Gegenwartskunst in Berlin zieht es an Orte mit Geschichte ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2008-10

Peking und Berlin sind nicht nur offizielle Partnerstädte, sondern auch zwei der wichtigsten Labore der Gegenwartskunst. Geographische und kulturelle Grenzen überschreitend, zieht es Künstler und Galeristen der chinesischen und der deutschen Hauptstadt dahin, wo historische Ereignisse ihre Spuren hinterließen. Ein virtueller Spaziergang durch Berlins Kunstszene.

Während die Kunst der Klassiker nach renommierten Museen verlangt, suchen die Repräsentanten und Sammler der Gegenwartskunst den Ruinencharme ehemaliger Industriegebäude, das raue und pragmatisch-funktionale Lebensumfeld des Arbeitermilieus. Hinterhöfe inspirieren mehr als schicke Vorderhausgalerien, Orte, in die sich die Schrecken des 2. Weltkriegs oder der Kulturrevolution einschrieben, sind nun schicke „White Cubes“. In Berlin wurde gar ein ehemaliger Nazibunker zum Schauraum einer Kunstsammlung.

Berlins Szene-Quartiere: Geschichte auf Schritt und Tritt

Preist die Wirtschaft und Immobilienindustrie den chinesischen Aufschwung und zeigt Hochhaus-Skylines vor strahlend blauem Himmel, so sind Chinas Künstler und Galeristen unermüdlich auf der Suche nach neuen Industriebrachen, spielen international gerühmte chinesische Filme im Schmuddelmilieu der wenigen noch existenten Hutong-Siedlungen. In der deutschen Hauptstadt Berlin treibt diese ‚Romantik des Ruinösen’ ähnliche Blüten. Die Inselsituation Westberlins bis zum Ende der DDR 1989 und die systematische Vernachlässigung des baulichen Erbes in der DDR selbst schufen höchst inspirierende Zeugnisse des Verfalls. Anders als im heutigen Peking gab es in Berlin nie ausreichend Finanzmittel, um z.B. dem Kahlschlagsbedürfnis und Ordnungsstreben der 1970er Jahre in flächendeckendem Ausmaß nachzugeben. Noch heute – gut 50 Jahre später zeugen Einschusslöcher in unrenovierten Hausfassaden vom Zweiten Weltkrieg. Jetzt beherbergen diese baulichen Zeugen der Geschichte Bars, Cafés, Designerläden und Galerien.

In Berlin ist deutsche Architekturgeschichte – von der Antikenbegeisterung des 18. Jahrhunderts und floralen Mustern des Jugendstils über den tristen sozialistischen Plattenbau à la DDR bis hin zu minimalistisch strengen Neubauten und Glasfassaden – oftmals auf einer Straßenlänge präsent. Ein glänzendes Beispiel stellt die schmale, nahezu kleinstädtisch anmutende Auguststraße in Berlin Mitte dar, die in ihrer Galeriendichte kaum zu übertreffen ist. Hier findet alle zwei Jahre die Berlin-Biennale statt, die ihr Ausstellungs- und Organisationszentrum in den Kunst Werken (KW Institute for Contemporary Art) hat. Der Kurator Klaus Biesenbach hatte 1990 die baufällige, ehemalige Margarinefabrik entdeckt, sie zusammen mit einigen anderen Berliner Kunstbegeisterten sanieren lassen und als einen Projektraum für zeitgenössische Kunst etabliert. Das denkmalgeschützte Vorderhaus aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und die Fabrikanlage aus der Gründerzeit wurden Mitte der 1990er Jahre durch zwei Neubauten des amerikanischen Künstlers Dan Graham ergänzt.

Die nahe gelegenen und detailverliebt restaurierten Sophie-Gips-Höfe beherbergen ebenfalls geballtes Kunstprogramm. Auf dem Areal einer ehemaligen Nähmaschinenfabrik und dreier Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert ist u.a. die Galerie von Alexander Ochs ansässig, die schwerpunktmäßig chinesische Gegenwartskunst zeigt. Das Kunstsammlerehepaar Hoffmann (Sammlung Hoffmann-Könige) ließ 1995 das denkmalgeschützte Gebäude sanieren und zeigt seitdem im ausgebauten Dachgeschoss die von ihnen erworbenen Werke. Licht- und Dachinstallation zeitgenössischer Künstler machen die Höfe zu einem atmosphärischen Ruhepol im ältesten Teil des gegenwärtigen Berlin.

Tacheles heißt „Klartext reden“

Das heutige Zentrum der Berliner Kunstszene, Berlin Mitte, befindet sich im ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt. Die prachtvolle Synagoge an der Oranienburger Straße ist deutliches Symbol des pulsierenden jüdischen Lebens, das es hier einmal gab. Auf Jiddisch bedeutet „Tacheles“ „Klartext reden, sich offenbaren, jemandem seine Meinung sagen“. Tacheles heißt Berlins bekannteste Kunstruine.

Nicht aber der Krieg zerstörte das luxuriöse Gebäude, dessen Fassade gotische und klassizistische Stuckarbeiten zeigt, sondern die 1980 erfolgten Sprengarbeiten im Auftrag der DDR-Führung. Es sollte Platz für einen historisch weniger belasteten Neubau geschaffen werden. 1990 besetzte die Künstlerinitiative Tacheles die Ruine und erreichte, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde. Seitdem hat das Tacheles den Status eines Gesamtkunstwerkes und gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Berlin-Touristen.

Vom Nazibunker zum Ort der Kunst

Schnell veralten die Aussagen über Pekings und Berlins Kunstszene. Vor Monaten noch tristes Lagerhallengelände, erstreckt sich nun hinter dem Berliner Museum für Gegenwartskunst im ehemaligen Hamburger Bahnhof ein neues Galerienareal, das u.a. die erste Galerie für indische Gegenwartskunst beherbergt.

Spektakulärste Neuerung ist aber unleugbar der im Juni 2008 fertig umgebaute Schauraum der Kunstsammlung Boros, der 1942 von Hitlers Star-Architekt Albert Speer entworfene „Reichsbahnbunker Friedrichstraße“. Bis zu 2000 Personen fanden hier Schutz vor Luftangriffen. Nach Kriegsende nutzte die Rote Armee den Bunker als Gefängnis, ab Mitte der 1950er Jahre diente er der DDR als Obst- und Gemüselager. 2003 erwarb der Inhaber einer Werbeagentur und Kunstsammler Christian Boros den unter Denkmalschutz stehenden Betonquader. Nach vierjährigem Umbau finden nun samstags und sonntags je 12 Führungen durch den ‚Kunst-Bunker’ statt. Wie attraktiv die Symbiose aus architektonischem Erinnerungsträger und Gegenwartskunst ist, zeigen die Warteschleifen, die einer Besichtigung der Sammlung vorausgehen: vier bis sechs Wochen sind derzeit einzukalkulieren.


Erstveröffentlichung: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

Sammlung Boros im Bunker Berlin Mitte

KW Institute for Contemporary Art

Tacheles Berlin

Nadine Dinter