Ein Haus ist käuflich, nicht aber die Feuerstelle
Mathilde ter Heijne besuchte eines der letzten Matriarchate in China

Kunstzeitung 2007-11

In einer Fernseh-Dokumentation über den matriarchalen Volksstamm der Mosuo besticht der unverstellte Sinn der interviewten Frauen für die Ökonomie des Alltags, aber auch ihre Lustbetontheit, wenn sie über die Vorzüge eines temporären erotischen Verhältnisses zwischen Mann und Frau reden. Mathilde ter Heijne war vor Ort.

Dem Konzept einer Ehe auf Lebenszeit können die Mosuo wenig abgewinnen, wirken eher befremdet über eine solche Vorstellung. Ihnen scheint es nach wie vor gut zu gehen mit der seit Generationen praktizierten Form der „visiting marriage“. Den Mosuo-Männern kommt bei diesem Ritual die Rolle des nächtlichen Besuchers zu, der um Einlaß bitten, ihn aber nicht einfordern kann. Die aus diesen Beziehungen entstehenden Kinder verbleiben im Familienverbund der Frau, die dazugehörigen Männer übernehmen eine Onkel-Funktion. Mathilde ter Heijne, die mit ihren figuralen Alter Egos, Videos, Installationen und anderen Projekten schon verschiedene Dimensionen des Weiblichen erkundete, veranlassten Studien über diese kaum noch gelebte gesellschaftliche Organisationsform des Matriarchats zu einer 10-tägigen Reise in die südchinesische Provinz Yunnan, wo nahe dem Fluß Lugu und dem Berg Gamu ‑ der zugleich als weibliche Gottheit verehrt wird ‑ das Dorf Lijiazui liegt.

Eine starke spirituelle Grundhaltung prägt bis heute das Leben der Mosuo. Durch die offizielle chinesische Schulpolitik, den wachsenden Einfluß der Medien und die rücksichts- bis geschmacklose chinesische Tourismusbranche, die in der Gier nach allem Exotischen sogar Prostitution im Mosuo-Stil anbietet, ist absehbar, dass der Wunsch nach einem Zusammenleben à la bürgerliche Kleinfamilie zunächst in die Köpfe der Kinder und dann in die Lebensideale der Heranwachsenden einziehen wird. Aus westlicher Sicht und vor dem Hintergrund grassierender Scheidungsraten erscheint die seit Urzeiten von den Mosuo gepflegte Form der Liebesbeziehung mit beidseitig akzeptierter Verfallszeit höchst modern. Ter Heijne entschied deshalb, den spiritus loci gleich samt der architektonischen Hülle einzufangen und kaufte dem Dorf ein 200 Jahre altes „Zumu“-Holzhaus (zentraler Begegnungsort des Familien-Clans) ab. „Wichtig war dem Clan dabei, dass das Haus als Bote der Mosuo-Kultur an verschiedenen Orten der Welt gezeigt wird“, so ter Hejne. „Nur in dieser Funktion haben sie dem Verkauf zugestimmt. Unverkäuflich war allerdings die Feuerstelle am Boden des Hauses, denn hier tritt der Familienverbund in Kontakt mit den Geistern der Ahnen.“

Mit den Einzelteilen des Hauses, Film- und Fotomaterial kehrte das ter Heijne-Team zunächst nach Peking zurück, wo im April diesen Jahres im Projektraum Currents die erste Ausstellung unter dem Titel Mosuo Fireplace Goddess stattfand. Integrativer Teil der Installation ist ein in Bronze gegossenes Alter Ego der Künstlerin in der Tracht der Mosuo-Frauen, das rekonstruierte „Zumu“-Haus samt Einrichtung und ein Video, das die traditionszersetzenden Entwicklungen im Lebensraum der Mosuo zeigt. Ein Comic (Englisch/Chinesisch) lässt die Begegnung der Künstlerin mit den Mosuo Revue passieren. Dieses Bild- und Schriftdokument einer interkulturellen Begegnung soll als Teil des Projekts an dessen Entstehungsort zurückkehren. Die Form der Bildergeschichte wählte Mathilde ter Heijne, um durch dieses Medium auch die Kinder der Mosuo zu erreichen. Den feindlichen Wirkkräften der chinesischen Missionierung zur Kleinfamilie und des Tourismus soll in diesem Zuge eine respektvolle Außenperspektive entgegengesetzt werden.

Nach der Präsentation der Bronzefigur Foremother Worship auf der Kunstmesse ShContemporary im September bei Arndt & Partner plant u. a. das Migros Museum für Gegenwartskunst in Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus Zürich das Mosuo-Haus in ein Theaterprojekt einzubinden. Auch das ZKM Karlsruhe und die Kunstsammlung K21 Düsseldorf haben Interesse an Mosuo Fireplace Goddess angemeldet. Bislang steht das massive Holzhaus allerdings noch in Peking.


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung