Märchen mal anders
Ai Weiweis Fairytale auf der Documenta 12

Ulrike Münter und Li Shuangzhi, taz, 2007-06-11

Fairytale nennen Ai Weiwei und sein Team die Mega-Performance, die 1001 Chinesen zur Documenta 12 nach Kassel schickt. Doch wer erzählt hier wem was? Und welche Bilder von Deutschland hat ein Chinese im Kopf, der die Grenzen Chinas noch nie hinter sich gelassen hat?

„Das prägendste Märchen in meinem Lebens war der Mythos vom Kommunismus. Als 10-jähriger musste ich das kommunistische Manifest auswendig lernen“, beantwortet der Künstler, Kurator, Kunstkritiker und Architekt Ai Weiwei die Frage nach der Intention des Titels für das kühne Projekt. Nicht weniger als 1001 Chinesen unterschiedlichen Alters, Berufs und aus den verschiedenen Provinzen des Landes werden in ca. fünf Schüben beim Kunst-Event Documenta eintreffen. Eine ehemalige Kasseler Zeltfabrik dient als Bleibe für den rund 10-tägigen Aufenthalt jeder Gruppe. Betten und Köche werden gleich aus China mitgebracht, um den kultureigenen Empfindlichkeiten entgegenzukommen. Ein spezielles Survival-Paket soll den zumeist keine Fremdsprache beherrschenden Kunst-Immigranten bei den berechenbaren Irrungen und Wirrungen helfen. Was die Performance, die Ai Weiwei kurz als „sozio-politisches Readymade“ bezeichnet, im Einzelnen beinhaltet, bleibt weiterhin Überraschung.

Eines steht allerdings fest, Fairytale soll nicht märchenhaft werden. „Mich interessiert die Kategorie des Märchens in erster Linie als Dachbegriff für die Trennung zwischen dem Bösen und dem Guten, dem Verhältnis von Wahrheit und Fantasie. Diese Dualismen gibt es ebenso im Verhältnis zwischen China und dem Westen. Der Titel nimmt aber auch konkret Bezug auf den Ort Kassel. Immerhin haben dort die Gebrüder Grimm gelebt“, so Ai Weiwei. Sein Team feilte an dieser Leitidee. Die Festlegung der Teilnehmerzahl auf exakt 1001 z. B. ist einem Mitarbeiter geschuldet: „Im Zentrum von Fairytale steht das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. In dem Moment, wo wir das Ganze Märchen nennen und die Zahl 1001 ins Spiel bringen, haben wir schon zwei Kulturen angesprochen. Immerhin kommt ja die Erzählung „Tausendundeine Nacht“ aus dem arabischen Raum. Wenn man dann noch mitdenkt, dass es diese Formen des Erzählens in China gar nicht gibt. In China erzählt man den Kindern Fabeln und Mythen, Märchen sind ganz klar Westimport.“

Ai Weiwei ist zweifelsohne eine der wichtigsten Persönlichkeiten der chinesischen Kunstszene. Mit Ausstellungen wie der im Jahr 2000 in Schanghai gezeigten Schau „FUCK OFF“ markiert er den Stand der Off-Kunstszene, bündelt Energien und unterstützt Kunstprojekte von noch unbekannten Künstlern. Sein internationales Renommee setzt Ai Weiwei gezielt ein, um die Grenzen des Machbaren in China zu erweitern. Als Sohn des bekannten und während der Kulturrevolution in Ungnade gefallenen Dichters Ai Qing, prägte der kritisch-distanzierte Blick auf die politische und gesellschaftliche Situation Chinas bereits seine Kindheit. Ein 12-jähriger New York-Aufenthalt schärfte diese Optik zudem. 1993 nach Peking zurückgekehrt, gründete er zusammen mit dem Belgier Hans van Dijk die China Art Archives and Warehouses, deren Hauptziel die Dokumentation und Archivierung von Werken der chinesischen Gegenwartskunst ist. Zur Zeit arbeitet er mit den Architekten Herzog und de Meuron am Bau des Pekinger Olympia-Stadions zusammen.

Spricht man Ai Weiwei auf die Reaktion der Presse seit den ersten Gerüchten über das Projekt an, so wirkt er fast gelangweilt. Der Spektakel-Ton und die Banalisierung der Aktion in einigen Artikeln interessieren ihn nicht wirklich. „Wenn sich fremde Kulturen begegnen, egal von welcher Nationalität, besteht immer die Gefahr des Missverstehens. Wir können diese Gefahren ignorieren oder sichtbar machen. In Kassel werden wir diese Prozesse beobachten können. Und egal, was Journalisten oder andere Leute dazu sagen werden, ich bin in erster Linie gespannt auf die Reaktionen der chinesischen Teilnehmer. Wie wird diese Erfahrung ihr Lebensgefühl verändern? Ein Team von Dokumentarfilmern ist engagiert, die Teilnehmer in Kassel, aber auch nach ihrer Rückkehr in die Heimat zu begleiten. Mit der Aktion ist es wie mit einem Stein, den man ins Wasser wirft, da ist man auch gespannt, was passiert, ob er untergeht – vielleicht fängt er an zu fliegen – , oder plötzlich verschwindet.“

Im Internet ausgeschrieben, fanden sich innerhalb weniger Tage mehr als genug Interessierte. Das Team hatte bei der Auswahl ganz klar das Ziel, einen möglichst repräsentativen Querschnitt durch die chinesische Bevölkerung zu erreichen. Vom Bauern aus der südchinesischen Provinz Yunnan bis zum Pekinger Akademieprofessor. „Die Chinesen“, so Ai Weiwei „wollen seit Ende der Qing-Dynastie (1644-1911) wissen, wie das Leben jenseits von China aussieht. Auch ich wollte unbedingt ins Ausland. In diesem Sinne ist die Documenta-Aktion eine sehr einfache Sache: Menschen gehen von einem Ort zum anderen und kommen verändert zurück.“

Im Gespräch mit zwei Teilnehmern der Performance zeigt sich, mit welchem Vertrauensvorschuss an Ai Weiwei sich auch Leute auf dieses Experiment einlassen, die noch nie außerhalb Chinas gewesen sind. So sieht die 22-jährige Fernsehjournalistin Wang Ye in der Aktion die Chance mal einen anderen Teil der Welt zu sehen. Sorgen macht ihr weniger das fremde Land als das enge Zusammenleben mit den eigenen Landsleuten. Von Deutschland hat sie keine konkrete Vorstellung, denkt dabei z. B. an deutsches Bier und die Kopfhörermarke Sennheiser, aber auch an Wagner-Opern und die „Blechtrommel“ von Günter Grass. „Auf einer DVD habe ich das Pink Floyd-Konzert an der ehemaligen Berliner Mauer gesehen.“ Sie singt den Refrain von „Another Brick in the Wall“. „Dieser Song hat für uns Chinesen sicherlich eine noch größere Bedeutung als für die Deutschen. Es geht ja auch um die Mauern in den Köpfen.“

Auch der durch seine waghalsigen Selbstversuche bekannte Pekinger Performance-Künstler He Yunchang (geb. 1967) verlässt sich ganz auf die Organisation von Ai Weiwei. „Ai Weiwei hat uns versprochen, dass für alles gesorgt ist. Er wird uns auch nicht einschränken, wenn wir uns allein bewegen wollen. Sicherlich ist es aber einfacher in kleinen Gruppen unterwegs zu sein, vielleicht mit jemandem zusammen, der ein bisschen Englisch kann.“ Auf sein Bild von Kassel angesprochen antwortet He Yunchang: „Kassel ist für mich quasi perfekt, weil dort die Documenta stattfindet. Und dann habe ich auch gehört, dass Kassel eine Stadt mit einer langen Tradition ist. Ich stelle sie mir ein bisschen vor wie meine Heimat Yunnan. In Europa ist die Umwelt ja nicht so zerstört wie hier in den chinesischen Großstädten.“ Wenn er seine Beweggründe, an der Aktion teilzunehmen, formuliert, klingt seine Stimme fast feierlich: „Wir kommen als Botschafter des heutigen China.“ Nach einer kurzen Pause ergänzt er: „Am meisten interessiert mich aber natürlich die Unberechenbarkeit der ganzen Aktion.“


Erstveröffentlichung durch: taz