Mit den Waffen der Kunst ( en )
Das Kunst-Areal der 798 Factory im Nordosten Pekings

artnet, 2005-04-28

Noch vor 10 Jahren hätte man auf die Frage, was ein chinesischer Künstler für den idealen Ort seines Kunstschaffens halte, wohl kaum „Peking“ zur Antwort bekommen. Seit mindestens fünf Jahren allerdings – so hört man von den Insidern der dortigen Szene immer wieder – ist dies eher die Regel denn die Ausnahme.

Es kehren sogar Künstler in die chinesische Metropole zurück, die es ob der besseren Lebensumstände oder wegen politischer Repressionen ins Ausland verschlagen hatte. Der markanteste Ort, um auch als ausländischer Besucher zu registrieren, dass sich in Peking eine ernstzunehmende Kunstszene entwickelt hat, ist der von Kennern kurz 798 genannte Dashanzi Art District im Nordosten der Stadt. Dort startet am 30. April zum zweiten Mal das vierwöchige multimediale Kulturprogramm des Dashanzi International Art Festivals (DIAF) unter dem Motto „Language / Fable“ (Yuyan / Yuyan).

Laut Aussagen der chinesischen Regierung sollen im Rahmen der Olympia-Vorbereitungen Taxifahrer Englischkenntnisse erwerben. Dies wünscht sich auch derjenige, der das Dashanzi-Gelände in diesen Tagen erreichen möchte. Selbst mit Hilfe eines chinesisch-englischen Stadtplans und einer von den Veranstaltern eigens angefertigten Karte, die die Strecke vom Airport Expressway aus in Großaufnahme zeigt, wird der Weg – wie so viele andere in Peking auch – zur Odyssee. Eins ist schnell gelernt: Die Handynummern auf jeder Einladung oder Visitenkarte sind dafür da, im Taxi die entsprechende ortskundige Person darum zu bitten, den Fahrer auf chinesisch zum Ziel zu manövrieren. Die Belohnung für Stau und Irrfahrt ist in diesem Falle allerdings verblüffend groß und findet wohl kaum eine vergleichbare Entsprechung im Ausland.

Das labyrinthisch anmutende Fabrikgelände einer der einst größten militärischen Komplexe Asiens umfasste laut Katalogauskunft, wenn man die Wohnquartiere mitrechnet, 500.000 Quadratmeter. Die dort angesiedelten Werkstätten gaben rund 20.000 Arbeitern Brot und Unterkunft. Erfreute sich nach dem Mauerfall die Berliner Kunstszene an leerstehenden Gebäuden im Zentrum der Stadt oder im angrenzenden Umland, so würden sogar diese Nutznießer des deutsch-deutschen Erbes angesichts von 798 vor Neid erblassen. Der von DDR-Architekten in Bauhaus-Manier Ende der 1950er Jahre entworfene Gebäudekomplex in seiner immer noch bestechend modern anmutenden, reduzierten Formensprache löst bei fast jedem Verehrer dieses Stils Begeisterung aus. Den Blick des ausländischen Besuchers fesseln besonders die Spuren, die die Geschichte an diesem Ort hinterlassen hat. Rote Schriftzeichen in der zentralen Ausstellungshalle des Geländes besagen: „Der Vorsitzende Mao ist die rote Sonne, die in unseren Herzen scheint“. Sichtlich gelangweilt übersetzt unser chinesischer Begleiter diese Botschaft, denn für die jetzige Studentengeneration sind derartige Zeugnisse weder interessant noch ästhetisch wertvoll.

