Die Avantgarde will keinen Schonraum
Galerien für zeitgenössische Kunst in Peking und Berlin

iLook, 2007-06

Peking und Berlin sind nicht nur offizielle Partnerstädte, sondern auch zwei der wichtigsten Labore der Gegenwartskunst. Geographische und kulturelle Grenzen überschreitend, zog es seit jeher die Künstler dahin, wo Geschichte geschrieben wird, wo gesellschaftliche Umbrüche stattfinden, wo es Ecken und Nischen gibt, in denen sich kreatives Potential zunächst unbehelligt von offizieller Kontrolle entwickeln kann, um dann die öffentliche Resonanz zu suchen.

Während die bereits etablierte Kunst nach renommierten Museen verlangt, sucht die Avantgarde den Ruinencharme ehemaliger Industrieareale, das raue und pragmatisch-funktionale Lebensumfeld des einfachen Mannes. Unansehnliche Hinterhöfe inspirieren mehr als schicke Vorderhausgalerien, verfallende Lagerhallen und Produktionsstätten atmen die Energie proletarischer Zähigkeit. In Peking ist es das labyrinthisch anmutende Gelände der einst größten asiatischen Fertigungsanlage für Militärgüter, welches seit einigen Jahren das Zentrum der chinesischen Gegenwartskunst beherbergt: die 798 factory. Die einstigen Wohnquartiere der Arbeiter mitgerechnet, umfasst das Areal ca. 500.000 Quadratmeter. Ende der 1950er Jahre von DDR-Architekten im Bauhaus-Stil entworfen, besticht der Gebäudekomplex noch immer in seiner modernen und reduzierten Formensprache. Die Spuren der Kulturrevolution haben heute Kult-Status. So prangen die roten Schriftzeichen der Mao-Hymnen ‑ dem Zeitenwandel zum Trotz ‑ an zahlreichen Wänden der einstigen Produktionshallen. „Der Vorsitzende Mao ist die rote Sonne, die in unseren Herzen scheint“, heißt es in der zentralen Ausstellungshalle.

Labyrinthische Kunstquartiere

Mitte der 1990er Jahre entdeckten die Künstler der chinesischen Off-Kunstszene das Areal, allen voran Huang Rui. Hier begann man aufzuholen, was im Ausland mittlerweile Teil des etablierten Kunstbetriebs geworden war. Ateliers und Wohnungen im Loftstil entstanden. Schnell fanden die künstlerischen Aktionen das Interesse der internationalen Kunstszene. Mittlerweile befinden sich mehrere Dutzend chinesischer und ausländischer Galerien auf dem Gelände. Aus Italien kam zunächst die Marella Gallery, später die Galeria Continua. Mit Chinese Contemporary, deren Erstsitz sich in London befindet, dem White Space mit Wurzeln in Berlin und der Red Gate Gallery des Australiers Brian Wallace ‑ gleich mit zwei Galerien in Peking vertreten – haben sich international etablierte Institutionen aus dem Ausland in 798 angesiedelt. Von chinesischer Seite ist es das Pekinger 25000 Cultural Transmission Center, das in Zusammenarbeit mit der New Yorker Long March Foundation für ein intellektuell höchst anspruchsvolles Programm garantiert und die Ergebnisse ihres Open-End-Projekts in den Hallen des Long March Space zeigt.

Auch Book-Shops, Designer-Läden, Foto- und Zeitschriftenagenturen, Restaurants, Cafés, Bars und Clubs folgten dem Ruf der Kunst. Wo einst der Schweiß der Arbeiter floss, fließt jetzt das Geld gleich in verschiedenen Währungen. So sind für die ebenfalls auf dem Areal ansässige Designerin Feng Ling die Relikte der Mao-Ära von rein dekorativem Interesse. Mao-Abbildungen auf trendigem Armee-Look fungieren als Markenzeichen ihrer Mode. Höchst exklusive Preise bestimmen die Käufer-Klientel.

Schnapsfabrik, Fischzuchtbecken und graue Steinquader

Die Pekinger Kunstszene wächst unaufhaltsam weiter. Neben großangelegten Museumsneubauten sprechen Insider mittlerweile von mehr als 400 Galerien in Chinas Hauptstadt. So wählte auch der koreanische Unternehmer und Millionär Kim Chang-il den Pekinger Nordosten als Standort der Arario Gallery. Mit 3000 Quadratmetern top-designter Ausstellungsfläche in den Gebäuden einer ehemaligen Likördestillerie verkündete er bei der Eröffnung im Dezember 2005 unbescheiden, „ein Pendant zum Künstlerviertel 798“ etablieren zu wollen.

Ebenfalls im Chaoyang-Distrikt unweit von 798 gelegen, befindet sich das grau-staubige Dorf Chaochangdi. Hier ließen sich in den letzten Jahren gleich mehrere Galerien nieder, so 2005 auch der Holländer Waling Boers und sein Partner Pi Li. „Bevor wir die Hallen zu Ausstellungsräumen umgebaut haben,“ so Waling Boers, „waren es einfache Lagerhallen. Ursprünglich soll hier eine Fischzucht-Anlage gewesen sein.“ Wichtig ist dem Organisations-Duo der Non-Profit-Charakter der Universal Studios, einem Ausstellungs- und Projektraum für internationale und besonders für junge chinesische Kunst.

Vorreiter an diesem unwirtlichen Ort war allerdings der Künstler, Kurator, Architekt und Kunstkritiker Ai Weiwei. Nicht nur sein Wohnhaus, seine Büros und Ateliers ließ er im für ihn typischen Stil grauer, kubisch angeordneter Gebäudesegmente bauen, sondern auch die China Art Archives and Warehouses (CAAW) und die Schweizer Galerie Urs Meile, Institutionen in denen Ai Weiwei auch inhaltlich mitwirkt. Ein weiterer Atelier- und Wohnhauskomplex in unmittelbarer Nähe befindet sich gerade unter seiner Leitung im Bau. „Egal welchen kulturellen Background man mitbringt“, so Urs Meile, „wenn man Ai Weiweis Gebäude betritt, spürt man beides: den starken Rückbezug auf die traditionell-chinesische Courtyard-Architektur und die speziell auf die Nutzungsbedürfnisse zugeschnittene Umsetzung dieser Vorgaben. Trotz ihrer höchst modernen Ästhetik stellen diese Hofhäuser keinen Fremdkörper in dem sie umgebenden dörflichen Umfeld dar.“

Berlins Szene-Quartiere: Geschichte auf Schritt und Tritt

Das Tempo, mit dem chinesische Metropolen in den letzten 10 bis 15 Jahren ihr Gesicht verändert haben, ist schwindelerregend und häufig verarbeiteter Stoff der Kunst- und Filmszene. Preist die Wirtschaft und Immobilienindustrie den Aufschwung und zeigt glänzende Hochhaus-Skylines vor blauem Himmel, so sind Chinas Avantgardisten unermüdlich auf der Suche nach neuen Industriebrachen, spielen international gerühmte chinesische Filme im Schmuddel-Mileu der wenigen noch existenten Hutong-Siedlungen. Dieser Trend ist nicht originär-chinesisch. Aus gutem Grund vergleicht man die 798 factory mit dem New Yorker Soho-Quartier. Pekings Luxus ist vor allem der immer noch reichlich vorhandene ruinencharmante Tummelplatz. Und genau an dieser Stelle treffen sich die ungleichen und doch verwandten Brüder bzw. Schwestern Peking und Berlin. Schufen doch die durch den Zweiten Weltkrieg entstandenen Trümmerlandschaften, die anschließende Inselsituation Westberlins und die systematische Vernachlässigung des baulichen Erbes in der DDR höchst inspirierende Zeugnisse des Verfalls.

Anders als in Peking gab es glücklicherweise in Berlin nie ausreichend Finanzmittel, um z. B. dem Kahlschlag-Bedürfnis und Ordnungsstreben der 1970er Jahre in flächendeckendem Ausmaß nachzugeben. Noch heute – gut 50 Jahre später ‑ zeugen Einschusslöcher in unrenovierten Hausfassaden vom deutschen Alptraum des Zweiten Weltkriegs. Jetzt beherbergen diese baulichen Zeugen der Geschichte coole Clubs und Wohngemeinschaften, in denen man viel Wert auf die Selbstbeschreibung legt, nicht der Verführung des bürgerlichen Wohlstandes nachgegeben zu haben.

Alte Gemäuer mit geschichtsträchtigem Vorleben sind hoch im Kurs in Berlins Kulturszene. Wichtig ist allerdings der Ort, an dem sie stehen. Wer mit Kunst, Film, Theater oder Kulturmanagement zu tun hat, den zieht es in den ehemaligen Ostteil der Stadt, nach Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Neuerdings siedeln sich die ersten Galerien auch wieder im ehemaligen Zentrum der alternativen Szene an, im Westbezirk Kreuzberg.

Stuck-Fassade und Backsteinflair

Wer Deutschlands Hauptstadt zur Heimat wählt, akzeptiert, dass die Löhne hier niedriger sind als anderswo, besonders im Kreativsektor. Zu viele Kreative vor Ort senken die Preise. Entschädigt wird man dafür durch ein Angebot an Kultur, dass in seiner unerschöpflichen Breite von experimentellen Aktionen bis zur renommierten Spitzenliga reicht. Auch hier schlägt Peking einen ähnlichen Weg ein. Während man in Chinas Hauptstadt allerdings stundenlange Taxi-Fahrten in Kauf nehmen muss, reicht bei gutem Wetter in Berlin das Fahrrad.

In Berlin ist deutsche Architekturgeschichte von der Antikenbegeisterung des 18. Jahrhunderts und floralen Mustern des Jugendstils über den tristen sozialistischen Plattenbau à la DDR bis hin zu minimalistisch strengen Neubauten und Glasfassaden oftmals auf einer Straßenlänge präsent. Ein glänzendes Beispiel stellt die schmale, nahezu kleinstädtisch anmutende Auguststraße in Mitte dar, die in ihrer Galeriendichte kaum zu übertreffen ist. Hier findet denn auch zweijährig die Berlin-Biennale statt, die ihr Ausstellungs- und Organisationszentrum in den Kunst Werken (KW Institute for Contemporary Art) hat. Der Kurator Klaus Biesenbach hatte 1990 die baufällige, ehemalige Margarinefabrik entdeckt, sie zusammen mit einigen anderen Berliner Kunstbegeisterten sanieren lassen und als einen Projektraum für zeitgenössische Kunst etabliert. Das denkmalgeschützte Vorderhaus aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und die Fabrikanlage aus der Gründerzeit wurden Mitte der 1990er Jahre durch zwei Neubauten des amerikanischen Künstler Dan Graham ergänzt. Bei sonnigem Wetter gehört der Innenhof der KW mit dem Glasbau des Café Bravo zu den schönsten Plätzen Berlins.

Die nahe gelegenen und detail-verliebt restaurierten Sophie-Gips-Höfe beherbergen ebenfalls geballtes Kunstprogramm. Auf dem Areal einer ehemaligen Nähmaschinenfabrik und drei Bürgerhäusern ‑ gebaut Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts – sind neben der amerikanischen Kaffeerösterei mit Café- und Restaurantbetrieb Barcomies u. a. die Galerie Contemporary Fine Arts und der Galerist Alexander Ochs ansässig, Spezialist für chinesische Gegenwartskunst und Begründer des White Space in 798. Mit gleitenden Wänden lassen sich die einstigen Gewerberäume seiner Galerie für jede Ausstellung umstrukturieren. In diesem Jahr feiert die Galerie ihr 10-jähriges Jubiläum. Das Gesamtkonzept der Höfe entwickelte das Kunstsammlerehepaar Hoffmann (Sammlung Hoffmann-Könige). 1995 ließen sie das denkmalgeschützte Gebäude sanieren und zeigen seitdem im ausgebauten Dachgeschoss die von ihnen erworbenen Werke der Gegenwartskunst. Licht- und Dachinstallation zeitgenössischer Künstler machen die Höfe zu einem atmosphärischen Ruhepol im ältesten Teil des heutigen Berlin.

Tacheles heißt „Klartext reden“

Das heutige Zentrum der Berliner Kunstszene, Berlin Mitte, befindet sich im einstigen jüdisch dominierten Viertel der Stadt. Die prachtvolle Synagoge auf der Oranienburger Strasse ist deutliches Zeugnis des einst kulturell-pulsierenden jüdischen Lebens im Herzen der deutschen Hauptstadt. Auf Jiddisch bedeutet „Tacheles“ „Klartext reden, sich offenbaren, jemandem seine Meinung sagen“, heute steht der Name für Berlins bekannteste Kunst-Ruine.

Das Tacheles befindet sich einen kurzen Fußmarsch von den Sophie-Gips-Höfen entfernt. Der Weg führt vorbei am ehemaligen Alten Postfuhramt (gebaut 1875), in dem seit einigen Jahren temporäre Kunstausstellungen stattfinden und neuerdingt der trendige Privatclub Rodeo residiert. Das Tacheles selber wurde 1909 als „Passagen-Kaufhaus“ unter der Leitung des kaiserlichen Baurates errichtet und ist das einzige noch existente Zeugnis der Berliner Passagenarchitektur um die Jahrhundertwende. Weil das Gebäude eine der größten Stahlbetonrippenkuppeln besaß, erhielt es den Spitznamen „Kathedrale der Waren“. Während des Zweiten Weltkrieges befanden sich hier mehrere Büros von Naziorganisationen und ab 1943 ein Lager für französische Kriegsgefangene. Nicht aber der Krieg zerstörte das luxuriöse Gebäude, dessen Fassade gotische und klassizistische Stuckarbeiten zeigt, sondern die 1980 erfolgten Sprengarbeiten im Auftrag der DDR-Führung. Es sollte Platz geschaffen werden für einen historisch weniger belasteten Neubau. Als 1990 – kurz nach der Wende also ‑ auch der jetzt noch vorhandene Westflügel beseitigt werden sollte, besetzte die Künstlerinitiative Tacheles die Ruine und erreichte letztendlich, dass die Relikte vergangener Glanz- und Gräuelzeiten unter Denkmalschutz gestellt wurden. Seitdem hat das Tacheles den Status eines Gesamtkunstwerkes und gehört, wie die Berliner Gedächtniskirche, zum Pflichtprogramm eines jeden Berlin-Touristen. Allerdings finden sich im Tacheles nicht etwa Souvenirshops. Ein Off-Kino, mehrere schrill-eingerichtete Bars, eine Techno-Disco, aber auch Räume für temporäre Kunst- und Theaterprojekte verbergen sich hinter der schäbigen Straßenfront. Im Sommer lädt der riesige Innenhof-Biergarten der Ruine zum loungigen Strandambiente im Großstadttrubel.

Gut versteckte Kunst

Neben Alexander Ochs ist Waling Boers der zweite Fachmann für internationale Gegenwartskunst mit China-Fokus in Berlin. Bevor Boers die Universal Studios in Peking gründete, startete er 1997 mit dem Kunstraum Büro Friedrich. Seit einigen Jahren zeigt Boers die aktuellen Kunst-Positionen in den Rundgewölben der S-Bahnbögen an der Jannowitzbrücke. Zuvor gesichtslose Lagerräume an der unwirtlichen Grenze der Bezirke Mitte und Friedrichshain geben die Fenster der Ausstellungsräume jetzt den Blick auf die langsam fließende Spree frei. Wer keine genaue Wegbeschreibung hat, scheitert auf der Suche nach den 5 Galerien, die sich hier eher verstecken denn präsentieren, so sicher, wie ein Nicht-Insider in Peking. Doch wen stört’s: die Szene kennt die Schlupfwinkel der Kunst, alle anderen sind für den Kunstbetrieb nicht wirklich von Interesse. Koordinierte Vernissage-Termine sichern den einzelnen Institutionen die Partystimmung bei den Openings. „Als ich 2000 zum ersten Mal in Peking war,“ so Waling Boers, „beobachtete ich in der dortigen Off-Kunstszene einen ähnlichen Mechanismus wie in Berlin um die Mitte der 1990er Jahre. Die Künstler, Galeristen und Kuratoren verwenden alle Energie darauf, die soziale und politische Umbruchsituation produktiv in ihrer Arbeit umzusetzen. Die offiziellen Institutionen tun sich viel schwerer damit, neue Ziele für ihre Tätigkeitsfelder zu formulieren. Es gibt in beiden Städten wirklich innovative neue Kunst-Projekte, die sich nicht durch die Schwerfälligkeit öffentlicher Förderung behindern lassen.“

Die letzte Station dieses imaginären Rundgangs durch Berlins Galerien-Szene führt in den ehemaligen Westbezirk Kreuzberg. Zum neuen Domizil seiner Peres-Projects wählte der Galerist Javier Peres aus Los Angeles die nahe der U-Bahn-Station „Schlesisches Tor“ gelegenen Gewerbehöfe, deren pragmatisch-schlichte Backstein-Flachbauten zuvor als Werkstatt für Metallverarbeitung dienten. Peres kommt ins Schwärmen, wenn er von den Berliner Ausstellungsbedingungen redet. Die niedrigen Quadratmeterpreise ließen ihn gleich den ganzen Flachbau mieten. „Endlich habe ich Platz, großformatige Arbeiten zu zeigen. Und dann der Blick auf den Fluss! Kulturell halte ich Berlin für die bedeutendste europäische Stadt. In meinen Augen hat die Hauptstadt immenses Potenzial, besonders in den Grauzonen der Metropole. Es reizt das Unfertige, Unausgegorene, die Art von Charme, den Berlin ausstrahlt.“


Fotos: Nadine Dinter