Augenspaziergänge

Berliner Zeitung, 2010-04-6

Claudia Rößger stellt in der maerzgalerie ihre fantastischen Heiligen vor

Alte Kirchen. Der schwere Geruch nach feuchtem Gemäuer und Weihrauch. Im diffusen Licht, das durch farbige, ornamental oder figurativ gestaltete Fenster fällt, treffen den Besucher die Blicke von gemalten Heiligen, von Skulpturen aus Stein oder Holz. Eine stumme und doch sehr beredte Gesellschaft, die zwischen Himmel und Erde agiert. 1977 in Mittweida, Sachsen geboren, studierte Claudia Rößger – wie der Wegbereiter der sogenannten ‚Neuen Leipziger Schule’, Neo Rauch – bei Professor Arno Rink Malerei. Die Bodenhaftung eines wenn auch fantastischen Alltags, wie er Rauchs Bilder kennzeichnet und die ihm das Label ‚Magischer Realismus’ einbrachten, lässt Claudia Rößger mit souveräner Leichtigkeit zurück. Ihre Bilder und Zeichnungen haben keine Heimat, sie schweben im Bildraum der Imagination. Unter dem Titel „all my saints“ zeigt die maerzgalerie eine Auswahl der bisher über Hundert entstandenen Fantasiegestalten. Mit demütiger Heiligenverehrung haben die doppelköpfigen, schlangenförmigen, geschlechtlich indifferenten oder feenhaften Erscheinungen allerdings so gar nichts zu schaffen.

Ein Sternenschweif wird von einem dicken Tuschestrich überlagert. Wie weiter? „Bei den Zeichnungen habe ich das Gefühl etwas aufzuschreiben,“ erzählt Claudia Rößger. „das Motiv ist nie fertig im Kopf, die Figuren wachsen. Einmal angesetzt finden sie sich ein.“ Auf den Ellbögen aufgestützt, balanciert eine wuchtige Gestalt den Sternenschweif. Von den Füßen hinab fließt der Strich, zum Rücken hoch hakelt er suchend, schiebt sich zur Schulter, gleitet auf der anderen Seite des Nackens herab. Irgendwas fehlte, so kam das aggressive Rot ins Gesicht der Figur. Fertig. Ein neuer Tag, ein neues Blatt oder eine Pappe? Auch das Material des Bildträgers entscheide die Stiftwahl, so die Künstlerin. Eine mit feinstem Strich gehauchte Frauengestalt spielt mit geometrischen Musterbällen. In Neu Deli fand die Künstlerin ein Remake des 1965 von dem englischen Spielzeughersteller Denys Fisher erfundenen „Spirograph“. Es kostete sie einige Zeit bis sie Stifte fand, die bei den Drehbewegungen der Zahnräder nicht klecksen, überhaupt seinen die Zeichnungen für sie immer wieder ein technisches Experiment. In „all my saints“ werden die mathematischen Spirograph-Kurven zum Spielzeug, aber auch zum Körper der Heiligen. Ornamentale Reihungen aus Punkten, Kreisen, Winkeln, Rauten Streifen und Schwüngen, aber auch collageartig eingefügte Papiere bilden die Flächen in den ansonsten zumeist mit einfacher Konturlinie gezeichneten Wesen. Ein Kleidmuster verdichtet sich zur Melodie und sprudelt demgemäss auch gleich noch aus dem Mund der Glatzköpfigen. Ein Bär mit Krone und verbundenen Augen verweigert der Reiterin den Dienst, ein Mädchen mit Hippiemütze steckt sich beide Finger in die Nase. „Viele Künstler legen Archive an“, erklärt Claudia Rößger. „Ich habe den Katalog mit den Bildern, die ich irgendwo gesehen habe im Kopf.“ Zu jeder Figur gäbe es natürlich eine Geschichte, die sie mehr oder weniger genau formulieren könnte, ergänzt sie. „Ich merke mir die Geschichten allerdings nicht, sie fliegen wieder weg.“

Die Ausstellung in der maerzgalerie zeigt neben den dicht gehängten kleinformatigen Zeichnungen des Heiligen-Zyklus auch eine Auswahl der in Öl und Eitempera gemalten größeren Bilder. Thematisch gehören die Arbeiten augenscheinlich zusammen, technisch und atmosphärisch passiert in ihnen etwas gänzlich anderes. So begegnen wir den zumeist weiblichen Protagonistinnen in einem durch Requisiten wie Spiegel oder Sitzmöbel angedeuteten Raum. Große Muster überziehen die Leinwand, die Konturlinien treten durch die flächige Ausgestaltung zurück. Claudia Rößger vergleicht ihre Malerei mit einem „Baum, den man erst großziehen muss“. Ihr Ringen mit dem Motiv bleibt für den Betrachter nachvollziehbar, da sie Entwurfslinien, gegen die sie sich entschied, sichtbar lässt. Neue Leipziger Schule? Alphabet der Deformation? Kategorisierungen verstellen nur den Blick auf die Kreaturen von Claudia Rößger. Die Künstlerin erzählt von der Anziehungskraft alter Kirchen, betont aber im gleichen Atemzug, dass sie sich nicht als religiös bezeichnen würde. Vielleicht ist es genau diese Freiheit von einer definitiven Verortung, die ihre Heiligen so beruhigend eigenartig sein lässt.

Die Ausstellung in der maerzgalerie, Berlin läuft noch bis zum 24.04.2010


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