Produktive Krise für Chinas Gegenwartskunst?

Kunstzeitung 2008-12

Das Ende des China-Kunst-Hypes wird durch die Finanzkrise beschleunigt – eine nicht nur negative Wirkung, wie Experten der Szene finden

Die Frage, ob das, was man auf Auktionen, Messen oder in Galerien kauft, auch morgen noch von Bedeutung ist, drängt sich dem finanziell ernüchterten Kunstkäufer auch und verstärkt in Bezug auf die chinesische Gegenwartskunst auf. Zu beobachten ist einerseits eine gesteigerte Scheu vor den oftmals all zu schnell in die Millionenhöhe geschossenen Stars aus China. Anderseits reicht der China-Bonus bei noch unbekannten Künstlern nicht mehr aus. Galeristen und Akteure des Kunstbetriebs, die sich fernab plakativer Chineseness für Werke aus China oder die Präsentation internationaler Kunst in China einsetzen, erschüttern diese Veränderungen nicht sonderlich. Sie sehen darin eher einen weiteren Faktor zur Konsolidierung des überhitzten Marktes

Die Amerikanerin Meg Maggio (Galerie Pekin Fine Arts), bereits seit rund 20 Jahren in Chinas Kunstszene unterwegs, bleibt bei der Frage nach den Veränderungen des Käuferverhaltens in den letzen Wochen gelassen: „Schon nach der Olympiade konnten wir beobachten, dass die rasante Entwicklung auf dem Markt für zeitgenössische Kunst aus China an Tempo einbüsst. Dieser Trend setzt sich nun durch das weltweite ökonomische Trauma fort. Gleichzeitig wächst aber auch die Gruppe von asiatischen Sammlern. Die Rolle des Westens wird hier völlig überschätzt. Mittlerweile verlassen hochkarätige Werke erst gar nicht mehr den chinesischsprachigen Raum und werden von Sammlern aus Hongkong und Taiwan gekauft. Bedeutende Arbeiten aus dem Westen werden zurückgekauft. Und wenn durch die derzeitigen Entwicklungen auch die Preise für gute Kunst sinken, muss das nicht notwendigerweise negativ sein.“

Kai Heinze, Direktor der seit 2007 in Pekings Kunstdistrikt 798 factory ansässigen Galleri Faurschou (seit 1986 in Kopenhagen) spricht von einer chinesischen „Mikro-Krise“, der nun eine globale folge: „Der chinesische Aktienindex hat seit Anfang 2008 mehr als 60% eingebüsst. Das bedeutet, dass China schon vor der globalen Krise, die im September diesen Jahres zutage trat, eine eigene, hausgemachte und eher nationale Finanzkrise hatte. Die Konsequenzen für den chinesischen Kunstmarkt sind absehbar: die Preisspitze für chinesische Gegenwartskunst ist erreicht. Wir Kunsthändler werden uns darauf einstellen müssen, dass Sammler wählerischer werden, ein Trend, der sich im Frühjahr schon zeigte.“

Nicht nur beim Kunstverkauf, sondern auch im Ausstellungsbetrieb zeigen sich die ersten Reaktionen auf die Finanzkrise. Bei der letzten Deutschlandreise von Christoph Noe und Cordelia Steiner (The Ministry of Art) zogen einige Sponsoren ihre Zusagen zurück. Auch die Bedenkzeiten bei Käufern hätten sich sichtlich verlängert. Seit drei Jahren leben Noe und Steiner in Peking und haben sich auf die Vermittlung von junger chinesischer Kunst spezialisiert. „Gerade wenn man chinesische Kunst im Ausland zeigen möchte“, so Noe, „ist man z. B. für die hohen Transportkosten auf Sponsoren angewiesen.“ Aber auch sie sehen die „reinigende Wirkung“ dieser finanziellen Eintrübung: „Nach wie vor gibt es viele Spekulanten auf dem chinesischen Kunstmarkt, die vielleicht, wenn es mit dem Wert für die Kunst nicht mehr nur bergauf geht, den ‚Spaß’ verlieren. Dann fallen hoffentlich viele der überbewerteten Positionen raus und es wird wieder über Kunst gesprochen und nicht nur über Hype und Rekorde.“

Krise als Chance? Womöglich steht uns eine zweite Phase der Begegnung mit chinesischer Gegenwartskunst bevor: nüchterner, kritischer, aber auch mit einem weniger bitteren Nachgeschmack. Denn all zu offensichtlich war in den letzten Jahren der qualitative Fall in einigen prominenten Künstlerkarrieren. Schwer vorstellbar ist hingegen, dass das Interesse an aussagekräftigen jungen Positionen nachlässt. Die globale Bedeutung Chinas macht einen internationalen Kunstdiskurs ohne chinesische Stimmen undenkbar.


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung

Galerie Pekin Fine Arts

Galerie Faurschou

The Ministry of Art

Gabriele Heidecker