Drohender Gesichtsverlust
Jérôme Sans wird Direktor des Ullens Art Center in Peking

Informationsdienst KUNST, Nr. 398, 2008-03-20

Allgemeine Irritation herrscht in und außerhalb Chinas über die Personalpolitik des im November in Pekings Kunst Distrikt 798 eröffneten Ullens Center of Contemporary Art (UCCA). Hatte die Presse nahezu unisono mit Jubel und großen Erwartungen auf das Millionen-Projekt des belgischen Sammlerpaars Guy und Myriam Ullens reagiert, so stößt die Entscheidung, Jérôme Sans zum Direktor des Museums zu ernennen, auf Unverständnis.

Jede Institution steht und fällt mit den Menschen, die sie tragen. Ullens hatten diesbezüglich ganze Arbeit geleistet. Zum Team des UCCA gehören u. a. Virginia Ibbott, zuvor Leiterin der Londoner Tate Gallery, und Colin Chinnery, ehemalig verantwortlich für das Kunstprogramm des British Council. Da die zentrale Intention des Museums und Fortbildungszentrums aber die Historisierung und Kontextualisierung der chinesischen Gegenwartskunst ist, bestand die größte Herausforderung darin, eine chinesische Persönlichkeit zu finden, die die dazu notwendige Nähe bei gleichzeitiger kritischer Distanz mitbringt. Selbstredend hing an dieser Position auch die Akzeptanz der ausländischen Institution in der chinesischen Kunstszene. Die sich in China erst seit einigen Jahren entwickelnde Disziplin der unabhängigen Kunstgeschichtsschreibung und Kunstkritik machte dieses Unterfangen nicht gerade einfach.

Mit dem Kunstkritiker Fei Dawei, der 1989 bereits die legendäre Ausstellung 85er Bewegung mitkuratierte, nach der blutigen Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Platz des himmlischen Friedens im gleichen Jahr aber – wie so viele chinesische Intellektuelle – desillusioniert und aus Angst vor Repressionen das Land gen Paris verließ, war auch diese Anforderung erfüllt. Als künstlerischer Leiter des UCCA repräsentierte Fei Dawei somit gleichzeitig das Unabhängigkeitsstreben der Non-Profit-Organisation und gewährte der ausländischen Institution ein Mindestmaß an kultureller Verwurzelung.

Am 20. Februar kündigte nun eine Presseerklärung die Ernennung des französischen Kurators Jérôme Sans zum Direktor des UCCA an. Nach seiner Arbeit am Milwaukee Institute of Visual Arts war Sans maßgeblich an der Gründung des Palais de Tokyo in Paris 2002 beteiligt. In den letzten vierzehn Monaten leitete er das Baltic Arts Center in Gateshead, England. Über Kontakte zur chinesischen Kunstszene ist nichts bekannt. Die Gerüchteküche in China kocht auf Hochtouren. Der Vorwurf, die chinesische Gegenwartskunst könnte auch im eigenen Land zum eitlen Spielzeug des Westens werden, ist nachvollziehbar. Auf Anfrage nach dem sich ändernden Zuständigkeitsbereich von Fei Dawei und seine sich relativierende Autorität im Hause Ullens heisst es: „Fei Dawei bleibt künstlerischer Leiter des UCCA. Ohne seine Unterstützung wäre die Gründung des Zentrums nicht möglich gewesen. Auf eigenen Wunsch wird er sich zukünftig auf die Pflege der Sammlung, seine Forschung, das Fortbildungsprogramm und den Ausstellungsbetrieb konzentrieren.“

Man stelle sich den umgekehrten Fall vor: ein chinesischer Sammler westlicher Gegenwartskunst würde die (u. a. wegen fehlender Sponsoren) immer noch fiktive temporäre Kunsthalle in Berlin bauen lassen und einen Chinesen zum Direktor der Institution bestimmen. Wie fänden wir das? Übrigens das konfuzianische Gebot der Bescheidenheit spräche gegen eine solche Vorgehensweise.


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung

Ullens Center for Contemporary Art (UCCA), Beijing