Jo Baer: „Was hat Abstraktion mit mir zu tun?“

Berliner Zeitung, 2010-05-11

Die amerikanische Malerin Jo Baer läßt ihren Ruhm als Minimalistin in New York zurück

Das Pressefoto zeigt sie als streng geschminkte Diva in Samt. „Eine Inszenierung der Fotografen“, winkt Jo Baer beim Treffen in Berlin ab und führt in lässigem Sportdress durch die Ausstellung. Sie redet schnell, lacht, liest aus Notizen vor, erklärt symbolische Anspielungen in Ihren Arbeiten, ist sichtlich euphorisiert.

1929 in Seattle, Washington, geboren, zog Jo Baer 1950 nach New York und gehörte dort von den 1960ern bis Mitte der 1970er Jahre zu den gefeierten Größen des Minimalismus. Renommierte Galerien, das New Yorker Guggenheim Museum und die vierte Documenta (1968) zeigten ihre Arbeiten. „Alles außer abstrakter Kunst galt damals schlicht als Müll“, blickt sie zurück und resümiert: „Aber die Welt veränderte sich in dieser Zeit extrem, so dass ich mich fragte, was hat Abstraktion mit mir zu tun?“

Die in ihren letzten New Yorker Jahren und nach dem Umzug in Irland entwickelte künstlerische Neudefinition kann der Ausstellungsbesucher im Eingangsbereich der Galerie am Beispiel der Arbeit „The old year“ (1974-1975) mit eigenen Augen nachvollziehen. In zartem Blau, Grün, Orange und Gelb schmiegen sich rechteckige Flächen in sanften Übergängen aneinander. Am unteren Rand der Leinwand schlängeln sich dreizehn grüne, unregelmäßig gemalte Kreise. Jo Baer erzählt von Jahreszeiten, Mond und Sonne, von Höhlenmalerei. Hier ist nichts abstrakt. Atmosphäre, erlebte Natur, Rückbezüge auf eine archaische Bildsprache und eine spürbar musikalische Komponente wirken im Bild zusammen. „Fusion Art“ nennt sie ihre Kunst, wenn wieder einmal ein Journalist versuche, sie zu kategorisieren. „Es sind aber keine Kollagen“, betont Jo Baer, „denn die einzelnen Motive und Schichten gehen im Bild eine Symbiose ein und ergeben etwas Neues.“

In den letzten drei Jahrzehnten ist keinesfalls ein Stillstand eingetreten im Schaffen von Jo Baer. Das machen die großformatigen, vorwiegend in Öl auf Leinwand, wiederholt aber auch in Acryl und Bleistift auf Transparentpapier gemalten Arbeiten der Ausstellung deutlich. In „Of a Fearful Symmetry (Bound Hand and Foot)“ (1991) schreiten Männerstiefel im Gestapo-Stil auf den Betrachter zu, Tiere springen verängstigt zur Seite. Neben sich windenden Körpern mit gläserner Haut, streift sich eine männliche Gestalt die Handschuhe von den Fingern. Hier herrscht das Grauen.

Vision and Prayer (Dylan Thomas)” (1996-1997) hingegen pulsiert in tiefem Nachtblau. Mittelalterlich Verkleidete versammeln sich zu einem Zeremoniell, eine ägyptische Figur ist zu Boden gefallen, eine nackte Frau reckt sich ins Bild. Poetische Textzeilen sind integrativer Teil des Bildes. Wenn die Künstlerin sie vorliest, liegt ein langes, mit Gier aufgesogenes Leben in Ihrer Stimme.

Jo Baer hat in der Vergangenheit immer wieder die Koffer gepackt. Seit 1984 ist Amsterdam ihre Heimat. Ihr Blick auf die Welt wird keinesfalls von einem Schleier der Mystik vernebelt. Kraftvoll wütend bevölkert sie ein Badezimmer mit in grünen Konturlinien gezeichneten männlichen Geschlechtsteilen und Gedärmen. Nimmt schon der Titel der Arbeit: „Shrine of the Piggies“ (2000) kein Blatt vor den Mund, so wird die dahinter gesetzte Ergänzung noch wesentlich konkreter. Galeristin Barbara Thumm denkt kurz nach, als sie gebeten wird, das Satzgefüge zu übersetzen: „Die Schweine greifen sich alles, Sie beschmutzen und pissen auf das, wovon sie sich bedienen und sie teilen nichts. So ist es.“ Wie war das mit der Diva in Samt?

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstraße 68 (Kreuzberg). Bis 26. Juni, Di-Sa 11-18 Uhr.


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