Produktive Überforderung

taz 2006-03-23

Das Festival China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft hat sich viel vorgenommen. Ein Blick in den Veranstaltungskalender läßt keinen Zweifel: das Haus der Kulturen der Welt will die chinesische Gegenwartskunst vom Sockel des Exotischen stoßen.

Bis Mitte Mai zeigt eine Ausstellung aktuelle Foto- und Videoarbeiten chinesischer Künstler; Filme, Performances, Opernaufführungen, Lesungen und Gesprächsrunden dokumentieren und problematisieren die rasanten Veränderungen im Reich der Mitte. Ein internationales Symposium zum Thema „Kulturelles Gedächtnis“ fragt darüber hinaus nach den Formen des Erinnerns in China und Europa. Das Festival China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft startet am 23. März.

Meilensteine im deutsch-chinesischen Dialog

Das Haus der Kulturen hat bereits eine lange Tradition, was die Vermittlung zwischen chinesischer und westlicher Kultur angeht. Die 1993 gezeigte Ausstellung China Avantgarde bezog sich unmißverständlich auf die erste öffentlich genehmigte Präsentation chinesischer Gegenwartskunst in Peking. Unter dem Titel China/Avant-Garde am 5. Februar 1989 in Chinas Hauptstadt eröffnet, unterbrachen die Behörden gleich zweimal den Ausstellungsbetrieb und nahmen Künstler wegen provokativer Performances kurzzeitig fest. Auch bei der gewaltsam niedergeschlagenen Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 89 waren Künstler des ganzen Landes vertreten und marschierten unter dem Banner des von der Avant-Garde-Ausstellung als Titelplakat gebrauchten Straßenschildes „Wenden verboten“. „Der Titel der Berliner Ausstellung“, so erinnert sich Andreas Schmid, einer der Kuratoren von China Avantgarde, „artikulierte einerseits unsere Solidarität mit den chinesischen Künstlern, andererseits wollten wir aber auch die Zeit zwischen 1989 und 1993 in der Auswahl der in Berlin gezeigten Künstler berücksichtigen –deshalb die andere Schreibweise. Heute hat die Ausstellung schon wieder kunsthistorischen Charakter. Das Medium der Fotografie z. B. befand sich damals noch in einem eher experimentellen Stadium.“

30 Jahre nach der Kulturrevolution und dem Tode Mao Tse-tungs setzt das Haus der Kulturen mit dem Großprojekt China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft erneut einen Meilenstein im deutsch-chinesischen Dialog.

Dimensionen des Erinnerns

Ein dreitägiges Symposium am Eröffnungswochenende des Festivals widmet sich dem Thema „Kulturelles Gedächtnis“. Chinesische und deutsche Vertreter aus Wissenschaft, Journalismus und Kultur stellen ihre Perspektiven auf die historisch bedingt sehr unterschiedlichen Strategien des Erinnerns vor. So beschäftigen sich z. B. in „Panel II“ die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann und der Kunsthistoriker, Galerist und Kurator Leng Lin mit dem „kollektiven und sozialen Gedächtnis“. Was der Verlust von Orten und Kulturgütern in der Kulturevolution für das nationale Gedächtnis bedeutet, wird unter dem Titel „Trauma, Amnesie und Anamnesis“ vom Sozialpsychologen Harald Welzer, der Ostasienwissenschaftlerin Nora Sausmikat und dem Kurator Zhuo Jing diskutiert. In „Panel V“ konkretisieren drei chinesische Künstler anhand ihrer Arbeiten, inwiefern persönliche Erinnerungen und Chinas Vergangenheit ihre künstlerische Praxis beeinflussen. Weitere Themen lauten z. B. „Räume des Erinnerns“ oder „Körper, Identität, Erinnerung“. Einen Gast aus Frankreich hätte man gerne mit von der Partie gewusst: den Sinologen François Jullien der mit seinen Publikationen wie „Der Umweg über China.“ und „Über das Fade“ bereits seit Anfang der 90er Jahre den Westen zu einem „Ortswechsel des Denkens“ auffordert.

Dimensionen des Fremden – die chinesische Oper

Wer als China-Tourist den Anspruch hat, außer architektonische auch dramatisch-vokale Zeugnisse des alten Reichs der Mitte kennenzulernen, der plant nach Tagesmärschen über die chinesische Mauer, durch die Verbotene Stadt oder den Sommerpalast nicht selten den Besuch einer Peking-Oper. Bei dieser Kunstform handelt es sich um eine für westliche Ohren nicht immer angenehme Erfahrung, zudem sind die oftmals rüpelhaften Manieren der chinesischen Theaterbesucher gewöhnungsbedürftig. Der abstrakte Begriff der Fremdheit wird hier zu einem körperlichen und ästhetischen Erlebnis. Was wir hören, hat nichts mit uns vertrauten Klängen zu tun. Was wir sehen, verstehen wir nicht. Überlieferte Kodierungen markieren jeden Ton, jede Bewegung, jedes Detail der Kostüme und der maskenhaft geschminkten Gesichter.

