Die Tempi der Chinesischen Gegenwartskunst

Kunstjahr 2007-11

Mit durchaus unterschiedlichen Geschwindigkeiten rauscht der sogenannte China-Kunst-Boom durch den Westen. Welche Arbeiten verkaufen sich am Kunstmarkt in Millionenhöhe, was zeigten maßgebliche Ausstellungen wie die gerade zuende gegangene Documenta und die Biennale in Venedig? Und ist ein Ende des Hypes schon in Sicht?

Zunächst zu den Gewinnern am Kunstmarkt. Die Werke, die hier die höchsten Preise erzielen, interessieren Galeristen und Kuratoren kaum mehr. Wer will den Besuchern noch eine weitere Variante von Yue Minjuns (geb. 1962) Klonen zumuten, die als Skulpturen die Ausstellungsräume oder, grell-bunt gemalt, die Leinwände bevölkern? Bei Sotheby’s erzielte The Pope von 1997, das einen dieser schallend lachenden Gestalten nahezu nackt und nur mit nachlässig übergeworfener schwarzer Robe zeigt, drei Millionen Euro. Immer noch werden die x-ten Auflagen von Zhang Xiaogangs (geb. 1958) Bloodline-Series in Millionenhöhe verkauft, aber was bleibt von den recht eindimensional argumentierenden Bildern nach dem ersten Aha-Effekt? Auch der auf der Art Basel für eine Million Dollar angepriesene Fang Lijun (geb. 1963) stimmt mit seinen zu einer riesigen Kugel formierten und im Wolkenreich schwebenden Glatzköpfen nicht wirklich euphorisch. Da hilft auch das Mega-Format – immerhin 4 mal 7 Meter – nicht. Mit Wehmut sei hier an die technisch, inhaltlich und ästhetisch einzigartigen Holzschnitte erinnert, mit denen Fang Lijun seine Karriere begann. Ebenso werden seine Zeichnungen aus den frühen 90er Jahren sicherlich in die Kunstgeschichte eingehen. Die Arbeiten der letzten Jahre hingegen sind schlicht ärgerlich.

Einen neuen Trend in der Preis-Oberliga läutete im Herbst 2006 der Verkauf von Liu Xiaodongs (geb. 1963) in Öl auf Leinwand gemalten Bild Newly Displaced Population (2005) zu 2,7 Millionen Dollar beim Pekinger Auktionshaus Poly International ein. Nicht plakativ-aggressive Chineseness, sondern psychologisch genaue Sozialkritik in expressivem Pinselduktus lassen auf ein ernsthafteres China-Interesse hoffen. In diesem Sommer schaffte es dann endlich auch ein subtiler argumentierendes Werk in die Millionen-Sphäre. Bei Philipps de Pury ging eine einzelne Arbeit aus Zeng Fanzhis (geb. 1964) Hospital Series für 750 000 Pfund an den neuen Besitzer. Düster expressionistisch malt der in Peking lebende Künstler z. B. Spitalszenen mit sadistischen Ärzten und wehrlosen Kranken. In anderen Bildern sind die Gesichter der Protagonisten eins geworden mit uniformen Masken, die teilweise nur noch den Mund freigeben.

Documenta, chinesisch

Nun ein Blick in Richtung Documenta. Neben dem Medien-Highlight Ai Weiwei mit seinem Fairytale-Projekt, das 1001 Chinesen nach Kassel einlud, analog dazu 1001 Stühle zu Palmenhainen gruppierte, und seiner meterhohen Holzskulptur Template, die – ebenfalls medienwirksam – gleich in der ersten Woche naturgewaltig zusammenstürzte, lud Kurator Roger Buergel sechs weitere chinesische Künstler zu seiner Schau ein. Nein, Spektakuläres gab es hier nicht zu sehen: keine Leichen oder Leichenteile, keine offensichtliche Regime-Kritik und auch keinen grell-bunten Zynischen Realismus. Eine Auswahl der leiseren Töne, was allerdings ein Schattendasein dieser Positionen hinter den breiten Schultern Ai Weiweis zur Folge hatte. Wen es interessierte, bekam hauptsächlich Kunst aus China zu sehen, die die Boom-Blindheit wohl überleben wird, da sie sich inhaltlich wie formal auf sicheren Gleisen bewegt.

