Bröckelnder Putz auf Pappkarton

Berliner Zeitung, 2010-06-01

Der Berliner Künstler Evol eröffnet die Ausstellungsreihe im Deutschen Pavillon der Expo Shanghai

Ein apokalyptisches Szenario. In dem Kurzfilm Caspar David Friedrich Stadt (2009) bewegt sich die Kamera durch eine verwahrloste Plattenbauten-Geisterstadt. Irgendwas stimmt hier nicht. Eine Nahansicht der Häuserfronten löst die Irritation auf: die Fenster sind nur aufgesprayt! Aber auf was und in welchen Relationen spielt sich der Spuk ab? Ein Atelierbesuch bei dem Berliner Stencil Artist Evol.

Nein, seinen bürgerlicher Namen möchte er nicht genannt wissen und fotografieren lässt er sich äußerst ungern. Erschöpft, weil gerade im Umzugsstress, gleichzeitig hochkonzentriert, sitzt er in seinem winzigen Friedrichshainer Atelier, das er mit einem Freund teilt. Berge von Papierstreifen, die beim Zuschneiden von Schablonen anfallen, liegen am Boden und vor ihm auf dem Schreibtisch. Aus dem Nebenraum sickert beißender Lackgeruch herüber. „Eigentlich war abgesprochen, dass ich in Dresden einige Stromkästen zu Plattenbauten umspraye“, erzählt Evol zur Vorgeschichte zum Filmprojekt „Caspar David Friedrich Stadt“. Der Stromversorger hätte sich dann aber doch quergestellt. Stattdessen bot man ihm ein ungefähr 10 auf 8 Meter großes Areal auf einem ehemaligen Schlachthofgelände an. Die Gebäude waren zu diesem Zeitpunkt bereits abgerissen. Es standen nur noch die Fundamente einer Seifensiederei. Begeistert leuchten Evols Augen, wenn er an diese Ruinenlandschaft zurückdenkt: „Seit 15 Jahren ist da nichts mehr passiert Man sieht im Film noch die Spinnweben“, schwärmt er. „Ich hab nicht viel mehr gemacht, als eine ganze Stadt mit Spraydosen zu errichten.“

Die Shanghaier Expo als urbane Suchbewegung

Im Hinblick auf seine Teilnahme an der Anfang Mai gestarteten Expo Shanghai verliert Evol keineswegs die Bodenhaftung: „Was ich von der Expo halten soll, weiß ich noch nicht. Es ist ja schon in erster Line eine kommerzielle Veranstaltung. Aber ich geh da ganz unvoreingenommen ran.“ Die Arbeit an so einem geschichtsträchtigen Ort, wie dem Schlachthof in Dresden würde ihm natürlich mehr Spaß machen, als in einem Messebau auszustellen. „Aber“, ergänzt er, „ich freu mich erst einmal, über das Interesse an meinen Arbeiten. Und dann bin ich gespannt auf Shanghai.“

Unter dem Motto „balancity – eine Stadt im Gleichgewicht“ präsentiert sich Deutschland auf der diesjährigen Expo. Teil des Pavillonkonzepts ist eine Ausstellungsreihe, in der für jeweils einen Monat die Utopie einer Stadt bespiegelt werden soll, in der ein „Gleichgewicht zwischen Erneuern und Bewahren, Innovation und Tradition, Stadt und Natur, Gemeinschaft und Individuum, Freizeit und Arbeit“ herrscht, so der Pressetext. Eine interdisziplinär besetzte Jury wählte aus den knapp 100 eingegangenen Bewerbungen sechs deutsche Künstler aus, darunter neben Evol die Maler Sebastian Schrader und Tom Fleischhauer und den Fotografen Gregor Steffen. Alle leben in Berlin. Evol zum ersten Repräsentanten einer „Stadt im Gleichgewicht“ zu machen, zeugt durchaus von der Souveränität der Entscheidungsträger. Ist er doch bekennender Graffiti-Sprayer und bewegt sich damit in einer Grauzone zwischen Legalität und Illegalität.

Auf der Expo wird Evol allerdings nicht auf Hauswänden agieren, sondern einige seiner auf gefundene Umzugskartons gesprayten Berliner Hausfassaden zeigen. Mit dem Expo-Motto kann er sich durchaus anfreunden: „Gerade in einer beständig unfertigen Stadt wie Berlin – und natürlich auch in anderen Metropolen – wird das sogenannte Gleichgewicht zu etwas, das sich immer wieder neu einspielen muss. Zwischen dem Expo-Motto und meinen Arbeiten ergibt sich somit eine Spannung, ohne dass ich etwas dazu beitrage.“ Auch mit dem konkreten Blick auf die aktuellen Veränderungen in seiner Wahlheimat Friedrichshain betont er den Kraftakt, den solche Veränderungen vom Städter fordern: „Wenn vertraute Wege nicht mehr gangbar sind, ist der Einzelne gefordert, nach neuen für sich suchen.“

Geschichte schreiben mit der Spraydose

Warum Evol vor nunmehr fast 10 Jahren den ehemaligen Ostteil Berlins als Wohnort wählte, wird sehr schnell deutlich, wenn man seine mit Sprühdosen und Schablonen verewigte Hommage an vom Zahn der Zeit gezeichnete Hausfassaden sieht. Vorder- und Hinterhausfronten, die er auf seinen Streifzügen durch die Stadt fotografiert, am Computer bearbeitet und dann auf gefundene Umzugskartons sprayt, erzählen Geschichten, die das Leben schrieb: Vorkriegszeit, DDR-Vergangenheit und Hausbesetzerszene, ab Ende der 1990er Jahre folgten Berlins Kreative, unter ihnen Künstler wie Evol. Der rasant gestiegene Prestigewert des Bezirks beendet zusehends auch diese Ära. Modernisierungswellen löschen die Spuren, die Evol seit Jahren archiviert.

„Ich laufe bei meinen Spaziergängen quasi durch die Kapitel eines Buches“, erzählt er und zeigt dabei die Fotos in seinem Internet-Tagebuch „Evoldaily“. „Und natürlich erzählt eine unrenovierte Fassade mehr, als eine frisch gestrichene.“ Umzugskartons hält Evol schlicht für den passendsten Bildträger seiner Motive: „Dieses Wegwerfmaterial, passt gut zum Thema meiner Arbeiten, weil es eben auch Gebrauchsspuren aufweist. Die Gegenden durch die ich laufe, wie z. B. Friedrichshain oder Kreuzberg, sind ja auch irgendwie Behältnisse für die Geschichten, die dort passieren.“

Bierbäuchig schultert ein Arbeiter einen Umzugskarton. Vor ihm steht die Sackkarre. Ein Mann der Tatkraft. In wässrigem Blau auf einen eben solchen Karton gedruckt, ist die Szene mit dem Bibelzitat „Einer trage des anderen Last“ untertitelt. Ein Fundstück, das Evol verständlicherweise begeistert. Grob aufgerissen, überträgt er in siebdruckähnlicher Technik und in 15 Schichten die Fenster einer zuvor abfotografierten schäbig grauen Häuserfront ins Bild des Lastenträgers. Evol zeigt auf ein Detail des Bildes: „In den Fenstern spiegeln sich Plattenbauten.“ Der Dialog zwischen Werbedruck und künstlerischer Intervention beginnt: Wer zieht hier aus, warum und wohin? Wer trägt hier wessen Last? „Ich hab’ rausgefunden, dass eine Umzugsfirma aus Kreuzberg die Angewohnheit hat, irgendwas auf ihre Umzugskartons zu drucken, hier eben z. B. ein Bibelzitat“, erzählt Evol und zeigt dabei die Arbeit „Lastenverteilung“. „So was kann ich natürlich bestens benutzen. Da kann ich super mit spielen. Deshalb sammele ich auch massenhaft Kartons.“ Er dreht sich zu den zusammengefalteten Pappen hinter sich um und sucht etwas Bestimmtes: „Irgendwo hab ich auch einen Karton mit der Aufschrift: ‚Reality made in China’. Wenn ich in Shanghai bin, finde ich vielleicht das passende Motiv für die Pappe.“

Expo Shanghai: 1. Mai bis zum 31. Oktober


Evoldaily

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Expo Shanghai

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