Einen Baum umarmen und die Augen schließen. Amelie von Wulffens Erinnerungsmontagen in der Galerie Crone

Berliner Zeitung, 2010-02-16

Über mangelnde Anerkennung kann sich die in Berlin und Wien lebende Künstlerin nicht beklagen. Anlässlich ihrer Soloschau im Centre Pompedou 2005 nannte das Magazin Zeit die damals gerade einmal 38-jährige gebürtige Oberpfälzerin einen "Szeneliebling", der Spiegel kürte sie gar zum neuen „Weltstar“. Ihr Werk hat zu dieser Hysterie wenig beigetragen, wie die derzeit in der Galerie Crone vorgestellten kleinformatigen Collagen und Zeichnungen bezeugen. Unter dem Titel BITTE KEINE HEISSE ASCHE EINWERFEN betritt der Galeriebesucher die Erinnerungsräume der Amelie von Wulffen.

Spurensuche. Nach ihrem Studium an der Münchener Kunstakademie bei Daniel Spoerri und Olaf Metzel zog Amelie von Wulffen 1994 nach Berlin. Die Fotokollagen der folgenden Jahre rekapitulieren ihre Begegnung mit ostdeutschen Funktionsbauten. Der im Künstlerkollektiv entstandene Animationsfilm Die Krumme Pranke (1997) beäugt mit kritischer Distanz die blinde Bauwut am Potsdamer Platz. Akteure sind hier Knetfiguren. Für ihre Soloschau im Centre Pompedou verfremdet die Künstlerin zwei Sofas in Bauernmöbelstil mit ornamentalen Mustern. Bis heute finden sich in Wulffens medial variierenden Arbeiten immer wieder unmissverständliche Rückbezüge auf ihre ländlich geprägte Kindheit und Jugend. Fotos aus dem Familienbestand werden eingearbeitet in Erinnerungsbilder. In Schulmädchenmanier gezeichnete Selbstporträts vollziehen diese virtuelle Zeitreise auch technisch.

Die aktuelle Ausstellung bei Crone ist konzentrierte Innenschau. Mit Bleistift, Kugelschreiber, Tuschefeder und Aquarell, mutwillig und mit grob anmutendem Gestus überführt Amelie von Wulffen Situationen der persönlichen Ausgesetztheit auf teils fleckige und schräg geschnittene, gerissene und gestückelte Papierformate. Krakelig geschriebene Zeilen oder gar längere Textpassagen lassen Familienzwänge und Beziehungssackgassen auch sprachlich aufscheinen. „Bei uns geben sich alle Gäste vor dem Abendessen die Hand“, verkündet ein Klappschild. „hat sich dann wieder gelegt – ich rief an und machte gut Wetter.“, startet ein tagebuchähnlich angelegtes Schrift-Bild. Ornamente auf Möbelstücken und Kleidung gewinnen Eigenleben. Fabelwesen tragen alltägliche Dispute aus. Persönlichkeiten der Kunstgeschichte dirigieren die Handschrift der Künstlerin. Persönliche Autonomie meint in diesem Sinne, sich der Einflusssphären des eigenen Lebens bewusst zu sein. Die Annahme, dass diese kaleidoskopischen Bespiegelungen einer Reise in die eigene Gewordenheit entspringen, macht Amelie von Wulffen konkret, indem sie in redundanter Manie kunstlos mit Bleistift gezeichnete Selbstporträts in die dicht gehängten Arbeiten der Ausstellung einreiht. Wir schauen in das zumeist unbewegte Gesicht der Künstlerin. Unmissverständlich begegnen wir ihr in verschiedenen Altersphasen. Hier scheint sich jemand beim Blick in den ‚Spiegel der Erinnerung’ immer wieder seiner selbst zu vergewissern. Dramatische Höhepunkte sind die in Aquarell überarbeiteten Zeichnungen. Zeitschichten, traum- und alptraumatische Überblendungen werden als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen sichtbar.

Der Ausstellungstitel BITTE KEINE HEISSE ASCHE EINWERFEN findet sich in einer unscheinbar kleinen aber mit energischem Bleistiftstrich gezeichneten Szene. Aggressives Liniengewitter umwirbelt einen Müllcontainer. Der aufgeklappte Containerdeckel gibt den Blick frei auf die selig schlummernde Künstlerin. Anrührend märchenhaft zeigt das für die Einladungskarte der Galerie gewählte Werk ein Mädchen, das einen Baum umarmt. Wässrig pastellig fließen Regenbogenfarben über nie vergessene Glückmomente. Das Leben: manchmal – glücklicherweise – auch kitschig schön.


Erstveröffentlichung: Berliner Zeitung

Galerie Crone