Die räumliche Präsentation traf allerdings fast alle Künstler gleich hart. Die psychologisch-subtilen Schwarz-Malereien von Xie Nanxing (geb. 1970) wurden nicht nur durch seitlich einfallendes Licht flach, die Nähe zum ochsenblutfarbenen Betonboden und zum silbernen Disco-Himmel der Aue-Pavillons stimmte mitleidig. Lu Haos (geb. 1969) akribisch gearbeitete Architekturstudie recording 2006 chang’an street hatte hier den Vorteil, dass seine auf 50 Meter langen, hüfthohen Tischen präsentierte Hommage an seine Heimatstadt Peking eine Nahsicht verlangt, die den Raum ausblenden ließ. Lin Yilins (geb. 1964) äußerst witziges Performance-Video hingegen schaffte es zwar ins Fridericianum; um aber seiner Non-Sense-Aktion, eine lose Ziegelsteinmauer Stein für Stein über eine mehrspurige Straße in Guangzhou wandern zu lassen, verfolgen zu können, musste man mit einem Stehplatz am Durchgang vorlieb nehmen. Zheng Guogu (geb. 1970) war gleich mit mehreren Arbeiten dabei: vom Wasserfall aus Kerzenwachs, der sich über Hunderte von Kalligrafien ergießt bis hin zu frittierten Spielzeugpanzern. Auf einer nahezu humorfreien Documenta eine der ironischsten Positionen.

Bei aller Documenta-Kritik und abgesehen von Hu Xiaoyuans (geb. 1977) recht lieblich-naiver, textiler Erinnerungsarbeit (nein, das ist keine exemplarisch-weibliche Position aus China!) ermöglichte die Auswahl die Einsicht, dass es das Chinesische der chinesischen Kunst nicht gibt. Hier hatte sich Buergel mit dem Schweizer Sammler Uli Sigg, dem Galeristen Urs Meile und der chinesischen Kuratorin und Galeristin Zhang Wei (Guangzhou) drei gute Berater gesucht.

Venezianischer Himmel, ungeteilt

Und die Biennale in Venedig? Der in Paris lebende chinesische Kurator Hou Hanru reservierte den China-Pavillon für vier chinesische Künstlerinnen. Mao hatte den Frauen scheinheilig die „Hälfte des Himmels“ zugesprochen, um sie dann schonungslos für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Die ersten Jahre nach der Öffnung des Landes, als Off-Kunst fast ausschließlich im Untergrund stattfand, werden rückblickend oftmals als Macho-Szene charakterisiert. Künstlerinnen wie die in Guangzhou und Peking lebende und in Venedig gezeigte Cao Fei (geb. 1978) machen deutlich, dass diese Zeiten vorbei sind. Nach Projekten wie den Cosplayers und Whose Utopia entführte sie – in einem weißen Tragluftzelt und vermittelt über ihr Alter Ego China Tracy – in die virtuelle Welt des Online-Spiels Second Life. Bevölkern bisher noch vorwiegend westliche Bewohner die von amerikanischer Hand entwickelte ‚global community’, so lassen sich zunehmend chinesische Jugendliche mit einer frei kreierten Identität registrieren und führen in Second Life ihr zweites Leben. Bereits im Rahmen von Cao Feis Hip-Hop-Projekt (2006) luden Jugendliche verschiedener Nationen ihre älteren Mitbürger zum gemeinsamen Street-Dance, nun führte die Künstlerin so manchem Biennale-Besucher vor Augen, dass er schlicht keine Vorstellung davon hat, was in den Köpfen jüngerer Leute vor sich geht.

Eher auf symbolischer Ebene argumentierten da Yin Xiuzhens (geb. 1963) Hochgeschwindigkeits-Flugkörper aus getragenen Textilien, die über tonnenschweren Ölfässern an der Decke einer riesigen Lagerhalle entlang zu schießen schienen. Zwischen der assoziierten Geschwindigkeit dieser Objekte und der inmitten der Ölfässer präsentierten Video-Arbeiten von Kan Xuan (geb. 1972) kam es zu einer fast poetischen Kohärenz. So sah man die Filme beim Eintreten in die Halle zwar nicht, hörte aber immer wieder den gedehnten Ruf „Kan Xuan – Ai“ und das Klackern rennender Schritte. Den eigenen Namen rufend, sich selbst mit einem Laut der Euphorie antwortend – und das alles in einem hochfrequentierten U-Bahngang, wie sich vor der Flat-Screen angekommen herausstellt: ein Zeugnis der Selbstverliebtheit oder eines der Einsamkeit?

Ein Ende des China-Booms?

Fragt man Galeristen und Sammler nach ihren Prognosen über den möglichen Fortgang des China-Booms, so wagt keiner Spekulationen, die weiter als fünf Jahre reichen. Bis dahin werde das internationale Interesse wohl noch anhalten, ist die einhellige Aussage. Galerien, die Künstler und Künstlerinnen wie die zuvor genannten vertreten, können sich bei dem Gedanken an ein Ende des Hypes allerdings recht entspannt zurücklehnen. Diese Werke werden ihren Platz im internationalen Kunstbetrieb mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten. Dies aber gilt nicht für die kunsthandwerklich produzierte Dutzendware. Deren Anbieter werden in den nächsten Jahren wahrscheinlich in einer neuen Boom-Blindheit – womöglich der indischen? – Zuflucht nehmen müssen.


Erstveröffentlichung: Kunstjahr

Photos 2-6,8,9: Nadine Dinter