Die Kunst der Beschleunigung

Berliner Zeitung 2006-05-05

Die Zeit ist aus den Fugen. Wer in Peking lebt erfährt täglich am eigenen Leibe, was dies bedeutet. Nicht zuletzt ein Blick in die Kunstszene zeigt, welch hohen Grad an praktischer aber auch emotionaler Flexibilität eine chinesische Metropole ihren Bewohnern abverlangt.

Kein Ort ist derart repräsentativ für die Chinesische Gegenwartskunst, wie der Dashanzi New Art District in Peking. Mehr als ein Dutzend chinesischer und ausländischer Galerien, unzählige Künstlerateliers, Designershops, Cafés und Clubs haben sich seit 2002 auf dem Gelände des einst wichtigsten chinesischen Militärkomplexes angesiedelt. Häufig wird das Areal auch nur nach der Nummer der zentralen Ausstellungshalle 798 genannt. Labyrinthische Gänge führen durch charmant ruinöse Industriearchitektur im Bauhaus-Stil. DDR-Architekten hatten in den 1950er Jahren nicht nur die Entwürfe für die Gebäude gemacht, fast die gesamte maschinelle Ausrüstung und Teile der Hallenkonstruktionen gelangten mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking. In den 1980er Jahren brachte die Öffnung Chinas den Niedergang des einstigen „Arbeiter- und Bauernparadieses“ mit sich. Anfang 2000 erweckte die Pekinger Central Academy for Fine Arts Teile der Wohn- und Fertigungsbauten zu neuem Leben. Ateliers wurden eingerichtet, Ausstellungen veranstaltet. Regelmäßige Kunst-Events zeigten schnell auch im Ausland Wirkung. Das Dashanzi International Art Festival (DIAF) geht am 14. Mai in die dritte Runde.

Internationale Galerien in der 798 Factory

Kenner der internationalen Galerienszene werden in 798 auf einige wohlvertraute Namen treffen. Aus Italien sind es die Marella Gallery und Galleria Continua, aus London die Galerie Chinese Contemporary, die in den roten Backsteingebäuden aktuelle chinesische aber ausländische Kunst zeigen. Dem Australier Brian Wallace von der Red Gate Gallery war seine Präsenz in 798 einen Zweitstandort in Peking wert. Bereits seit 1991 residiert er in einem ehemaligen Wehrturm der Stadtmauer. Auch den Berliner Galeristen Alexander Ochs zog es nach einem Zwischenstop in Shanghai hierher. 2004 startete er mit der Galerie White Space in Dashanzi.

Über den reinen Ausstellungsbetrieb hinaus geht das hier ebenfalls ansässige Open-End-Projekt der New Yorker Long March Foundation und dem Pekinger 25000 Cultural Transmission Center. Entlang der Stecke des legendären Langen Marsches von Mao Zedong und seinen Anhängern veranstalten Künstler seit 1999 Performances, in die sie auch die einheimische Bevölkerung einbeziehen. So ließ z. B. der Künstler Sui Jianguo eine Marx-Statue auf einem Holzfloß an Dörfern vorbeischwimmen, in denen Maos Truppe Zwischenstation gemacht hatte. Auf diese Weise wird das für die chinesische Geschichte so bedeutsame Thema ‚Ideologietransfer’ visualisiert.

In 798 bietet jeder Blick um die nächste Ecke einen Exkurs in die jüngste und doch zugleich so ferne Vergangenheit Chinas. So ruft z. B. der Slogan „ Der Vorsitzende Mao ist die rote Sonne, die in unseren Herzen scheint“ ‑ in großen roten Schriftzeichen an die Decke der zentralen Ausstellungshalle geschrieben ‑ die allgegenwärtige Propaganda der Kulturrevolution ins Gedächtnis zurück.

Olympische Schatten

Ein Geheimtip ist 798 nicht mehr. Viele Künstler der ersten Stunde nennen das Areal mittlerweile bissig einen „Themenpark“. Auch der Vorzug niedriger Ateliermieten gehört der Vergangenheit an. Neue Künstlersiedlungen wurden und werden in und um Peking gegründet. Sogar Bauunternehmer reagieren auf die Bedürfnisse der stetig wachsenden Kunstszene. Schlagzeilen machte im Dezember die teilweise Zerstörung der international renommierten Künstlersiedlung Suojiacun. Über hundert Künstler, Akademieprofessoren und die französische Galerie Imagine hatten sich in der 2004 auf ehemaligem Ackerland errichteten Backsteinsiedlung eingemietet und in den Ausbau der Atelierwohnungen investiert. Künstler-Austauschprogramme brachten Anregungen aus aller Welt nach Suojiacun. Nahe des 798-Areals gelegen, gleichwohl von Touristen verschont und fern vom Pekinger Innenstadt-Trubel wirkte Suojiacun mit seinen Gärten vor den Eingängen der zweistöckigen Reihenhäuschen wie eine Oase. Wer hier lebte, hatte sich bewußt gegen die Anonymität der unzähligen gesichtslosen Wolkenkratzer entschieden. Nicht das große Geld, sondern die Qualität der eigenen Arbeit stand im Zentrum. Als Besucher stellte sich schon nach kürzester Zeit das Gefühl ein, als ob die Uhren in Suojiacun langsamer liefen.

Bereits im ersten Jahr kursierten Gerüchte über fehlende Genehmigungen des Bauherrn. Abrissdrohungen versuchte man mit dem Angebot entgegenzuwirken, sich während des Olympia-Tourismus als Exempel des gelungenen Kulturaustauschs präsentieren zu lassen. Absurderweise war es letztendlich die Olympiade, die Suojiacun den Garaus machte. Der besagte Bauherr hatte nämlich gegen eine im Rahmen der Vorbereitungen auf das Sport-Spektakel verfaßte Auflage der Stadt verstoßen, Ackerland und andere Grünflächen als solche zu erhalten. Die schlechten Luftwerte wogen schwerer als die international empörte Presse, die den Bulldozereinsatz Mitte Dezember mit allgemeinem Unverständnis beklagte.

East End Art

Inmitten einer riesigen Abrisslandschaft in der Nähe von 798 siedeln sich seit 2004 weiße, kubusförmige Gebäude an, die sich unter dem Namen East End Art präsentieren. Pionier an diesem recht unwirtlichen Ort war das Team von CAAW (China Art Archives and Warehouse), dessen Direktor der bekannte chinesische Architekt, Kurator und Künstler Ai Weiwei ist. Der Schweizer Galerist Urs Meile, der seit 2003 einen Partnerschaftsvertrag mit CAAW unterhält, eröffnete hier am 8. April seinen Zweitstandort. Immer wieder betont Meile, wie glücklich er über die Zusammenarbeit mit Ai Weiei sei. Für ein Verständnis der chinesischen Kunst brauche es den intensiven Dialog mit Leuten, die hier aufgewachsen sind.

Das Areal von East End Art zu finden, ist selbst für eingefleischte Pekingbewohner nicht leicht. Orientierungsmerkmale wie z. B. große Gebäude sind Wochen später verschwunden. Auch der Stadtplan hilft jenseits mehrspuriger Hauptstrecken kaum weiter. So endete der erste Versuch, die L. A. Galerie des Frankfurter Galeristen Lothar Albrecht zu finden, nach mehreren telefonischen Navigierungsversuchen erfolglos an einer Polizeistation. Nicht selten werden hier gestrandete Gäste vom Personal der Galerie abgeholt. „Unsere erste Galerie war in der Verbotenen Stadt, in einem wunderschönen, 600 Jahre alten Haus. Für den Kontakt mit den Künstlern ist der neue Standort aber wesentlich sinnvoller. Der Chaoyang-Distrikt entwickelt sich seit einigen Jahren immer mehr zum Zentrum der jungen Kunstszene.“

Für das Tempo, mit dem nicht nur Peking sein Gesicht wandelt, sondern auch Lebensläufe gravierend umgeschrieben werden, findet sich kaum ein Vergleich. Gespräche mit Künstlern markieren immer wieder dieselben einschneidenden Geschehnisse. Sie berichten vom verbotenen Agieren im Untergrund vor der Öffnung Chinas, der anschließenden Aufbruchstimmung und der traumatisierenden Wirkung des gewaltsamen Polizei-Einsatzes am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Für die jüngsten Vertreter der chinesischen Kunstszene ist das schon wieder Schnee von gestern. Vom Ausland umworben, wächst zunehmend auch die Anerkennung der chinesischen Künstler im eigenen Land.