Wüstensand im Kunstgetriebe
Pekings internationale Galerienszene

Neue Zürcher Zeitung, 2006-12-23

Staub und Sand machen den Hütern der Kunst in Chinas Metropole zu schaffen. Apokalyptisch muten die näherrückende Wüste Gobi und die teilweise oder gänzlich ausgetrockneten Kanal- und Flussbetten an. Den jeden Vergleich sprengenden Wachstum des hiesigen Kunstbetriebs scheint das eher zu beschleunigen denn zu stören. So schätzen Kenner der Szene die Anzahl der Pekinger Galerien derzeit auf 300-400 Institutionen, die sich mit einer solchen Selbstbezeichnung schmücken.

Der Australier Brian Wallace von der Red Gate Gallery ‑ der ersten ausländischen Galerie der Stadt ‑ und seit nunmehr 15 Jahren in dieser Mission aktiv, relativiert aber sogleich: „Galerien im westlichen Sinne, d. h. mit all den organisatorischen Aufgaben, der verantwortungsvollen Betreuung der Künstler usw. gibt es hier vielleicht 20.“ Katie Grube von der Londoner Galerie Chinese Contemporary geht noch weiter: “Auf internationaler Ebene von Bedeutung sind höchstens acht Pekinger Galerien.“ Nach Preisen der gerade ausgestellten Mao-Pop-Collagen Xue Songs gefragt, relativiert sie die Aussagekraft einer solchen Angabe: „Wenn ich sage, eines seiner Werke kostet 128.000 US$, so ist der Preis nächste Woche vielleicht schon wieder hinfällig.“

Die grösste Konzentration von Galerien – bei freilich beträchtlichen qualitativen Schwankungen ‑ findet sich im Osten der Stadt, im Kunstquartier der so genannten 798 factory (NZZ, 4. 12. 2004). Immer noch dominieren auch hier die nicht-chinesischen Namen, was aber die oft starken chinesischen Partner der Galeristen nicht vergessen lassen sollte. In diesem labyrinthisch anmutenden Areal eröffnete auch der Berliner Galerist Alexander Ochs ‑ nach einem Zwischenstop in Shanghai ‑ im Februar 2004 seine Dependance White Space. Bis zum 20.1. zeigt er dort die Werke des Spaniers Antoni Tàpies und des in Hamburg lebenden Chinesen Shan Fan (12.000 – 120.000 Euro). Italien ist mit der Marella Gallery und der Galleria Continua gleich zwei Mal in 798 vertreten. Von den schwerpunktmässig chinesischen Institutionen genießen Beijing Tokyo Art Projects und Long March Space allgemeine Anerkennung.

Am östlichen Stadtrand und unweit von 798 findet sich nach ihrem Umzug innerhalb Pekings auch die Courtyard Gallery, die eindeutig zu den Pionieren zählt, wenn es um chinesische Gegenwartskunst geht. Ebenfalls im Chaoyang-Distrikt und in den perfektionistisch zum White Cube umgebauten Hallen einer ehemaligen Schnapsfabrik residiert seit nunmehr gut einem Jahr die koreanische Arario Gallery. Nach Kunst aus China und Indien, werden dort bis zum 21. Januar „Artists from Leipzig“ gezeigt. Auch den Schweizer Galeristen Urs Meile (Galerie Urs Meile, Luzern-Beijing), der seit 1997 überwiegend chinesische Künstler vertritt, wählte von der jungen Kunstszene eroberten Bezirk für seinen Zweitstandort. Nach langjähriger Zusammenarbeit mit der Pekinger Non-Profit-Institution China Art Archives and Warehouses (CAAW) eröffnete er Anfang des Jahres das vom Künstler, Kurator und Architekten Ai Weiwei entworfene Gebäude-Ensemble. Es gäbe „nahezu keine Relation zwischen künstlerischer Qualität und den Preisen des internationalen Kunstmarkts, wenn es um chinesische Gegenwartskunst geht“, so Meile. Für gute Werke gäbe es hier noch viel Entwicklungsspielraum; teilweise höchst plakative Arbeiten würden hingegen zu unverhältnismässig hohen Preisen verkauft. Noch bis zum 27. Januar zeigt seine Pekinger Galerie Arbeiten des Künstler-Duos Bachmann/Banz, die teilweise im Rahmen des dortigen Artist-in-Residence-Programms entstanden; in Luzern sind zeitgleich die Bilder Li Songsongs (ca. 80.000 Euro) zu sehen. „Wir präsentieren nicht nur Kunst aus China“, so Meile, „wir wollen auch den Austausch zwischen Künstlern aus Ost und West fördern.“