Es lebe die Peking-Oper, oder?
Chinas kreative Hass-Liebe zur eigenen Tradition

Kunstzeitung 2006-04

Pressekonferenz China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft im Haus der Kulturen der Welt: die Stimme von Johannes Odenthal, Bereichsleiter für Musik und Performing Arts, überschlägt sich mehrfach, als er vom zu erwartenden Opernprogramm schwärmt.

Vor dem inneren Auge sieht man förmlich, wie die berühmtesten Größen der Peking-Oper zu Zeiten der Kulturrevolution Bühnenbilder und Kostüme von unschätzbarem ideellen Wert den Flammen übergeben. Sie vernichteten, wofür sie lebten, aus Angst, das eigene Leben einzubüßen ‑ von Maos Schergen als bourgeois diffamiert. Was man jetzt von chinesischen Opernstars zu sehen bekommt, strotzt vor sinnlicher Präsenz und formvollendeter Stilsicherheit. Nur dem Kenner offenbart sich die harte Reflexionsarbeit der Protagonisten, die Geste für Geste darum bemüht sind, sowohl die Tradition als auch ihre Politisierung während der Kulturrevolution für das Theater der Gegenwart produktiv zu machen.

Und in den Bildenden Künsten? Seit den 1980er Jahren lebt Qin Yufen (geb. 1954) in Berlin. Auf die chinesische Oper angesprochen, könnte sie sogleich lossingen. Die kraftvoll-schmissigen Texte und Melodien der Revolutionsopern sind integraler Teil ihrer Kindheitserinnerung. In ihren Raum- und Klanginstallationen bevorzugt Qin aber Themen der traditionellen Oper, wie z. B. in der schon international gezeigten Arbeit Frühling in der Jadehalle (1995). Anstelle chinesischer Saiteninstrumente, sind es hier allerdings minimalistisch im Raum angeordnete Wäscheständer mit weißen Tüchern, die computerbearbeitete Stimmen und Musik erklingen lassen.

Von größerer Distanz zur Tradition zeugen hingegen die Bilder von Liu Wei (geb. 1963). Ihm ist die Peking-Oper schlicht Relikt einer verschroben-bornierten Vergangenheit. Karikierend zeigt er in Vater sieht fern (1991/92) das Familienoberhaupt in Uniform, den starren Blick auf eine kitschige Opern-Szene im Fernsehen gerichtet. Gelassener und jenseits historischer Altlasten begeistert sich Shen Liang (geb. 1976) für die Dynamik und Dramatik einer solchen Inszenierung am Bildschirm. Die maskenhaften Gesichter der Sänger und die aufwändig geschnittenen, knallbunten Kostüme hätten doch etwas von Fantasy-Filmen, so der Künstler. Mit dem Peking der Gegenwart habe das doch nun wirklich nichts zu tun. Für seine noch nicht abgeschlossene Serie Beijing-Opera (Öl auf Leinwand) machte Shen kurzerhand Fotos vor dem laufenden Fernseher. Sie stellen die Vorlagen seiner Bilder. Der Frankfurter Galerist Lothar Albrecht ist begeistert von seinem Pekinger Newcomer: „Auf der ARCO in Madrid haben wir alle Opera-Arbeiten von Shen Liang verkauft. Und das, obwohl das Thema China in Spanien noch gar nicht angekommen ist.“

Zu guter Letzt noch Miao Xiaochuns (geb. 1964) fast fünf Meter lange Digitalfotografie Opera (2003): sie sehen Zoobesucher an einem Affengehege? Man nehme die Arbeit im Haus der Kulturen genauer in den Blick.


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung