Wo ist China?

2005-10-13

Seit den 1990er Jahren mischt die zeitgenössische Kunst aus China die Karten, mit denen der Kunstmarkt spielt, neu. Wie spiegelte sich das auf dem gerade zu Ende gegangenen ART FORUM BERLIN wider?

Während der Kennerblick ausländischer Sammler und Galeristen sehr früh die Potentiale der chinesischen Kunstszene erkannt hat und chinesische Kunst in den Westen holte, gibt es bekanntermaßen noch nicht allzu lange chinesische Galerien auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst. Als eine der ersten Privatgalerien Pekings residiert die renommierte Galerie Courtyard seit 1996 in direkter Nähe zur Verbotenen Stadt. 2003 stellte sie zum ersten und einzigen Mal auf dem ART FORUM BERLIN aus. Sonst hat keine der in den letzten Jahren gegründeten chinesischen Galerien den Weg nach Berlin angetreten. Wie erklärt sich ihr Fernbleiben trotz des starken Interesses an chinesischer Kunst im Westen?

Die chinesische Künstlerin Qin Yufen (geboren 1954), die bereits seit 1986 in Berlin lebt und mit einer multimedialen Installation und dem Work-in-Progress- Projekt Yin Wen auf der Sonderschau Temporary Import präsent war, hat eine einfache Erklärung: „Warum sollen die chinesischen Galerien derzeit den ungeheuren bürokratischen und finanziellen Aufwand auf sich nehmen, um ihre Künstler im Ausland zu zeigen? Alle wichtigen Sammler und Galeristen kommen doch nach China.“ Die Laufrichtung auf dem roten Teppich hat sich umgekehrt.

Eine deutsche und eine Schweizer Galerie haben sich seit langem auf das Pendeln zwischen den Kulturen eingelassen. Schon auf dem begrenzten Raum ihrer Kojen zeigten sie, dass sowohl in medialer Hinsicht als auch stilistisch die Zeiten der Tuschemalerei, des Realismus und Mao-Pop vorbei sind. Bei Alexander Ochs Galleries Berlin/Beijing fängt der riesige orange-gelbe Holzschnitt 2005.6.24 Fang Lijuns (geboren 1963) den Besucherblick ein. Hinter einer Trennwand werden die digital erzeugten homoerotischen Spielereien des Newcomers Chi Peng (geboren 1981) präsentiert.

Durch die 2003 geschlossenene Partnerschaft mit CAAW (China Art Archives & Warehouse) in Peking sicherte sich die Galerie Urs Meile aus Luzern die Zusammenarbeit mit einer der kompetentesten Institutionen auf dem Gebiet chinesischer Gegenwartskunst. Grinsend empfängt den Kojenbesucher eines der drei in Öl auf Leinwand gearbeiteten Männergesichter aus der Serie „International Face“ von Meng Huang (geboren 1966). Die monochrome Landschaft des Altmeisters Qiu Shihua (geboren 1940) macht deutlich, wie modern auch traditionelle chinesische Malerei sein kann. Miao Xiaochun (geboren 1964) nennt seine Digitalfotografie einer Zooszene ironisch Opera. Die zahlreichen Zoobesucher – unter ihnen die vom Künstler immer wieder eingesetzte Kunstfigur ‑ schenken ihre Aufmerksamkeit hier aber nicht den höchst artifiziellen Protagonisten der Peking-Oper. Im aus jedem Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne gefallenen Peking sind es depravierte Affen, denen man gebannt dabei zuschaut, wie sie beispielsweise gerade mit einem Coke-Becher hantieren.

Abgesehen von diesen auf chinesische Kunst spezialisierten Galerien trat nur noch Christian Nagel aus Berlin die Reise nach China an, um sich dort nach für ihn interessanten Künstlern umzuschauen. In Begleitung des in New York lebenden chinesischen Künstlers Gang Zhao (geboren 1961) fragte Nagel speziell nach Künstlerinnen, da ihm in Bern ihre fast völlige Absenz aufgefallen war. Neben einer Arbeit Gang Zhaos zeigte Nagel dementsprechend die bonbonfarbenen Arbeiten Jiang Congyis (geboren 1971) und Deng Yins (geboren 1969). Aus femininer Perspektive legt Jiang die Zeiten des lustfeindlichen Mao-Graus und des geschlechterübergreifenden Alltagspragmatismus ad acta. Deng charakterisiert in ihren Kreidezeichnungen die jeglicher Authentizität entbehrenden Überbleibsel chinesischer Tradition als Puppentheater, so zum Beispiel die Figuren der Peking-Oper oder die immer noch häufig in China zu beobachtende Kollektivgymnastik.

Und mehr gab es auch schon nicht zu entdecken. Denn die wenigen „Chinabilder“ europäischer Künstler auf dem ART FORUM ließen die Frage „Wo ist China?“ nur noch lauter werden. So zum einen die atmosphärisch toten Porträts von Darstellern der Peking-Oper wie sie der Franzose Charles Fréger, zu sehen bei Kicken Berlin, schuf. Zum anderen das von der Galeria AT, Poznan/Polen, gezeigte kulissenhafte Arrangement von Piotr Kurkas (geboren 1958) mit dem irritierenden Titel Lotus Eaters.

Die frappante Diskrepanz zwischen der enormen Kunstmarktrelevanz chinesischer Arbeiten und ihrer Präsenz auf dem ART FORUM könnte kaum größer sein. Auch die anachronistische Dominanz des Themas „Peking-Oper“ mutet doch äußerst reduktionistisch an. Vielleicht geht es einigen anderen Galeristen wie Mathias Arndt von Arndt & Partner Berlin/Zürich. Er will sich vor Ort erst einmal umschauen, um dann zu entscheiden, ob er einen chinesischen Künstler in sein Galerieprogramm aufnimmt. Sehr gespannt ist er deshalb auf die Shanghai Art Fair Mitte November, auf der er mit seiner Galerie ausstellen wird. „Und“, so sagt er, „nach Shanghai hoffe ich, bald auch die Pekinger Kunstszene kennen zu lernen.“