Nicht so für die ebenfalls auf dem Areal ansässige Designerin Feng Ling, die den dekorativen Aspekt beispielsweise einer Mao-Abbildung zu ihrem Markenzeichen gemacht hat und ihre Mode zu Preisen anbietet, die sich eindeutig an ausländische Kaufklientel richten. „Nein“, so unser Übersetzer, „Chinesen würden so was nicht tragen“. Eigentlich hatte nur die kathedralenähnliche Haupthalle – der Katalog und die Homepage von 798 zeigen sie in allen Veränderungen über die Jahrzehnte hinweg – die Nummer 798, die Fabrikanlage selbst lief unter der Nummer 718. Mit der Anfangsziffer 7 bezifferte man in der Volksrepublik alle militärischen Anlagen. Da aber dieses Gebäude Ausgangspunkt der Karriere von Dashanzi als Zentrum zeitgenössischer chinesischer Kunst war, wurde die Zahl zur sprechenden Bezeichnung für das gesamte Areal.

Häufig wird das New Yorker Trendquartier Soho zum Vergleich herangezogen, um 798 zu charakterisieren – doch dieser Vergleich greift zu kurz. Die noch gegenwärtige politische Vergangenheit des Areals lässt, besonders für den Ausländer, einen schmerzhaften Teil der chinesischen Geschichte andeutungsweise anschaulich werden. Und dass neben dieser energetischen Aufbruchsstimmung in der Kunstszene der triste und armselige Alltag des einfachen chinesischen Mannes weitergeht, zeigt ungeschönt das übergangslose Nebeneinander des immer internationaler werdenden Art-District-Publikums und der 5000 chinesischen Arbeiter, die in den noch aktiven Werkstätten und den mittlerweile total maroden Behausungen ihr Dasein fristen. Ihre beobachtenden Blicke gegenüber den fotografierenden Kulturtouristen machen deutlich, dass hier die Veränderungen noch längst nicht den Status des Gewöhnlichen erreicht haben, denn das 798 Mao’scher Größenordnung ist für die etwas älteren Chinesen eben immer noch erlebte Vergangenheit. Erst in den 1980er Jahren und als unliebsame Konsequenz der Öffnungspolitik von Deng Xiaoping schwand mit dem Bedarf der hier produzierten Güter auch die finanzielle Unterstützung der Regierung.

Mitte der 1990er Jahre entdeckte dann die Zentrale Akademie für bildende Künste das Areal. Hier begann man aufzuholen, was im Ausland mittlerweile Teil des etablierten Kunstbetriebs geworden war. Events, bei denen Landschaften der Verwüstung entstanden und die Hüllen fielen, gehörten zur Tagesordnung. Ateliers und Wohnungen im Loftstil entstanden. Erst in den letzten Jahren hat der Internationalisierungsprozess mit rasender Geschwindigkeit zum Status Quo geführt: 33 Ateliers, 20 Designer und 10 Galerien befinden sich nach offiziellen Angaben neben Cafés und Shops auf dem Gelände – doch sind diese Zahlen vermutlich auch schon wieder veraltet. Erst am 28. März eröffnete die Marella Gallery, deren Hauptsitz Mailand ist, mit einer Ausstellung der Fotomontagen von Cui Xiuwen und brachte – wie einfach kann das Leben sein – gleich dreisprachiges Personal aus Italien mit. Auch in der etwas versteckt gelegenen und bereits im Februar 2004 eröffneten Galerie White Space ‑ Dependance des Berliner Galeristen Alexander Ochs ‑ weiß man um etwaige Kommunikationsprobleme: man kontert mit einer chinesischen Mitarbeiterin, die sehr gut Englisch spricht (längst nicht Standard in allen Galerien) und einer weiteren mit Berliner Studienerfahrung und fließenden Deutschkenntnissen.

Wer sich daran gewöhnt hat, in 798 auch in den ausländischen Galerien chinesische Künstler ausgestellt zu sehen, den überraschen die Werke Jörg Immendorffs, die Ochs derzeit in Peking zeigt. Nach der Motivation gefragt, klingt die Erklärung plausibel. In Berlin zeigt der Galerist chinesische Kunst, sowohl von bereits bekannten als auch von gerade erst entdeckten Künstlern. In China präsentiert er die deutschen Größen, die in die „Rezeptionslücke“ der kunstinteressierten Chinesen fallen. Kurz: Kulturtransfer. Wie gut der Begriff „Rezeptionslücke“ das Dilemma derjenigen beschreibt, denen der Genuss einer Auslandsreise bisher verwehrt geblieben ist, offenbart der Blick in die offiziellen sogenannten „Kunstbuchhandlungen“. Zwischen Impressionismus, Expressionismus und der aktuellen Kunst scheint es eine internationale kreative Pause gegeben zu haben. Und dieses Vakuum wird erschreckenderweise sogar von den offiziellen Kunstinstitutionen gepflegt.

Neben Italien und Deutschland trifft man in 798 auch die in Sachen chinesischer Kunst nicht wegzudenkende Londoner Galerie Chinese Contemporary wieder. Mit ihrer schwebenden Büroetage, die die Höhe des Ausstellungsraumes ausspielt, schreckt sie nicht davor zurück, den Besucher bereits beim ersten Schritt in die Ausstelungsräume dem Kitsch-Schock-Effekt von Xu Wejuis weinendem Jüngling mit Mao-Bibel in Hochglanzporzellan auszusetzen. Ebenfalls im White-Cube-Stil gehalten, nutzt die chinesische Xin-Dong Cheng Gallery den Durchgang in einen kleinen Hinterhof um dort – äußerst wirkungsvoll – den kopflosen und grau-tristen Mao-Torso von Sui Jianguo zu platzieren. Kopflos auch die davor hockenden weiblichen Gestalten von Liu Jianhua. Dies seien nur kleine Kostproben des gleichzeitig ironischen und humorvollen Blicks der jüngeren Künstlergeneration auf die Vergangenheit ihres Landes, aber auch den Trash-Kult der Gegenwart.

Über den reinen Ausstellungsbetrieb hinaus geht das hier ebenfalls ansässige Open-End-Projekt der New Yorker Long March Foundation und dem Pekinger 25000Cultural Transmission Center. Entlang der Stecke des legendären Langen Marsches von Mao Zedong und seinen Anhängern veranstalten Künstler seit 1999 Performances, in die sie auch die einheimische Bevölkerung einbeziehen. So ließ z. B. Sui Jianguo eine Marx-Statue auf einem Holzfloß an Dörfern vorbeischwimmen, in denen Maos Truppe Zwischenstation gemacht hatte. Auf diese Weise wird das für die chinesische Geschichte so bedeutsame Thema ‚Ideologietransfer’ visualisiert.

Das erste Dashanzi International Art Festival zählte bereits 80.000 Besucher. Gemäß dem Wachstum der beteiligten Institutionen ist ein steigendes öffentliches Interesse anzunehmen. Anreiz für internationale Besucher ist die zeitgleich stattfindende China International Gallery Exposition im World Trade Center. Ein Shuttle-Service zwischen beiden Orten soll die Orientierungsmühen verhindern.

Doch selbst ohne Festivaltrubel ist das Ambiente von 798 und die dortige Konzentration an international präsentierter zeitgenössischer chinesischer Kunst ein Erlebnis. Umso mehr würdigt man die Leistung der chinesischen Initiatoren des Dashanzi Art Distrikts, wenn man als Kontrastprogramm ein öffentlich gesponsertes und kuratiertes Kulturinstitut wie zum Beispiel das National Art Museum of China besucht. Dort mögen die Fassade und das Foyer noch über die Missstände hinwegtäuschen; eine eigene Sprache sprechen der mit Klebeband zusammengehaltene Teppich, die gefährlich wackelnde Zugangsrampe, die verrutschte Schablonenbeschriftung und die ungestört in Zentimeternähe vor Ölgemälden aufblitzenden Fotoapparate. An jedem Ruheplatz bedrängt „Pour Elise“ in bekannter Klaviermanier, ohrenbetäubend und in Endlosschleife. Von den jenseits aller Aktualität gezeigten Werken soll hier geschwiegen werden. Jedes überhebliche Lächeln des westlich-verwöhnten Kulturkonsumenten erstirbt.

Dashanzi Art District
No. 4 Jiuxianquiao Road
Chaoyang District
Beijing

www.798space.com