Reise nach Wuyishan
Viel Bewegung im deutsch-chinesischen Dialog

Kunstzeitung 2006-03

So viel China war selten: Die einen reisten zum Künstlertreffen ins südchinesische Wuyishan, die anderen zum deutsch-chinesischen Kunst-Symposium in der Berlinischen Galerie. Das Berliner Kupferstichkabinett zeigt gegenwärtig Arbeiten des renommierten chinesischen Künstlers Fang Lijun. Vom 24. März bis zum 14. Mai heißt es im Haus der Kulturen der Welt „China – zwischen Vergangenheit und Zukunft“. Und im Herbst geht die Mahjong-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle in die zweite Runde. 2006 hat gute Chancen, auch in Deutschland zum „Jahr des Hundes“ zu werden.

Markus Lüpertz, Max Uhlig, Gotthard Graubner, Hartwig Ebersbach und einige andere deutsche Künstler traten Ende 2005 eine ungewöhnliche Reise an. Das Ziel lautete: Wuyishan. Was für das westliche Ohr ähnlich magisch klingt wie die Zauberformel ‚mutabor’, bezeichnet eine als Weltkulturerbe registrierte Berglandschaft in der chinesischen Provinz Fujian. 50 ausländische und chinesische Künstler trafen dort vom 20. bis zum 30. Dezember zusammen, um sich über Tendenzen der Gegenwartskunst auszutauschen. Die von der legendären Schönheit des Wuyi-Berges inspirierten Werke, die dort entstanden, sollen nach einer Ausstellungstournee durch China auch in Deutschland gezeigt werden. Gotthard Graubner startet zunächst mit einer Solo-Schau am 24. März im Neuen Museum Weserburg in Bremen.

Der deutsch-chinesische Dialog in Sachen Kunst hat bereits eine längere Tradition. So bezieht sich Fang Lijun mit seinen oftmals mehrere Meter großen und grellbunten Holzschnitten auf die Bewegung des „Neuen Holzschnitts“ im Shanghai der 1930er Jahre. Die Anti-Kriegs-Schnitte von Käthe Kollwitz hatten den noch heute in China als Begründer der modernen Literatur verehrten Schriftsteller Lu Xun zur Wiederbelebung der ursprünglich chinesischen Technik angeregt. Diese gemeinsame Vergangenheit im Geiste des Expressionismus war im Dezember bereits Thema bei einem Kunst-Symposium in der Berlinischen Galerie gewesen. Rund 30 Künstler, Akademie-Professoren und Kunstkritiker aus China waren nach Berlin gekommen, um mit ihren deutschen Kollegen zu diskutieren. Momentan plant die Pekinger Central Academy of Fine Arts gleich ein zweiwöchiges und mehrere Stationen in China umfassendes Kunst-Symposium, an dem neben chinesischen auch deutsche, französische und italienische Akteure der Kunstszene teilnehmen sollen.

Anfang des 18. Jahrhunderts hielt G. W. Leibniz China noch für ein Land „von einem anderen Globus“. Neben der faktischen artikuliert sich in diesem Bild auch die subjektiv empfundenen Entfernung zum Reich der Mitte. Die Zeiten haben sich geändert. Und nicht nur der französische Sinologe Francois Jullien hält einen „Ortwechsel des Denkens“, will heißen intellektuellen „Umweg über China“, für eine einzigartige Chance zur Horizonterweiterung des Westens.


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung