Zensoren am Werk
Über die Grenzen der Kunstfreiheit in China

Kunstzeitung, 2006-06

Wer sich in Ausstellungen chinesischer Gegenwartskunst umschaut, spürt die höchst kritische Perspektive vieler Künstler auf die Vergangenheit und Gegenwart ihres Landes. Oft schon wunderte man sich im Westen darüber, dass die chinesische Zensur im Medium des Bildes durchgehen ließ, was in Worten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sanktioniert worden wäre.

Bis vor einigen Jahren war es das blanke Desinteresse und Unverständnis der chinesischen Behörden gegenüber der jungen Kunstszene, das dieser einen erstaunlichen experimentellen Freiraum gewährte. Ausländische Sammler und Galeristen entdeckten hingegen schon kurz nach der Öffnung Chinas Ende der 1970er Jahre die Potentiale der Künstler. Aus Angst vor Repressionen fanden Performances und Ausstellungen zunächst im Untergrund statt. Die mittlerweile legendäre Ausstellung China/Avant-Garde in der Pekinger Nationalgalerie läutete im Februar 1989 den Schritt in den öffentlichen Raum ein. Jäh beendet wurde die allgemeine Aufbruchstimmung unter Chinas Intellektuellen durch das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni. Jegliche explizite Bezugnahme eines Kunstwerks auf dieses Ereignis ist immer noch ein heikles Unterfangen.

Es gibt anscheinend klare Grenzen der Kunstfreiheit in China: Angriffe auf die Autorität Maos, die Darstellung lebender Politiker, Tibet, Taiwan, Falun Gong, Erotik und eben das Tiananmen-Massaker. Wie durchlässig diese von offizieller Seite verfügten Grenzen sind, ließe sich an unzähligen Beispielen aufzeigen. Man denke an die nicht enden wollende Liste der Mao-Pop-Werke. Die erste Solo-Ausstellung Huang Ruis mußte hingegen ohne die vergrößerte Abbildung eines chinesischen Geldscheins mit Mao-Bildniß auskommen. Der Künstler hatte einen Slogan der Kulturrevolution ins Bild gefügt, was einem Zensor zu weit ging. In Ren Xiaolins pastellfarben-verschwimmenden Landschaften waren es die erotischen Spielereien der die Natur bevölkernden Protagonisten, die der Öffentlichkeit nicht zugemutet werden konnten. Dagegen blieben Chi Pengs digitalbearbeitete und lebensgroß gezeigte Liebesakte mit seinem Alter ego bisher ungerügt.

In den letzten Wochen meldeten verschiedene Medien ein strikteres Durchgreifen der chinesischen Zensurbehörden. Im Mail Guardian vom 28. April sprach der in Peking lebende Journalist Jonathan Watts gar von einem „contemporary art crackdown“. Unter anderem ging es bei den angeführten Beispielen zensierter Werke um das Bild „Brothers“ von Wang Nengtao, das im Rahmen einer Gruppenausstellung in Pekings Dashanzi New Art District ‑ bekannt unter dem Namen factory 798 ‑ gezeigt werden sollte. Wir sehen vier freundlich dreinschauende Politgrößen Chinas, unter ihnen Staats- und Parteichef Hu Jintao und Premierminister Wen Jiabao. Künstlerisch äußerst bescheiden gearbeitet, wirken weder Titel noch Darstellungsweise irgendwie provokativ. Die Frage nach dem künstlerischen Wert des Werks beiseite lassend, demonstrierte das verfügte Ausstellungsverbot einmal mehr die ungebrochene Aktualität dieser Grenzlinie. „Auf dem ehemaligen Fabrikengelände 798 haben die Probleme mit den Zensurbehörden zugenommen, nachdem das Areal Ende letzten Jahres offiziell als kulturelle Einrichtung genehmigt wurde,“ berichtet ein chinesischer Mitarbeiter einer Pekinger Galerie, der ungenannt bleiben möchte.„Weil wir hier in East End Art inoffiziell agieren, blieben die Galerien bisher von Zensurmaßnahmen verschont. Shen Qi zeigte hier unbemerkt eine Arbeit, die unmißverständlich auf den Militäreinsatz am 4.Juni anspielt, das wäre in 798 undenkbar.“


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung