Was Auktionäre zu Millionen-Sprüngen verführt
Charles Saatchi setzt in großem Stil auf chinesische Kunst

Kunstzeitung, 2007-12

Im Frühjahr 2008 eröffnet in Londons Chelsea das neue Museum der Saatchi Gallery. Als Eröffnungsausstellung ist eine Schau unter dem Titel „New Chinese Art“ angekündigt.

Die Saatchi Gallery gab im Juli diesen Jahres die Partnerschaft mit Philipps de Pury & Company bekannt. Im gleichen Zuge wurde die Eröffnung des „ersten Museums für zeitgenössische Kunst mit freiem Eintritt“ für das Frühjahr 2008 in Aussicht gestellt. Virtuell ist es jetzt bereits möglich, die scheinbar endlos sich verzweigenden Räume des Duke of York's HQ in Chelsea zu durchschreiten. „Die Intention der Saatchi Gallery ist es, zeitgenössische Kunst einem breiteren Publikum zugänglich zu machen“, so Charles Saatchi. Zu dieser noblen Geste im Sinne einer „ästhetischen Erziehung“ (Friedrich Schiller) gesellt sich die superlativische Ausstellungsfläche von 70.000 Quadratmetern. Doch nicht nur realen Gästen soll der größtmögliche Zugang zur Kunst gewährt werden, der Visionär Saatchi nutzt gleich noch die Galerie-Website, um eine virtuell-unbegrenzte Zielgruppe zu ereichen. Eine sich kontinuierlich erweiternde Datenbank zu den Künstlern der Sammlung und anderen Themen der Kunst lädt nicht nur zum Besuch ein, sondern auch dazu, weitere Texte beizusteuern.

Ein relativ neues Fable von Charles Saatchi offenbaren die Menü-Felder mit chinesischen Schriftzeichen. Um auch in diese Richtung die Kommunikationsbarrieren einzureißen, ist geplant, die gesamte Website in chinesischer Sprache zugänglich zu machen. Mehr noch, Saatchi fordert chinesische Kunststudenten und noch unbekannte Künstler aus China auf, ihre Werke online zu präsentieren und in einem Forum darüber zu diskutieren. Über den Interpretationsspielraum seiner Beweggründe kann hier nur spekuliert werden. Unübersehbar ist hingegen, dass Saatchi seit einigen Jahren zu den emsigen Käufern chinesischer Kunst der Nach-Mao-Ära gehört. Unter dem Titel „The Revolution Continues. New Chinese Art“ verzeichnet seine Website bisher 22 Künstler aus dem Reich der Mitte. Während Saatchi allerdings gemeinhin dafür steht, unbekannte Künstler zu Stars zu machen und gleich ganze Labels zu kreieren wie z. B. das der „Young British Artists“, so verhält er sich bezüglich seiner Auswahl chinesischer Künstler doch eher konservativ. Wir finden vorwiegend die üblichen Verdächtigen, die derzeit die Auktionäre zu Millionen-Sprügen verführen.

Von Yue Minjun, dessen Werk Execution (1995) im Oktober bei Sotheby’s als erste Arbeit eines chinesischen Zeitgenossen die 4-Millionen-Euro-Grenze überwand, finden sich zwei weniger brisante Werke aus dem Jahr 2005 in der Saatchi-Sammlung. In allen drei Fällen handelt es sich um die in plakativ-flächigem Malstil und x-fach modifiziert auf den Markt gebrachten, geklonten jungen Männer mit einer widernatürlichen Vielzahl an Zähnen und bleckendem Grinsen. Während Execution allerdings über den Umweg der Adaption von Francisco de Goyas Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 Bezug nimmt zur blutigen Niederschlagung der Proteste im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens – immer noch Tabu und im Visier der Zensur –, zeigen die Bilder bei Saatchi die hysterischen Alter Egos des Künstlers im Himmel schwebend oder sich im Wasser vergnügend.

Auch Zhang Xiaogangs Bloodline-Series hat es nach seinem Millionen-Durchbruch ins Bildgedächtnis des Westens geschafft. Hier hat Saatchi gleich mehrere Exponate erstanden, die in ihrer grauen Tristesse und mit den zutiefst desillusionierten Blicken des Bild-Personals sicherlich einen Ruhepool in der Eröffnungsausstellung bilden werden. Relativ neu in der Millionen-Liga ist Zeng Fanzhi, dessen Bildsprache sich gänzlich der flächigen Eindimensionalität entzieht. Hier hat Saatchi einen wahren Glücksgriff getan, indem er, neben einigen filigran und mit zittriger Pinselführung gemalten Landschaften, eines der begehrtesten Frühwerke aus der Hospital Series (1995) erstand. Düster expressionistisch zeigt der in Peking lebende Künstler Verletzte in einem Umfeld kalter Teilnahmslosigkeit.

Von Wang Guangyis Propaganda-Realismus à la Andy Warhol über Fang Lijuns Holzschnitte, Zhang Huans Asche-Skulpturen und dem Kalligrafie-Wasserfall von Zheng Guogu; Charles Saatchi hat so einige Ikonen der chinesischen Gegenwartskunst gesammelt. Bei weniger bekannten Künstlern, die ebenfalls potentielle Kandidaten für die Frühjahrsschau in den luxuriösen Hallen des Duke of York's HQ sind, ist hingegen die Qualität nicht unstrittig. Problematisch sind auch Einzelpositionen, die bei einer Präsentation Gefahr laufen jeglichen Kontext einzubüßen. Auf den zahlreichen internationalen Symposien, Foren und Tagungen zum Thema chinesische Gegenwartskunst wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Zeit der isolierten Schau von zeitgenössischer Kunst aus China eigentlich vorbei ist. Das rein exotische Bestaunen einzelner Exponate, die weder unter kunsthistorischen oder thematischen Gesichtspunkten präsentiert werden, hat sich hoffentlich bald erschöpft und weicht einem souveränen – und kritischen – Interesse.


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung