Dschungel am Suzhou River

artnet 2006-01-24

Die Anziehungskraft ruinöser Industriearchitektur auf die freie Kunstszene ist international. So auch in Shanghai. Seit Mitte 2003 wählten dort neben chinesischen auch rund ein halbes Dutzend ausländische Galerien die vom Verfall gezeichneten Gebäude eines 40.000 Hektar großen Fabrikareals an der Moganshan Road als Showrooms.

Seine historische Aussagekraft erhält das Gelände im Pu-Tuo-Distrikt durch das Nebeneinander von Gebäuden, die in einem Zeitraum von 1937 bis 1994 entstanden sind. Aus dem Blickwinkel der Architektur wird hier chinesische Geschichte geschrieben, die Seiten füllen würde. Unprätentiös nennt man sich schlicht M 50.

Angesichts der für chinesische Metropolen charakteristischen Beschleunigung und der radikalen Verdrängung gewachsener Strukturen durch zumeist gesichtslose Neubauten, lässt ein Besuch des „Art Quarter“ an der Moganshan Road tief durchatmen. Abseits vom geschäftigen Trubel des Shanghaier Zentrums und unweit der Windungen des Suzhou River zählt das Areal mittlerweile zu den kulturellen Highlights Shanghais. In schmalen Gassen weisen Schilder den Weg. Auch zwei Jahre nach der Eroberung des Areals durch die Kunstszene herrscht noch rege Aufbruchsstimmung. Immer wieder begegnet man Handwerkern, die mit bester Laune und ohne jede Hast weitere Gebäudeteile instand setzen. Doch das kontinuierliche Klopfen und Hämmern scheint niemanden zu stören: Im Stockwerk über einer Baustelle sitzen ein Künstler und seine Frau gemütlich beim Tee.

Zur gemeinsamen Vorgeschichte von Galeristen und zahlreichen Künstlern, die in den verwinkelt angelegten Gebäuden an der Moganshan Road ihre Ateliers haben, gehört der unfreiwillige Auszug aus den riesigen Lagerhäusern des benachbarten Geländes. Nur zwei Jahre währte der Betrieb in den Speichern, die noch die architektonische Handschrift der britischen Besatzungszeit trugen. Dann wurde trotz intensivster Lobbyarbeit abgerissen, ein einziges Gebäude erinnert noch an diese Zeit. Jedem Kontext entrissen steht es nun objekthaft auf einer begrünten Freifläche. 2004 widmete sich das von der Eastlink Gallery veranstaltete internationale Kunstprojekt „Matchmaking at Suzhou River“ dem geschichtsträchtigen Areal. Der Künstler Wang Shugang ließ damals den solitären Backsteinbau in tiefem Rotlicht erstrahlen.

Mit dem Namen des Direktors der Eastlink Gallery, Li Liliang, verbindet sich selbstredend der Skandal, den er im Rahmen der „fringe“ – die inoffizielle Parallelveranstaltung zur ersten Shanghai Biennale 2000 – provozierte. Er zeigte die Fotoarbeit Zhu Yus, auf der ein Mann ein Embryo isst. Die Ausstellung wurde umgehend geschlossen. Vorbei seien die Zeiten, in denen Kunst Rücksichten auf gesellschaftliche Empfindlichkeiten nimmt, so die unmissverständliche Message.

Weniger Konfliktpotential bieten die Werke der Künstler, die von Art Scene Warehouse (ASW) vertreten werden. Für die 1800 Quadratmeter große Galerie modernisierte man die bis zu 6 Meter hohen Hallen einer ehemaligen Textilfabrik und schuf durch bewegliche Wände variable Ausstellungsmodule, Bauhausmöbel laden stilvoll zur Kunstbetrachtung ein.

Der Italiener Davide Quadrio hat sich mit seinem „not-for-profit art center” BizArt ebenfalls in M 50 niedergelassen. Durch Sponsoren wie das British Council ist es Quadrio möglich, sich mehr um die Organisation von Projekten, Workshops und Symposien zu kümmern als um verkaufsträchtige Ausstellungen. Ein Beispiel ist das Künstleraustauschprogramm artistlinks. Besorgt äußert sich Quadrio über die ausländische Gier nach neuer Kunst aus China. Gerade die jungen Künstler könne dies nur irritieren.

Hinter dem Namen ShanghArt steht das Team des Schweizers Lorenz Helbling. Die Liste der Galerie-Künstler enthält gleich mehrere bereits international renommierte chinesische Avantgardisten. Auf der Homepage finden sich Fotos, die den Schweizer Sammler chinesischer Gegenwartskunst Uli Sigg zu Besuch bei Shanghart zeigen. Trotz dieser Heimatkontakte definiert Helbling ShanghArt mittlerweile nicht mehr als ausländische Galerie. Sein Interesse gilt nachdrücklich dem chinesischen Markt für Gegenwartskunst aus China. Im letzten Jahr ist zur Galerie noch der H-Space hinzugekommen. Mit seinen 700 Quadratmetern bietet er ideale Bedingungen für thematische Ausstellungen.

Eine gemeinsame Homepage für das M 50 gibt es noch nicht. So ist auch nach einem Besuch schwer zu sagen, wie viele Ateliers sich in dem architektonischen Dschungel verbergen. Ein bereits veralteter Plan verweist auf rund 30 Studios. Was aber den Besuch der Moganshan Road noch einmal so lohnend macht, sind die visuellen Bonbons, die sich bei jedem Blick um die nächste Ecke anbieten. Einmal ist es der Suzhou River, der sich mit seinen elegant-lässigen Schwüngen durch das unaufhaltsam wachsende Häusermeer schlängelt. Und immer wieder sind es nutzlos gewordene Relikte vergangener Schwerstarbeit, denen nun Objektcharakter zukommt.