China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft ermöglicht nun das, was dem gemeinen China-Touristen verwehrt bleibt. In Zusammenarbeit mit der Komischen Oper haben der Bereichsleiter für Musik und Performing Arts Johannes Odenthal und die chinesische Kuratorin des Opernprojekts Tian Mansha ein beeindruckend vielseitiges Programm an Inszenierungen nach Berlin gebracht. Sieben Auftragsproduktionen stehen exemplarisch für eine umfassende Erneuerung und Neubestimmung der Musiktheatertraditionen Chinas. Um aber jenseits der Schau- und Hörlust auch ein Verstehen des Fremden zu ermöglichen, werden Einführungsveranstaltungen und Diskussionen angeboten. Es gehe um zu viel, als dass spontane Regungen wie Gefallen oder Mißfallen am Ende der Begegnung mit der Chinesischen Oper stehen sollen, macht Odenthal mit Nachdruck deutlich: „Nicht nur durch die Revolutionen, sondern auch durch die Kolonialzeit und den intensiven Austausch mit internationalen Künstlern ist Chinas Musiktheater zu einer Plattform ästhetischer, aber vor allem auch kultureller und politischer Ideologien geworden. Künstler und Künstlerinnen wie Tian Mansha stehen für eine zeitgenössische Sprache, die dieses überwältigend lebendige Erbe in die Zukunft führt.“

Mei Lanfang: Oper zu Zeiten der Kulturrevolution

Vergegenwärtigt man sich die Geschichte des symphonischen Dramas Mei Lanfang, weichen auch die letzten Befürchtungen, dass es sich dabei um eine museale Darbietung handelt. Die Ende April in der Komischen Oper aufgeführte Komposition Zhu Shaoyus erzählt eben keinen überlieferten Stoff, sondern setzt das Leben einer legendären Gestalt der chinesischen Oper, Mei Lanfangs, in Szene. 1894 in einer berühmten Operndarstellerfamilie geboren, stand Mei bereits als Zwölfjäriger auf der Bühne. Neben Passagen aus seinen Lieblingsrollen sind auch die traumatisierenden Ereignisse während der japanischen Besatzungszeit integrativer Teil des Dramas. Im dritten Akt wird gar eines der grausamsten Kapitel chinesischer Geschichte thematisiert: das Nanjing-Massaker von 1937. Am Ende bleibt Mei, der sich weigerte mit den Japanern zusammenzuarbeiten nur der Weg in den Freitod. Gespannt sein darf man auf das Experiment Zhu Shaoyus, die Partitur mit seinen Instrumentalisten sowie den Musikern und Solisten der Komischen Oper einzustudieren. Die Kommunikation zwischen westlicher und östlicher Kultur wird hier nicht nur propagiert, sondern in die Tat umgesetzt.

Fantasy of the Red Queen

Es gibt immer noch Tabu-Themen in der chinesischen Kunst. Die Künstler des Landes sind vielleicht gerade deshalb besonders geübt darin, Kritik nicht direkt, sondern über spielerische Umwege zu üben. Als politische Phantasmagorie inszeniert Liu Sola mit Fantasy of the Red Queen das Leben der machthungrigen und skrupellosen vierten Frau Maos, Jiang Qing. Mit modernster Bühnentechnik und in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern läßt Liu die Grenzen zwischen der Zeit der Kulturrevolution und der mediendominierten Gegenwart verschwimmen. Nicht aber Jiang Qing selbst tritt auf, sondern eine wahnsinnige alte Frau, die der Illusion erliegt Maos Gattin zu sein. Politik wird als Wahngebilde präsentiert. Man versteht den Schachzug. Die Uraufführung findet Mitte Mai im Haus der Kulturen statt. Wie auch die anderen Opern soll Fantasy of the Red Queen später in China gezeigt werden.

Schwächende Superlative

Mit 90 Arbeiten von 48 Künstlern ist die von Wu Hung und Christopher Philipps kuratierte Ausstellung Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Neue Fotographie und Video aus China eine der umfangreichsten Präsentationen, die es bisher zu diesen künstlerischen Medien gab. Die in vier Sektionen aufgeteilte Ausstellung zeigt unter den Motti „Geschichte und Gedächtnis“, „Inszenierungen des Selbst“, Wieder-Erfinden des Körpers“ und „Menschen und Räume“ Arbeiten, die in den letzten zehn Jahren in China entstanden und somit fast zwangsläufig die radikalen gesellschaftlichen Umbrüche dokumentieren und darauf reagieren. Jedoch die getroffene Auswahl selbst als Schau der „innovativsten chinesischen Foto- und Videoarbeiten“ zu küren, stimmt unwillig und schärft den kritischen Blick.

Auch die von Juni bis Oktober 2005 in Bern gezeigte Sammlung des Schweizers Uli Sigg stellte mit seinen 180 Künstlern nicht zuletzt wichtige Positionen aus dem Bereich Fotografie und Video vor. Von Künstlern wie Miao Xiaochun, der zu den Meistern der digitalbearbeiteten Fotografie gehört, sieht man in Berlin z. B. lediglich eine mit „Opera“ betitelte Zoobesucher-Szene. Als Einzelarbeit einer Fotoserie gezeigt, fällt sein Alter Ego, die Kunstfigur eines klassischen Gelehrten, hier kaum auf. In Bern sah man zumindest zwei der schwarzweißen früheren Arbeiten Miaos, in denen der Gelehrte zumal noch als Einzelgänger im Mittelpunkt des Bildes stand. Hier wäre mehr auch einmal besser gewesen, wird doch die Diskrepanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart in diesen Arbeiten explizit angesprochen. Und warum fehlen die „Assembly Halls“ von Shao Yinong und Muchen? Zwischen 2002 und 2004 reiste das Künstlerduo durch China und fotografierte Versammlungsräume aus Zeiten der Kulturrevolution. Räume fungieren in diesen Arbeiten als stumme Chronisten eines rasanten gesellschaftlichen Wandels.

Doch genug der vorauseilenden Beckmesserei. Denn niemand würde ernsthaft die enorme Leistung dieser Ausstellung in Frage stellen wollen.