Auf Schnee warten

taz kultur, 2009-03-20

Der englische Konzept- und Fotokünstler Darren Almond erwanderte für seine Fullmoon-Serie auch das von chinesischen Gelehrten verehrte Gebirge des Huang Shan. Die in der Galerie Max Hetzler gezeigten Fotografien dokumentieren die Spurensuche.

Auf den Wipfeln der Bäume sollte Schnee liegen. Nachdem Darren Almond (geb. 1971 in Wigan, Großbritannien) den seit Jahrhunderten von chinesischen Landschaftsmalern mit Tusche ins Bild meditierten ‚Gelben Berg’ (Huang Shan) erreicht hatte, hieß seine erste Aufgabe: auf Schnee warten. Pilgerten einst Chinas Gelehrte in die südchinesische Provinz Anhui, um in der Abgeschiedenheit der Natur Kontemplation zu finden, so sind es heute Touristenströme. Glücklicherweise verlassen diese die durch Treppen verbundenen Aussichts- und Fotoplattformen selten, so dass dem wahrhaften Naturliebhaber die Weite der grandiosen Landschaft ungestört den Atem verschlagen kann.

„Für mich war diese Reise eine Art Rückkehr“, erzählt Almond. „Als ich 14 oder 15 war, stand ich im New Yorker Metropolitan Museum of Art plötzlich vor einer dieser hochformatigen Bildrollen mit einer Tuschezeichnung des Huang Shan.“ Almonds in die Höhe schnellende Stimmlage unterstreicht die euphorisierende Wirkung dieser Kunstbegegnung: „Ich konnte nicht glauben, dass es eine solche Landschaft wirklich gibt!“

2008 trat er die Reise nach China an.

Sometimestill heißt die fünfte Soloausstellung von Darren Almond in der Galerie Max Hetzler. Es bedurfte einer extremen Langzeitbelichtung, um die teilweise bestechend scharfen Konturen der dort gezeigten Aufnahmen zu erreichen, denn die einzige Lichtquelle war der Mond. „Warten musste ich nicht nur auf den Schnee“, beschreibt Almond den Entstehungsprozess der Bilder, „sondern auch auf die wenigen Momente, in denen der Nebel die Bergformationen und die filigranen Äste der Bäume freigab. Dann aber war alles da und ich musste nur noch auf den Auslöser drücken.“

Eine weniger beschauliche Dimension von ‚Stille’ prägt Almonds frühere Arbeiten. So zeigt die Installation Bus Stop (1999) zwei Bushaltestellen aus dem polnischen Oświęcim, dem früheren Ausschwitz. Kritzeleien und Relikte der Beschädigung auf den ehemaligen Wartebänken entwickeln eine beklemmende Eigendynamik. In der Fotoserie Night + Fog (2007) begibt sich Almond auf eine atmosphärische Spurensuche. Diesmal sind es im Schnee versunkene Orte früherer Gulags in Sibirien. Verbrannte Baumstümpfe ragen in den Himmel: Trostlosigkeit in Schwarz/Weiss-Format und – kaum zu übersehen – eine Erhabenheit à la Caspar David Friedrich.

Bestechend ist die Koinzidenz von Almonds Erinnerungsarbeit im Medium der Kunst mit dem derzeit nicht nur die literarischen Neuerscheinungen, sondern auch das deutsche Kino prägenden Drang zur Rückschau. Generationenübergreifend wird der Staub – oder auch Schnee! – aufgewirbelt, der traumatisch besetzte Kapitel der Geschichte oder innerfamiliäre Tragödien bedeckte. Das Faszinosum Schnee taucht in diesem Kontext sparten- und zeitenübergreifend auf. In Charlotte Links Film Im Winter ein Jahr (2008) z. B. fällt der das ‚Kartenhaus Familie’ zum Einsturz bringende Schuss in idyllischer Schneekulisse. Ina Weisse zwingt ihren ignoranten Protagonisten in ihrem Filmdebüt Der Architekt (2009) durch eine Schneelawine zur Konfrontation mit seiner Vergangenheit.

Pitoresk und vermeintlich bar jeglicher historischer Bezüge ruht der Schnee in Darren Almonds Fotoserie sometimestill in einer sagenumwobenen chinesischen Landschaft. Die sich in den Tälern entlangschlängelnden Flüsse machten die Huangshan-Region von jeher zum Idealtypus für das Genre „shan shui hua“ (‚Berge-Wasser-Malerei’), übersetzt als Landschaftsmalerei. Bei der Vernissage zeigte sich denn auch ein Kunstsammler und Kenner von Almonds Arbeiten überrascht – oder womöglich enttäuscht? Der Künstler sei doch bekannt für seine politisch-geschichtlich konnotierten Werke. Und nun diese Idylle?

Diese Feststellung führt auf die richtige Fährte. Bewegte sich Almond bereits in früheren Serien seiner langzeitbelichteten Fotografien auf den Spuren von Schriftstellern und Malern, so gab es auch bei den Huang Shan-Aufnahmen ein konkretes Vorbild für ihn. Denn das in seiner Jugend im Metropolitan Museum gesehene Tuschebild entpuppte sich als Werk des berühmten Landschaftsmalers Hong Ren (1610-1663). Unter dem Namen Die Vergessenen der Ming-Zeit gingen Hong Ren und ca. 30 andere Maler in die chinesische Kunstgeschichte ein. Nach dem Sturz der Ming-Dynastie durch das Volk der Mandschu zogen sie sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Die Landschaftsmalerei wurde ihnen zum inneren Exil, der Huang Shan zur Rückzugsstätte.


Erstveröffentlichung: taz kultur

Pressetext

Nadine Dinter