliner Zeitung, 2010-11-09

Kunsthandel Jörg Maaß zeigt Straßenszenen aus sechs Jahrzehnten

Was bannt den Blick auf das Schaufenster einer New Yorker Eisenwarenhandlung aus dem Jahr 1938? Oder: Warum wirkt ein Liebespaar, das 1958 aus einem kaum näher zu bestimmenden Dunkel hervortritt, nahezu mystisch? Die Ausstellung Street Photography in den Räumen des Kunsthandel Jörg Maaß zeigt knapp fünfzig kleinformatige Fotografien, darunter Ikonen aus dem Europa der 30er Jahre, aber auch Alltagsszenen der 40er, 50er, 60er und 70er Jahren in Amerika. Seltene Vintage-Aufnahmen und spätere Abzüge der Originalnegative von z. B. Berenice Abbott, Cartier-Bresson, Andreas Feininger, Robert Frank, Leon Levinstein, Erika Stone und Weegee konservieren Zeitgeist.

Die mit der Kamera eingefangene Gier nach Vergnügen und Intimität trotzt sogar den Spuren von Kriegszerstörung und Armut. So hat sich der exzessive Lebenswandel auf der berühmt berüchtigten New Yorker Bowery-Street tief in die Gesichter der Vergnügungsschönheiten eingegraben. Das Anrüchige und Lüsterne sprüht den Fotografen entgegen.

Auch 60 Jahre später scheint es unglaublich, dass z. B. das American Girl in Italy von Ruth Orkin keine gestellte Szene ist. Nicht weniger als fünfzehn Männer verdrehen die Hälse nach der Schönen. Orkin beteuert, sie habe Jinx Allen Craig lediglich gebeten, die Straße ein zweites Mal entlang zu gehen, um den Spießrutenlauf mit der Kamera festhalten zu können. Gerade das Wissen, dass hier nichts digital bearbeitet ist, gibt den Zeugnissen des Vergangenen ihre Authentizität.

Spürbar wird die Faszination an den wenig eleganten und nicht unbedingt wohlriechenden Seiten des Lebens u. a. bei Brassaïs Belle de Nuit (1932). Genüsslich rauchend, wartet die wohlbeleibte ‚Bordsteinschwalbe’ auf ihre Kundschaft. Lázló Moholy-Nagy verewigt 1936 einen Marktverkäufer, der mit einem glitschigen Fisch in der Hand auf wenig Gegenliebe bei den weiblichen Einkäuferinnen trifft.

Eine weitere Perle ist Robert Franks Vintage-Fotografie NYC (1948), die für stolze 38.000 Euro angeboten wird. Wir sehen einen Mann mit schmuddeligem Mantel von hinten. Unter den Arm geklemmt trägt er ein Brot. An den verbeulten Hut hat er sich eine Blüte gesteckt. Ein Aufbäumen gegen die Tristesse des Lebens?

Jörg Maaß erzählt, dass man diese Arbeit gerne für die Presse freigegeben hätte. Alles Bitten blieb unerhört. Berühmt für seinen Fotoband The Americans und die Zusammenarbeit mit Edward Steichen an der legendären Ausstellung The Family of Man (1955), wehrt der 1924 in Zürich geborene und nun in Mabou, Canada lebende Frank jede weitere Vermarktung und Publikation seiner Fotografien ab. Dass es ihm schon in früheren Jahren nicht um Personenkult, sondern vielmehr um eine Hommage an den flüchtigen Zauber des Alltäglichen ging, spürt man intuitiv.

Kunsthandel Jörg Maaß
Rankestraße 24 (Charlottenburg)
Bis 10. Dezember
Mo – Fr, 10.00 – 18.00 Uhr und nach Vereinbarung


Berliner Zeitung