Heute China, morgen Indien?

artnet 2007-01-18

„Heute China, morgen Indien!“ - Als Kunstkritikerin für chinesische Gegenwartskunst zuckt man bei einem solchen Slogan zusammen. Insbesondere dann, wenn er vom Vertreter eines renommierten Kunstbuchverlages stammt.

Ist die Kunst eines Landes nur so lange interessant, wie dessen Szene boomt? Verlieren die Werke dieser Künstler automatisch an Wert, wenn die Schlagzeilen verhallen? Und – Perspektivenschwenk ‑ leisten nicht einige der chinesischen Künstler selbst dem prognostizierten Ende des momentanen internationalen Interesses Vorschub, indem sie serienmäßig Werke produzieren, die zwar schnell verkauft werden, deren Qualität aber von Kunstkennern als zweifelhaft eingeschätzt wird? Wen die Begeisterung für die Kunst des Reichs der Mitte wirklich gepackt hat, der wünscht sich momentan fast ein schleuniges Ende des Booms herbei – auf dass es endlich wieder um Kunst und nicht einzig um den Markt gehe.

Beim Kunstliebhaber und Beobachter der schwindelerregenden Entwicklungen, die den Kunstbetrieb Chinas zu einer riesigen Geldschleuder haben werden lassen, stellt sich derzeit beinahe unweigerlich ein Gefühl des Unbehagens ein. Gegönnt sei den Künstlern der ersten Stunde, dass sie nach Zeiten der Armut, des Behördendrangsals und einer fast ungebrochenen Ignoranz gegenüber ihrem Engagement im eigenen Land seit kurzem ein Leben im Wohlstand führen können. Doch müssen einige Auktionsgewinner deshalb gleich den Beruf des Künstlers gegen den eines Marktstrategen eintauschen? Namen tun hier nichts zur Sache, es geht ums Prinzip. Jeder, der mit etwas wachem Auge den Qualitätsschwund beobachtet, der sich in besagten Karrieren abzeichnet, kann nur hoffen, dass die Kaufwut des Westens bald einer nüchternen Erkenntnis weicht: nicht alles was aus China kommt, ist eine vielversprechende Wertanlage, nur weil Auktionshäuser und Galerien es als solche anpreisen. Dann mögen die vom Künstler zum Produzenten Degradierten all die bonbonfarbenen Massenproduktionen dem Vergessen übergeben, und sich in einer ruhigen Stunde auf das besinnen, was sie konnten und können, was nur im Geldtaumel irgendwie abhanden kam.

Nein, es geht hier nicht um die hohe chinesische Tradition der Nachahmung und Vervollkommnung im immer Gleichen. Ein Maler kann durchaus sein Leben lang Wasserflächen oder Wolkenformationen malen, ohne dass die Werke an Intensität verlieren. Auch einige junge Künstler haben sich Themen gestellt, die sie „open-end“ weiter verfolgen wollen und man darf gespannt sein, was daraus entsteht. Beklagt werden die Arbeiten, denen es an jeglicher Tiefenschärfe fehlt und die offensichtlich für den gierigen und allzu häufig blinden Markt produziert werden. Angefangen von zigfach variierten Motiven, bei denen sich nicht auftut, wo der Mehrwert der Multiplikation liegt. Könnte man hier noch von subjektiver Einschätzung oder gar mangelndem Kunstverstehen reden, so wird das Schindluder offensichtlich, wenn es sich um technische Verfallsgeschichten handelt. Gerade auf dem Gebiet der Malerei ‑ auf dem die Künstler Chinas eine handwerklich brillante Ausbildung genießen und einiges zu bieten haben – weicht eine sorgsame Durchgestaltung der Bildfläche einer leidenschaftslosen Fabrikationstechnik. Nicht selten kommt der Verdacht auf, der Künstler habe sich kurzerhand den Schaffensakt gespart und Gehilfen engagiert. Die Rede ist nicht von Konzept-Kunst, die die Trennung von Idee und Umsetzung durchaus schlüssig werden lassen kann! Kunsthandwerklich begabte Chinesen gehen gleich noch einen Schritt weiter. Sie registrieren, was „hip“ ist, und kreieren fleißig die Kopien der Kopien…

Nicht nur das florierende Kunstgewerbe beeinträchtigt die Freude an Chinas Kunstarealen zunehmend. Die Pekinger 798 Factory oder das Shanghaier Pendant M 50 (Moganshan Road) sind hier traurige Vorreiter. Es sind zudem die Trittbrettfahrer, die den Zug des Gewinns nicht verpassen wollen, bevor dieser das Tempo drosselt und sich die Besinnungslosigkeit der Mitreisenden legt. Mit marktschreierischem Gehabe scheuen selbst westliche Galeristen, für die China gestern noch „auf einem anderen Globus“ lag, nicht vor pauschalen Aussagen über „die chinesische Kunst“ zurück und bieten mit vermeintlich ironischer Distanz den zigsten Aufguss einer Mao-Pop-Version an. Will man aber das, was vormals als provokativer Akt der chinesischen Künstler seine Berechtigung hatte, nun über dem Sofa hängen haben?

Immer nötiger wird der Tunnelblick, mit dem man sich zu den altbewährten Galerien mit China-Erfahrung durchschlängelt oder vorsichtig in die Fenster neuer Institutionen lugt. Denn glücklicherweise gibt es auch spannende Neueinsteiger. So eröffnen chinesische Künstler – denen die besagte Anbiederei an den Markt ebenso zuwider ist ‑ Projekträume für ihresgleichen. Junge Frauen steuern dem Trend gleich in doppelter Hinsicht entgegen: als Galeristinnen widerlegen sie einerseits das Vorurteil, es bräuchte eine starke Männerhand beim Management, andererseits zeigen ihre Ausstellungen von Künstlerinnen, dass der männerdominierte Markt einiges übersehen hat. Und genau an dieser Stelle macht Kunstkritik mit China-Fokus wieder Sinn.

Zu den Bildern:

Der in Peking lebende Künstler Liu Ding (geb. 1976) thematisiert mit seiner Performance- und Installationsreihe Products (2005/2006) die im obigen Text beschriebenen Verfallsprozesse vom Kunstwerk zur Ware. Products wurde ursprünglich für die zweite Triennale von Guangzhou entwickelt. Der Künstler engagierte für die Aktion dreizehn Auftragsmaler aus der benachbarten Stadt Dafancun. Er ließ sie auf einer pyramidenförmigen Plattform von Leinwand zu Leinwand gehen, um dort ihren jeweiligen Beitrag für eine Serie von thematisch identischen Bildern hinzuzufügen. Sie erhielten für ihre Arbeit den gewöhnlichen Fabriklohn.