Von Ruinencharme bis Edelchic
Schanghais schillernde Galerienlandschaft

Ulrike Münter und Michael Ostheimer, Neue Zürcher Zeitung 2005-07-16

Chinesische Gegenwartskunst boomt. Noch findet sich zwar, nimmt man den Kunstkompass des Magazins „Capital“ vom Oktober 2004 zum Massstab, kein Chinese unter den 100 teuersten zeitgenössischen Künstlern. Auch nimmt sich der moderne Anteil, gemessen an den Summen, welche die Auktionshäuser mit traditioneller chinesischer Kunst erzielen, vergleichsweise bescheiden aus.

Das Interesse am gegenwärtigen chinesischen Kunstschaffen ist jedoch in den letzten Jahren enorm gestiegen. Dies zeigt nicht zuletzt die momentan im Kunstmuseum Bern zu sehende Ausstellung „Mahjong. Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg“ (NZZ 16. 6. 05). Zudem gibt es nicht nur in Peking, sondern auch in dem eher als Stadt des Geldes verschrienen Schanghai eine blühende Galerienszene.

Eine der ersten Galerien

In Schanghai weiss der Taxifahrer sofort Bescheid: Moganshan Road 50 ist eine Adresse, die inzwischen nicht nur unter Kunstkennern bekannt ist. Abseits vom Trubel der Geschäfts- und Einkaufsstrassen des Schanghaier Zentrums ist dort seit Mitte 2002 an einer der vielen Windungen des Suzhou River eine bedeutende Anlaufstelle für zeitgenössische Kunst entstanden. Auf dem ehemaligen Fabrikkomplex haben sich binnen drei Jahren zahlreiche Künstler mit ihren Ateliers und über ein halbes Dutzend Galerien angesiedelt. Im gegenläufigen Trend zu der in China zu beobachtenden Abrisswut scheint sich die Kombination aus westlicher Fabrikarchitektur und zeitgenössischer Kunst durchzusetzen. Ähnlich wie für den Pekinger Dashanzi New Art District (NZZ 4. 12. 04) gilt für das Moganshan-Areal: Die Künstler inspiriert ein an die klassische Industriemoderne erinnerndes Ambiente, während die Betrachter den ästhetischen Kontrast von architektonischem Ruinencharme und künstlerischer Innovation geniessen.

Wie brüchig das Zeitgefüge hier ist, vermittelt die Tatsache, dass der benachbarte Gebäudekomplex, auf dem sich bereits im Jahr 2000 einige Künstler und Galerien eingemietet hatten, keine zwei Jahre später abgerissen wurde. Die Zukunft des Moganshan-Areals hingegen, auf dem mit den 1800 Quadratmetern von Art Scene Warehouse die wahrscheinlich grösste Galerie Chinas residiert, scheint zumindest mittelfristig gesichert.

„Mit drei bis fünf Jahren“ rechnet auch der Schweizer Galerist Lorenz Helbling. Mitte der neunziger Jahre, „als Schanghai noch einer kulturellen Wüste“ glich, eröffnete Helbling mit ShanghART eine der ersten unabhängigen Galerien der Stadt. Inzwischen hat er sich mit einer weiteren Ausstellungshalle von 700 Quadratmetern vergrössert. Die derzeitige Ausstellung „In their 40's. Works by 8 Shanghai artists“ ist repräsentativ für Helblings Konzept. Die angesprochene Künstlergeneration ist noch vor der Kulturrevolution geboren, hat also sowohl die radikale Verneinung jeglichen freien Kunstschaffens als auch die Öffnung Chinas erlebt. Als „Ort der Kreation und Produktion“ fördere Schanghai „sehr individuelle Positionen, es finden sich kaum zwei Künstler hier, die ähnlich arbeiten, ähnliche Themenstellungen usw. haben, jeder versucht seinen eigenen Weg zu gehen“. Mit den über dreissig Künstlern, die Helbling vertritt, lässt sich ein guter Überblick über die Medien, Stile und Formensprachen der chinesischen Gegenwartskunst gewinnen.

Schanghais erste Adresse

Während sich auf den Auktionen die Kaufwilligen zum Teil überbieten, herrscht gleichzeitig bei allen Beteiligten der Branche die Unsicherheit darüber, welche der erworbenen Werke von bleibendem Wert sein könnten. Für Chinesen wie für Ausländer stellt das rasante Tempo, mit dem neue Künstler die Bühne des Kunstmarktes betreten, einen Faktor der Verunsicherung dar. „Chinesische Gegenwartskunst ist für alle gleich weit entfernt, seien das Europäer, Chinesen, Japaner, Amerikaner oder wer immer“, sagt Helbling. Als spezifisches Problem des Westens zeigt sich, dass die Leute oft „leider eher auf ihre eigenen Projektionen reagieren, wenn sie die Kunst von hier anschauen“. Zhou Tiehai, auch einer der von Helbling vertretenen Künstler, hat die mit Ahnungslosigkeit und Willkür gepaarte Arroganz westlicher Kunstbetrachter in dem Kurzfilm „Will“ ironisch auf den Punkt gebracht.

In ganz anderer Hinsicht als das Moganshan- Areal knüpft die Shanghai Gallery of Art at Three on the Bund an das historische Erbe der Stadt an. Beheimatet in einem luxuriös renovierten neoklassizistischen Gebäude an der bekannten Uferpromenade und Flaniermeile, gibt man sich selbstbewusst als Schanghais erste Adresse, wenn es um chinesische und internationale zeitgenössische Kunst geht. Doch der Glanz des polierten Marmors und die Nachbarschaft von Armani und anderen Edelboutiquen lassen die Kunst eher zu einem Prestigeobjekt unter anderen verblassen. Auch Lothar Albrecht, der zusammen mit Alexander Ochs und Wei Wei 2002 die Galerie Shanghai Contemporary eröffnete, kann sich trotz seiner späteren Entscheidung, nach Peking umzuziehen, für Schanghai im Allgemeinen und seine Architektur im Besonderen begeistern. „Wir hatten wunderschöne Räume im Westin Hotel Tower. Doch auch wenn ich vielleicht lieber in Schanghai leben würde: Das langfristige Ziel ist, zeitgenössische internationale und chinesische Kunst an Chinesen zu verkaufen. Dieser Markt ist mehr in Peking.“

Dass es auch in Schanghai anders geht, zeigt George Mitchell. Nur einen Steinwurf vom Bund entfernt eröffnete er vor einem Jahr die Galerie „Studio Rouge“. „Der Ort elektrisiert durch das Zusammentreffen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, schwärmt Mitchell. Mit äusserster Raffiniertheit ringt er den winzigen, im Maisonettestil angelegten Räumen die Präsentationsflächen für die zurzeit unter dem Titel „Black on White“ ausgestellten Werke ab. Gegenüber dem Eingang lässt eine grossformatige, digital bearbeitete Schwarzweissfotografie des Pekinger Newcomers Chi Peng aus der Serie „Consubstanciality“ die Geschlechtergrenzen zwischen Mann und Frau verschwimmen. Zusammen mit den die Tradition thematisch erweiternden Tuschezeichnungen von Liu Qinghe und der als Mao-Idiotie ausgewiesenen Kulturrevolution in den Bildern Xue Songs werden die Spannungen der chinesischen Gegenwartskunst auf engstem Raum ausgetragen. Angesichts der Unübersichtlichkeit des momentanen Marktes hat Mitchell nur einen Tipp: „Wenn Sie heute ein Werk in einer angesehenen Galerie sehen, das Ihnen gefällt, kaufen Sie es sofort. Andernfalls wird es morgen teurer oder gar nicht mehr da sein.“

Ulrike Münter, Michael Ostheimer


ShanghART (www.shanghart.com); Art Scene Warehouse (www.artscenewarehouse.com); Shanghai Gallery ofArt at Three on the Bund (www.thrreeonthebund.com).

Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter: http://www.nzz.ch/2005/07/16/kh/articleCZ7EA.html