Wo Pekings Künstler wohnen
Das Modell der Künstlersiedlung hat sich in Chinas Hauptstadt bewährt

Ulrike Münter und Andreas Schmid, Kunstzeitung 2007-01

Im Pekinger East Village fing Mitte der 1990er Jahre an, was bis heute als Lebensform von vielen chinesischen Künstlern geschätzt wird: das Wohnen in Künstlersiedlungen. Mit dem Boom der chinesischen Gegenwartskunst veränderte diese Alternative zum urbanen Hochhaus-Meer ihr Gesicht.

Die kargen Wohnverhältnisse von East Village sind in vielen Performance-Fotos festgehalten. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1994 zeigt z. B. den Künstler Zhang Huan auf einer höchst primitiven Gemeinschaftstoilette. Sein honigbestrichener Körper wird gänzlich von Fliegen bevölkert. Letztendlich handelte es sich bei dem Einzug der chinesischen Künstler in die einfachen Behausungen rechts und links zweier Lehmstrassen nicht nur um einen Verweigerungsakt gegen den zwangsverordneten Alltag in Arbeitseinheiten, sondern gleichzeitig um die kategoriale Neudefinition des Künstlerstatus jenseits ideologischer Prämissen der chinesischen Obrigkeit.

Diese Zeiten sind vorbei, die Gebäude von East Village längst abgerissen. Einige Künstler leben im Osten der Stadt in den ehemaligen Backstein-Lagerhäusern von Feijiacun und dem originalgetreuen Nachbau des Areals von Suaojiacun. Vor der Eingangstür der zweigeschossigen Atelierwohnungen stehen Bänke und Blumenkübel, säumen Skulpturen die kleinen Gärten. Yang Shaobin, Fang Lijun und den Kunstkritiker Li Xianting – um nur einige der bekannten Namen der chinesischen Kunstszene zu nennen – verschlug es noch weiter an den Stadtrand der Mega-City Peking. Im Tongzhou District, eine gute Stunde vom Zentrum entfernt, siedelten sich in den letzten 10 Jahren gleich mehrere hundert Künstler an, so die wiederholte Auskunft. Was hier mit der Selbstbezeichnung Künstler gemeint ist, sei dahingestellt, artikuliert aber sicherlich ein Lebensgefühl, das mehr will als Überleben.

Yang Shaobin, der seit einigen Jahren durch seine in flüssiger Ölfarbe auf Leinwand inszenierten ‚Körperschlachten in Blutrot’ bekannt ist, lädt zum Tee in sein unlängst fertiggestelltes Haus im Pekinger Vorort Xiaopu Village, Songzhuang Town, Tongzhou District. Die Adresse klingt nicht nur kompliziert, sie ist es auch: es bedarf fünf telefonischer Navigierungshilfen von Yang, bis das Taxi die unscheinbare Zufahrt zum hinter Mauern versteckten Domizil findet. Während sich neureiche Bauern gleich neben Yangs Grundstück kitschig-klassizistische Herrenhäuser in Miniaturformat bauen lassen, bevorzugen die Kunstmarktgewinner Chinas den Chic in Bauhaus-Manier. Wohn- und Atelierbereich gehen lässig ineinander über. Gegen das Chaos der staubigen Metropole schirmen hohe Mauern ab, der Wüstensand ist zum gepflegten Garten kultiviert. Man lässt es sich gut gehen.

Nach einem Gespräch über sein Projekt „Die 10 Gebote“, woraus eine Arbeit derzeit in Berlin gezeigt wird, fährt uns Yang Shaobin zum im Oktober eröffneten Songzhuan Art Center. Eigentlich ist heute geschlossen, doch zwei Telefonate öffnen nicht nur die Tür des riesigen rostroten Kubus. Während des Rundgangs durch die Foto-Ausstellung, die den Alltag der chinesischen Landbevölkerung zeigt, erscheint der bedeutendste Kunstkritiker Chinas und zugleich auch Museumsdirektor des Art Centers Li Xianting und lädt zu einer weiteren Teerunde. „Dieses Museum hat eine besondere Zielgruppe“, so Li. „Wir zeigen hier Arbeiten der Künstler, die in unserem District leben. Teilweise sind das völlig unbekannte Künstler, die hier ein höchst bescheidenes Dasein fristen. Uns geht es nicht um Schlagzeilen und das Ansehen im Ausland, nicht um hochdotierte Verkäufe. Wir wollen die Leute, die hier wohnen, erreichen ‑ auch die ganz einfachen Menschen, die nichts mit der Kunstszene zu tun haben.“ Wir verabschieden uns und wissen, warum sich die Beschäftigung mit chinesischer Gegenwartskunst lohnt. Innenansichten wie diese gehen weit über den Slogan „China boomt“ hinaus.

Yang Shaobin. Die 10 Gebote
St. Matthäus-Kirche im Kulturforum
Matthäikirchplatz
Dauer der Ausstellung 20.10.2006 bis 04.02.2007


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung